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Auch der Profifußball müsste mehr soziale Verantwortung übernehmen, findet Ewald Lienen.
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Auch der Profifußball müsste mehr soziale Verantwortung übernehmen, findet Ewald Lienen.

Kein „Weiter so“

Ex-Fußballprofi Ewald Lienen: „Ich kann mich für viele unserer Generation nur schämen“

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Der Ex-Fußballprofi und Trainer Ewald Lienen schämt sich für die Ausbeutung der Natur und eine oft sinnentleerte Konsum- und Leistungsgesellschaft – in der Wirtschaft wie im Sport.

Herr Lienen, was war für Sie der spezielle Merkel-Moment, in dem diese Kanzlerschaft für Sie einen Unterschied machte?

Dass die langen Jahre der großen Koalition zu wenig genutzt wurden, um wirklich fundamental in eine ganz andere Richtung zu gehen, steht für mich fest. Es wurde viel nicht zu Ende gedacht und sogar ausgebremst, wie bei den erneuerbaren Energien. Aber Angela Merkel ist daran natürlich nicht allein schuld. Sie ist Bundeskanzlerin und keine Diktatorin.

Was muss eine neue Regierung also anpacken?

Wir benötigen schnell ein besseres und ambitionierteres Konzept für die erneuerbaren Energien. Da haben wir nach gutem Start unseren Vorsprung inzwischen verloren, weil wir ausgerechnet in dem Moment stehengeblieben sind, in dem sich viele andere Länder an die Umwandlung ihrer Industrien gemacht haben und die notwendigen Maßnahmen dringender denn je erscheinen. Die ganze Welt schaut auf uns, wie wir den Kohleausstieg hinbekommen. Wir müssen diese riesigen Dreckschleudern bald vom Netz nehmen und nicht erst bis 2038. Wir müssen Klima-Weltmeister werden.

Kritiker sagen: Deutschland ist klein, das bringt dem Klima nicht viel.

Das ist doch zu kurz gedacht. Wir sind Vorbild für viele Länder, wir liefern Technologie in die ganze Welt und auch unser Erneuerbare-Energien-Gesetz wurde vielfach übernommen. Unser hochindustrialisiertes Land muss es schaffen, nach außen zu signalisieren, dass es nicht nur nötig, sondern auch möglich ist, rein auf erneuerbare Energien zu setzen.

Ewald Lienen (67) hat 687 Pflichtspiele als Fußballprofi bestritten und 693 Begegnungen als Trainer erlebt. Seine Biografie heißt „Ich war schon immer ein Rebell“. Gemeinsam mit Sky-Reporter Michael Born ist er im Podcast „Der Sechzehner“ zu hören. Er ist Klimabotschafter des Kreises Lippe und Wertebotschafter des Zweitligaklubs FC St. Pauli. Berühmt wurde er durch ein legendäres Foul des Bremer Verteidigers Norbert Siegmann, bei dem Lienen im Sommer 1981 einen 25 Zentimeter langen und fünf Zentimeter breiten Riss des rechten Oberschenkels erlitt. jcm

Ist das das aktuell größte Thema, das der einstige Friedensaktivist und Ex-Fußballprofi Ewald Lienen erkennt?

Seit ich als junger Mann angefangen habe, mich mit Politik zu beschäftigen, habe ich von einer friedlichen und gerechten Welt geträumt, in der die Lebensinteressen aller berücksichtigt werden. Ungebremstes Wirtschaftswachstum und Gier haben mittlerweile dazu geführt, dass ich heute zuerst einmal von unserem Überleben träumen muss, vom Erhalt unserer Lebensgrundlagen, vom Überleben der Pflanzen und Tiere.

Fehlt eine klare Philosophie der Politik?

Wir sind seit Jahrzehnten damit beschäftigt, ein „Weiter so“ mit leichten Korrekturen zuzulassen, während uns das Klima und die Umwelt um die Ohren fliegen. Dabei liegen die Lösungen doch auf der Hand und müssen von uns nur umgesetzt werden. Mit einer am Gemeinwohl orientierten, emissions- und abfallfreien Kreislaufwirtschaft können wir die soziale Frage mit der Umweltfrage verbinden und somit beides erreichen: Verteilungsgerechtigkeit und Klimagerechtigkeit. All das wissen wir seit vielen Jahren.

Warum ist es dann trotzdem so weit gekommen?

