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Was bleibt noch im November? Joggen, der Sport des kommenden Monats. Foto. afp

Breitensport in Hessen

„Fast keine Neueintritte“

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen, über die nachhaltigen Schäden des zweiten Lockdowns für den Breitensport.

Herr Müller, zum zweiten Mal muss der Amateursport aufgrund der Pandemie seinen Betrieb einstellen. Was ist Ihr Eindruck, wenn Sie sich bei den Vereinen umhören, was überwiegt: Fassung, Frustration oder doch Verständnis?

Es ist Verständnis für die Entscheidung da. Wir sind ja auch Teil der Gesellschaft und bekommen die rasant steigenden Zahlen mit. Aber natürlich ist da auch Enttäuschung, gerade weil wir in der Phase nach dem 17. März unendlich viele Maßnahmen ergriffen haben, digitale Angebote und Hygienekonzepte entworfen und umgesetzt haben. Die Vereine waren äußerst kreativ, rege und fleißig, da ist es natürlich enttäuschend, wenn es zum zweiten Mal zum Sportverbot kommt.

Sie wählen ganz bewusst den Begriff Sportverbot?

Ja, denn es gibt ja nur die Ausnahme für den Individualsport auf privater Ebene. Ansonsten ist ja der gesamte Sportbetrieb im Verein untersagt.

Stand jetzt steht mit Ende November zumindest ein Endpunkt der Beschränkungen fest. Macht das Hoffnung?

Das ist ganz wichtig. Wir können nur hoffen, dass die Aussetzung des Breitensports kein Dauerzustand wird. Ansonsten wird immer mehr die im Moment noch unterschätzte Motivationsfrage aufkommen. Ich halte diesen psychologischen Aspekt für sehr, sehr gravierend und nachhaltig schädlich.

Was genau meinen Sie damit?

Die Spitze sind die Olympischen Spiele, da trainieren die Leute wie verrückt darauf hin. Und dann macht es Bumm! – und plötzlich ist das Ziel weg. Das gibt es im Kleinen auch. Da geht es nicht um die Olympischen Spiele, da geht es um andere Ziele wie etwa Bezirksmeisterschaften. Gerade für junge Nachwuchssportler ist das dann sehr schwierig.

Zur Person

Rolf Müller, 72, steht seit 1997 an der Spitze der größten Personenvereinigung Hessens, dem Landessportbund. Der Schwimmhochschulmeister von 1969 saß zudem von 1978 bis 1988 und von 2003 bis 2014 für die CDU im Hessischen Landtags. (FR)

Es steht zu befürchten, dass sich Mitglieder, die keine Angebote mehr wahrnehmen können, vom Verein abwenden, die Lust an ehrenamtlicher Arbeit nachlässt und insbesondere Kinder und Jugendliche nur noch schweren Zugang zum Vereinssport finden.

Ist bereits ein Mitgliederschwund spürbar?

Nein. Unsere Vereinsumfrage aus dem Sommer zeigt, dass die Vereinstreue in der Regel sehr hoch ist. Wir sehen keinen signifikanten Anstieg bei den Austritten. Das Problem liegt genau auf der anderen Seite, bei den Neueintritten. Da haben wir quasi ein schwarzes Loch, Neueintritte finden derzeit so gut wie nicht statt. Das wird mittelfristig zum Problem werden.

Wie steht es um die finanziellen Aussichten?

Der organisierte Sport in Hessen ist vielschichtig. Wir haben eine Menge kleiner Vereine, die haben solide gewirtschaftet, das ist kein Problem. Aber stellen Sie sich einen Mehrspartenverein mit vielen Übungsleitern, hauptamtlichen Mitarbeitern und Vereinsgaststätte vor: Da geht es wirklich um größere Summen. Die Vereine sind belastbar, aber wir dürfen nicht versuchen herauszufinden, wann diese Belastbarkeit endet. Daher benötigen wir politische Hilfe wie zum Beispiel ein Gesetz zur Stärkung des Ehrenamtes, finanzielle Hilfestellungen und Zeichen der Wertschätzung.

Was steht auf dem Spiel?

Ich war 55 Jahre im Vorstand meines Vereins. Ein Verein ist ja nicht nur eine Zusammenfügung von Menschen, die Sport treiben wollen. Ein Verein ist mehr: Da ist Gemeinschaft, da sind persönliche und emotionale Verbindungen. Wenn das alles wegbricht, weil man sich nicht mehr treffen kann, dann ist das für die ganze Gesellschaft ein Riesenverlust.

Interview: Jakob Maurer

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