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Grün steht ihm gut: Marcel Kittel, 14-facher Tour-Etappensieger.
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Grün steht ihm gut: Marcel Kittel, 14-facher Tour-Etappensieger.

Radsport

Ex-Sprinter Marcel Kittel über Druck, Depressionen und Doping

  • Jörg Hanau
    VonJörg Hanau
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Der ehemalige Radprofi Marcel Kittel hat ein Buch verfasst – „Das Gespür für den Augenblick“. Er schreibt darin unter anderem über Druck, Depressionen und Doping.

Herr Kittel, Sie sind unter die Buchautoren gegangen. Biografie oder therapeutischer Selbstzweck?

Therapie würde ich nicht sagen, Eine Biografie bis zu meinem 33. Lebensjahr - aber danach kommt ja noch was. Für mich ist es eine Erzählung eines ehemaligen Profiradrennfahrers, der beschreibt, wie er die guten aber eben auch die schweren Momente seiner Karriere wahrgenommen hat. Es ist ein ehrliches Buch, es beleuchtet nicht nur die schöne Seite meines ehemaligen Berufs, sondern eben auch die schwierige. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere darin sogar wieder oder bekommt einen Denkanstoß.

Sie haben viele große Siege eingefahren, allein 14 Tour-Etappen gewonnen, so viele wie kein anderer Deutscher zuvor. Sie waren der Strahlemann des deutschen Radsports. Es gab für Sie aber nicht nur das Scheinwerferlicht des Erfolgs. Sie sprechen in Ihrem Buch auch von Burnout und Depressionen, Sie tauchen in Ihren Tagebucheinträgen aus dem Jahr 2015 in eine Welt ab, die eine dunkle ist und nicht gerne preisgegeben wird. Hat sie der Erfolg aufgefressen?

Der Erfolgs ist mir 2015 extrem auf die Füße gefallen. Auch wenn es von außen scheinbar leicht aussieht, ist es doch hart und anstrengend. Mit den Erfolgen prasseln auch viele Pflichten auf einen ein. Die Leidenschaft am Sport wird ersetzt durch einen Beruf.

Sie beschreiben ein Leben von zu hoher Intensität - physisch wie psychisch. Ihr Körper war nicht mehr in der Lange all dem standzuhalten. Dennoch haben Sie es sich nicht anmerken lassen. War es eine große schauspielerische Leistung?

Jeder Sport, jeder Job ist hart. Aber auf dem höchsten Niveau steigen die Erwartungen von außen und auch an sich selbst. In Kombination mit einem unglaublich brutalen und harten Sport kommt man sehr schnell an einen Punkt, an dem man überfordert ist. Einerseits war es Pokerface, andererseits konnte ich damit umgehen, es kleinzureden und mich sportlich mit weiteren Siegen wie etwa bei der Tour de France zu beweisen. Dennoch: Ich war anfangs unvorbereitet auf diesen harten Sport mit seinen Herausforderungen, die auf dem Profilevel neu dazu kommen. Das war eine neue Dimension. Es werden 110 Prozent verlangt, aber ich kann nur 100 geben. Das kam 2015 wie ein Boomerang zu mir zurück und hat mich umgehauen.

Was genau hat Sie umgehauen?

Bis 2015 war ich der junge Sportler, der viel und unerwartet Erfolg hatte. Das hat mich überfordert. Der hohe Erwartungsdruck der Kollegen, der Fans oder der Medien war für mich so nicht einkalkuliert. Denn wenn du mal nicht funktionierst, die Siege ausbleiben, fehlt plötzlich dieser Support und es wird still um dich herum. Dann hast du plötzlich Zeit für dich und beginnst aufzuarbeiten, was in den zurückliegenden drei, vier Jahren überhaupt mit dir passiert ist. Was habe ich gemacht? Wo bin ich überhaupt? Und, wo ist der Typ, der ich war bevor ich Profi wurde? Für mich war das ein kleiner Selbstfindungstrip. Ich musste mich neu kalibrieren und mir klarmachen, was will ich eigentlich für mich? Und was will ich von meinem Sport?

Sie haben Hilfe bei einer Psychologin gesucht und gefunden. Und sind anschließend sportlich noch stärker zurückgekommen. Wie ging das?

Das mag jetzt sehr esoterisch klingen, aber ich habe einfach meine Mitte wiedergefunden. Das konnte ich nur, weil ich 2015 dieses Scheißjahr hatte. Mein Glück war, dass ich noch relativ rational entscheiden konnte, was mir allerdings auch schwer fiel. Dazu gehörte auch die Entscheidung, mit einer Sportpsychologin zusammenzuarbeiten. Auch mir einzugestehen, dass ich mit meinem damaligen Team nicht mehr weiterkomme. Ich musste etwas verändern, bin von Giant-Alpecin zu Quickstep gewechselt, habe meine Heimat in Thüringen und Erfurt 2016 hinter mir gelassen. Ich merkte, ich muss mich neu herausfordern, auch von der Umgebung. Das hat mir unheimlich gut getan und mich zurückgeführt in meine Mitte.