Weil der klare politische Wille zur Transformation und den damit verbundenen politischen Rahmenbedingungen fehlt – den Einstieg in eine solche klimaneutrale Kreislaufwirtschaft hat die große Koalition auch diesmal wieder nicht geschafft. Weil viele von uns zu gleichgültig waren und wir uns in unserer Konsum- und Lebensweise eingerichtet haben. Weil Unternehmen ihre Geschäftsmodelle retten wollen und Manager ihre eigenen Karrieren. Seit Jahrzehnten haben Konzerne, unterstützt von Lobbyisten und Politikern, diese Folgen bewusst in Kauf genommen – aus Profitstreben und Egoismus. Mit millionenschweren Kampagnen der Desinformation und Manipulation haben pseudowissenschaftliche, neoliberale Thinktanks den längst als notwendig erkannten Wandel gebremst oder verhindert. So fahren wir gegen die Wand.

Wir sind die erste Generation, die die Klimakatastrophe erlebt und die letzte, die sie verhindern kann. 

Ewald Lienen

Karrierestreben fördert den Klimawandel?

Natürlich auch. Klimawandel ist aber das völlig falsche Wort. Es ist eine Klimakatastrophe, die auf uns zurollt. Das merken die Bauern auf den Feldern und die Förster in den Wäldern. Und das spüren die Menschen in anderen Regionen noch viel mehr. Dort, wo wir Dürreperioden haben, Überschwemmungen, Stürme, Nahrungsmittelknappheit und bereits heute unzählige Tote.

Muss die Politik radikaler denken, als sich auf ein 1,5-Grad-Ziel zur Erderwärmung zu verständigen?

Wir sind die erste Generation, die die Klimakatastrophe erlebt und die letzte, die sie verhindern kann. Darüber sind sich viele Menschen nicht im Klaren. Wir haben jetzt schon ein erschreckendes Abschmelzen der Polkappen. Wenn die als Reflexionsschild ausfallen und die Permafrostböden auftauen, erleben wir einen exponentiellen Anstieg der Temperatur.

Brauchen die Unternehmen klarere Regeln?

Natürlich. Bei vielen Dingen sind wir bereit, klare Grenzen zu setzen, aber wenn es ums Überleben der Menschheit geht, sind wir dazu nicht bereit, weil wir Geschäftsmodelle retten wollen? Das ist doch pervers. Wir sind mit unserer desaströsen Art zu produzieren und zu konsumieren, unserer Wirtschaftsweise mit ihrem neoliberalen Ansatz der freien Märkte und einer rücksichtslosen Ausbeutung unserer Natur genau dahin gekommen, wo wir jetzt sind. Wir riskieren so nicht nur die Lebensgrundlage unserer Kinder.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden. Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de

Im Begleitstück zu diesem Schwerpunkt geht es um Inklusion im Fußball - vor allem für die Kleinsten.

In der nächsten Folge geht es um Umverteilung. Sie erscheint am Freitag, 25. Juni.

Zuletzt erschienen: eine Folge der Serie zu LGBTIQ*-Rechten am Freitag 18. Juni.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/Bundestagswahl

Was riskieren wir noch?

Wir nehmen auch eine ungeheure Verteilungsungerechtigkeit in der Welt hin und eine Unmenge von weiteren Kollateralschäden wie Unzufriedenheit, Entfremdung, Krankheiten und psychische Folgen bei vielen Menschen inklusive unserer Kinder und Jugendlichen! Die ungeregelten freien Märkte haben zur Entwicklung einer Welt beigetragen, in der der einzelne Mensch und seine wahren Bedürfnisse hintenanstehen. Die Produktion und der praktizierte Konsum gehen weit über das hinaus, was die meisten Menschen wirklich benötigen, und darüber hinaus nährt diese unmenschliche und oft sinnentleerte Konsum- und Leistungsgesellschaft überhaupt nicht unsere Seele. Gleichzeitig hat der Staat viele Bereiche wie den Verkehr, die Energieversorgung, ja sogar die Krankenversorgung weitgehend privatisiert und damit kommerziellen Interessen untergeordnet. Das ist ein Offenbarungseid der Politik und unerträglich angesichts ihrer eigentlichen Aufgabe. Ich kann mich für viele unserer Generation da nur schämen. Und ich schäme mich auch persönlich dafür.

Derweil steigt der Dax auf Rekordniveau. Wie nehmen Sie das wahr?

Der Dax und das sogenannte Wirtschaftswachstum sind völlig unsinnige Parameter, um abzubilden, was in unserer Wirtschaft wirklich passiert, welche Folgen das für die Menschen, die Natur und unsere Gesellschaften allgemein hat. Trotzdem erzählen wir den Leuten um fünf vor acht, dass die Wirtschaft wieder wächst, egal, wie viele kleine und mittlere Unternehmen bedroht sind, wie viele Menschen nur ein Monatsgehalt von großen wirtschaftlichen Problemen entfernt sind und wie gering wir viele Tätigkeiten bezahlen. Aber gleichzeitig müssen diese Leute, denen man wenig bezahlt, das Zeug ja auch kaufen können, das produziert wird.

