Rennfahrerin Sophia Flörsch hält ihren Helm unter dem Arm.
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Rennfahrerin Sophia Flörsch geht knapp vier Monate nach ihrem Horror-Unfall unbesorgt in ihr Comeback auf der Rennstrecke.

Rennfahrerin Sophia Flörsch

„Es wäre schön, die 24 Stunden zu überleben“

Rennfahrerin Sophia Flörsch über ihr erstes Jahr in der Formel 3, die legendäre Strecke in Le Mans und „megageile Nachtfahrten“.

Frau Flörsch, wie lautet Ihr Fazit nach Ihrem Debütjahr in der Formel 3?

Ein Jahr war es ja nicht, eher zwei Monate (lacht). Es waren sehr viele Emotionen mit dabei. Mein Ziel war es, mindestens einmal unter die Top 10 zu kommen, das habe ich leider nicht erreicht. Es wurde nur Platz zwölf. Das F3-Event in Spa musste ich wegen der Vorbereitung auf Le Mans ausfallen lassen. Aber ich glaube trotzdem, dass wir einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Alles in allem war es trotz Corona eine ganz gute Saison. Fortschritte gemacht, Spaß gehabt und das Wichtigste: Erfahrungen gesammelt. Man muss es als Ausbildungsjahr sehen. Ohne Vorbereitung ist man chancenlos.

Wissen Sie schon, ob es mit einem weiteren Vertragsjahr klappt?

Nein, noch nicht. Mein Plan ist, wieder Formel 3 und Langstrecke zu fahren. Die F3-Saison ist gerade erst zu Ende gegangen, im Oktober werden Tests stattfinden. Und dann wird man schauen. Ich hoffe, dass ich ein Budget zusammenbekomme, das mir eine ordentliche Vorbereitung und ein gutes Team ermöglicht. In der Langstrecke läuft die Saison auch nicht bis Anfang November. Dann denken wir an 2021.

Das Budget ist also das Hauptproblem?

Ja. Das ist jedes Jahr das größte Problem: Partner und Sponsoren zu finden, um mit dem Budget für ein Topteam hinzukommen. Die Testtage jetzt bis zum Saisonbeginn sind der Schlüssel zu Erfolg. Das kostet Geld und es wird auch diesmal wieder die Herausforderung sein. Ich hoffe, trotz Corona ein, zwei Partner zu finden, die mir das nächstes Jahr ermöglichen.

Jetzt steht erst einmal Le Mans an. Was macht für Sie den besonderen Reiz daran aus?

Das ist die größte Motorsportveranstaltung weltweit. Ich war noch nie vor Ort und dieses Jahr wird es ein wenig anders sein, weil keine Fans erlaubt sind. Aber es ist einfach 24 Stunden pures Racing. Und dann noch im LMP2, der schwersten Kategorie. Es sind megastarke Fahrer dabei, die schon ein paarmal Le Mans gefahren sind. Sogar einige Ex-Formel-1 Fahrer wie Juan Pablo Montoya starten in meiner Klasse der LMP2. Ich kann es mir noch gar nicht so vorstellen, aber ich denke, es werden viele Emotionen und Eindrücke auf mich einprasseln.

Keine Fans, durch die Verlegung wird es eine längere Dunkelphase geben. Welche Auswirkung hat das?

Dass keine Fans da sind, ist beim ersten Mal Le Mans wahrscheinlich gar nicht so ein Nachteil, weil du nicht so unter Stress stehst. Sonst wäre die Woche extrem gefüllt. Dann hetzt du nur von einem Termin zum anderen und springst wieder ins Auto. Klar ist es im September früher dunkel und später hell. Aber das ist nicht wirklich ein Nachteil, ich finde Nachtfahrten megageil und freue mich drauf. Aber klar ist es für mich etwas Neues, mit Topspeed jenseits der 320 km/h nachts zu fahren.

Auf was freuen Sie sich am meisten?

Am allermeisten auf die Nightstints, aber auch auf die Atmosphäre, den Teamspirit und auf die ganzen Emotionen. Ich glaube, die Woche wird sehr emotional und spannend. Ich freue mich extrem, wenn am Samstag um halb drei das Rennen losgeht.

Im Vorfeld gab es viel mediale Aufmerksamkeit durch den Umstand, dass Sie in einem reinen Frauenteam fahren. Sehen Sie das eher als Marketing-Coup oder als Statement für Gleichberechtigung?

Wenn es um Marketing ginge, hätte ich da nicht mitgemacht. Ich mache mit, weil Richard Mille uns das beste Team gegeben hat. Natürlich ist es dadurch, dass wir alle noch nie in Le Mans gefahren sind und keine von uns vom Langstreckenrennen kommt, eine Herausforderung. Den Grundspeed haben wir. Wir werden sehen, wie weit es reicht. Vielleicht verstärkt man sich dann 2021.

Neben Ihnen und Tatiana Calderon war eigentlich Katherine Legge als dritte Fahrerin eingeplant. Wegen einer Verletzung wurde sie durch Beitske Visser ersetzt. Macht das für Sie einen Unterschied?

Unterm Strich ist das egal. Klar hatten wir uns mit Katherine eingestellt. Sie war unser Kapitän, weil sie Erfahrung im Langstreckenbereich hat. Dann ist der Unfall passiert. Es war anders geplant, ich denke, dass wir mit Beitske aber einen guten Ersatz gefunden haben, und jetzt müssen wir das Beste daraus machen.

Was ist mit dem Team drin?

Es wäre schön, anzukommen und die 24 Stunden zu überleben (lacht) – ohne irgendwelche Unfälle oder technische Probleme. Das Allerschönste wären die Top fünf oder sechs. Fürs erste Jahr wären wir aber mit den Top 10 auch schon zufrieden. Hoffentlich gibt es keinen Regen, denn da fehlt uns einiges an Erfahrung mit Auto und Reifen. Das macht es sicher nicht leichter. (Interview: Julian Nett)

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