Zur Person

Marcel Kittel , 33, steht unmittelbar vor dem Umzug. Ende Oktober siedelt der ehemalige Topsprinter vom Bodensee in die Niederlande um - in die Heimat seiner Lebensgefährtin Tess van Piekartz, einer ehemaligen Volleyball-Nationalspielerin. Dort sollen die gemeinsamen Kinder Lex (22 Monate) und Lizzy (fünf Monate) aufwachsen.

Als Radprofi gewann Marcel Kittel 89 Rennen - darunter 14 Etappen bei der Tour de France und vier beim Giro d’Italia. Im August 2019 beendete er seine Karriere. (hu)

Aber das war nur der Beginn eines neuen Kreislaufs. Wieder waren Sie außerordentlich erfolgreich, Sie waren besser denn je. Und doch hat Sie 2019 alles wieder eingeholt.

In vielen Zügen war es ähnlich. Ich war wieder in einem Grenzbereich angekommen. Zu dieser Zeit fuhr ich für Katusha und fand dort nicht das Umfeld, das ähnlich denkt und arbeitet wie ich es brauche. Auf einmal war der Zug wieder aus dem Gleis gesprungen und ich stand neben mir. Da habe ich mir gesagt: „Shit, es ist zwar nicht ganz so schlimm wie 2015, aber ich muss für mich wieder Dinge neu bewerten“. Wieder eine Achterbahnfahrt bis dorthin, ein neues Tief. Aber auch der Zeitpunkt, mir klar zu werden, was will ich? Was kommt noch in meinem Leben? Ich wusste, dass ich im Dezember 2019 erstmals Papa werden würde. Wie passt das in mein Leben? Wie wichtig ist das für mich? Ich habe viel reflektiert und konnte am Ende mit gutem Gewissen die Entscheidung treffen, meine Karriere zu beenden.

In Ihrer Zeit als Radprofi haben Sie sich auch intensiv dem Antidopingkampf verschrieben, sogar einen Lügendetektortest über sich ergehen lassen, um öffentlich zu belegen, sauber zu sein. War das Marketing? Oder aus Überzeugung für die gute Sache?

Ich wollte einfach ein Umdenken erzeugen, die Menschen sollten sich von einem selbst ein Bild machen. Das war mir unheimlich wichtig und es hat sich auch ausgezahlt. Marketing ist nicht der richtige Begriff. Aber der Lügendetektortest hat dazu geführt, dass wir wahrgenommen und daran gemessen wurden. Ich hatte ja nichts zu verstecken, aber ich hatte auch keine andere Wahl. Und das war auch gut so. Wenn der Sport von den Journalisten nicht den Finger aufgelegt bekommt, der etwas drückt, dann sind wir ganz schnell wieder in den dunklen Zeiten von Jan Ullrich und Co.. Kritischen Journalismus gab es damals nicht.

Dann verstehen Sie auch die Annahme, dass der Sieger per se verdächtig ist?

Absolut, das ist das Erbe der ganzen Dopingskandale im Radsport und Leistungssport im Allgemeinen. Es gab eine Zeit, da haben sich Journalisten gerade aus Deutschland schon vorher entschuldigt, wenn Sie einen nach Doping fragten. Wenn das nicht mehr möglich ist, wäre das der Anfang vom Ende.

Wie lautet die Botschaft Ihres Buches?

Ich wollte alles erzählen. Die Botschaft ist ganz klar: Es ist ein ultraharter Sport, es gibt Momente, in denen man strauchelt und mit sich kämpft. Gerade jetzt, wo alles schön poliert ist auf Social Media, nach außen hin toll aussieht, aber dann doch eine Welt verdeckt, in der es den Leuten auch mal Scheiße geht. Gerade für junge Sportler ist das ganz wichtig. Die Frage ist nicht, ob der Moment kommt in dem es einem schlecht geht, sondern wann. Profiradsport darf für sie nicht alles sein im Leben. Es gibt auch noch etwas darüber hinaus. Die Message des Buches ist daher auch, aus den Luftschlössern die Luft wieder rauszulassen.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren.

In Holland, mit gesunden Kindern - und gerne mit einem Bachelor der Wirtschaftswissenschaften in der Tasche.

Interview: Jörg Hanau

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