Wozu führt das?

Dazu, dass Ramsch hergestellt wird ohne die Verpflichtung, die Kollateralschäden zu übernehmen. Wieso kann ich für zehn Euro ein T-Shirt kaufen, das um die halbe Welt gereist ist und nach ein paar Monaten weggeworfen wird, oder eine Avocado aus Südamerika für 1,50? Wir produzieren Unmengen an Abfall oder Plastikmüll und verplempern auf diese Weise wertvolle Ressourcen, ganz abgesehen von den Arbeitsbedingungen und Löhnen vor Ort.

Geben Sie mir sechs Wochen Zeit mit Christian Lindner, vielleicht vertritt er dann ganz andere Positionen.

Ewald Lienen

Handeln wir also verantwortungslos?

Ja, aber nicht nur verantwortungslos für unser eigenes Land, sondern auch für andere Länder, deren Entwicklung und regionale Wirtschaft unter der Globalisierung, den Monokulturen oder subventionierten Produkten unserer industrialisierten Landwirtschaft leiden. Die Art und Weise, wie wir unseren Reichtum auf Kosten von Menschen in anderen Teilen der Welt mehren, ist rücksichtslos.

Auch die weltweiten Pandemien nehmen zu. Sehen Sie Zusammenhänge?

Absolut. Je mehr wir die Ökosysteme zerstören und die Vielfalt der Arten abnimmt, desto mehr verschwinden die Pufferzonen, die bisher als natürliche Barrieren gegen Zoonosen Viren davon abgehalten haben, von Tieren auf uns Menschen überzuspringen. Wir erleben gerade das sechste große Artensterben der Erdgeschichte, erstmals aber von den Menschen selbst verursacht.

Aber haben das nicht mehr Menschen denn je auch erkannt und steuern gegen?

Das ist richtig, und deshalb habe ich Hoffnung. Aber dafür müssen wir alle uns richtig anstrengen. Wir müssen eine neue Art zu wirtschaften finden, mit der langfristig unsere menschlichen Grundbedürfnisse gesichert werden können, auch diejenigen künftiger Generationen und die von Menschen an ganz anderen Orten auf der Erde!

Am besten mit einer rot-rot-grünen Regierung?

Warum nicht? Aber das ist im Grunde genommen zweitrangig. Es kommt nicht nur darauf an, wer es umsetzt, sondern dass es umgesetzt wird. Und dazu sollten bestenfalls alle ernstzunehmenden demokratischen Parteien zusammenarbeiten.

Wie bitte? Der FDP trauen Sie das auch zu?

Ich habe in meinen Fußballmannschaften auch mit schwierigen Charakteren zu tun gehabt, aber wenn ich mich lange genug mit ihnen beschäftigt habe, konnte ich sie resozialisieren. Das möchte ich bei der FDP nicht grundsätzlich ausschließen (lacht). Geben Sie mir sechs Wochen Zeit mit Christian Lindner, vielleicht vertritt er dann ganz andere Positionen.

Und im Ernst?

Dies ist nicht die Zeit für Schaulaufen und die anstehende Wahl ist kein Spiel, dass man mit welchen Mitteln auch immer gewinnen will, zur Not mit der Diffamierung des politischen Gegners oder mit öffentlichkeitswirksamen Tricks in der Nachspielzeit. Es geht nicht um Karrieren und Denken in Parteischablonen. Es geht um die ökologische, soziale und ökonomische Neuorientierung unserer Gesellschaften. Wir sind gerade dabei, unsere Demokratie vor die Wand zu fahren. Es gibt wunderbare Beispiele auf lokaler oder Kreisebene, wo mit politischer Beteiligung dagegen gesteuert wird. Das muss von unserer Politik gefördert werden und nicht die großen Konzerne, die ständig im Kanzleramt auftauchen. Dafür braucht es offensichtlich auch den Druck auf der Straße.

Gibt es auch im Profifußball Dinge, die repariert werden müssen?

Natürlich. Jedes Unternehmen hat eine Verantwortung, sozial, gesellschaftlich und ökologisch, also auch Vereine und Organisationen. Wir beim FC St. Pauli versuchen schon seit Jahren, das zu leben. Die Profivereine sind besonders gefordert, vorbildlich zu handeln und in Sachen Nachhaltigkeit voranzumarschieren. Es geht nicht nur darum zu gewinnen, sondern auch Werte zu vermitteln. Der DFB spielt dabei leider derzeit eine unrühmliche Rolle.

Interview: Jan Christian Müller

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