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Will mehr Emotionen und Menschlichkeit in der Berichterstattung sehen: Valeska Homburg.
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Will mehr Emotionen und Menschlichkeit in der Berichterstattung sehen: Valeska Homburg.

Moderatorin Valeska Homburg im Interview

„Es muss sich etwas ändern im Sport“

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Die TV-Moderatorin Valeska Homburg möchte den weiblichen Blick auf den Fußball verstärken – und die männliche Dominanz im Sportjournalismus brechen.

Frau Homburg, Sie richten zusammen mit Anna-Sara Lange in einem neuen Kicker-Podcast „Fe:male view on football“ den weiblichen Blick auf den Fußball. Wie entstand die Idee zu diesem neuen Format?

Wir sind beide schon seit etwa 20 Jahren im Geschäft, überwiegend im Fußball, und uns ist immer wieder aufgefallen, dass der gesamte Blick, so wie der Fußball dargestellt und interpretiert wird, aus der männlichen Perspektive erzählt wird. Die Männer haben auch die Deutungshoheit über die Themen. Ich will den Männern überhaupt keinen Vorwurf machen. Die meisten Sportredaktionen bestehen einfach zu 85 Prozent aus Männern. Und die berichten eben aus ihrer Perspektive. Das ist logisch. Ich glaube nur, dass diese Tatsache den Rezipienten gar nicht bewusst ist.

Sie wollen die Perspektive also verändern.

Wir haben einfach eine andere Perspektive, weil wir Frauen sind. Uns interessieren andere Dinge und andere Themen, wir wollen andere Fragen stellen, andere Aspekte hervorheben und abbilden und wir interpretieren die Dinge gelegentlich auch anders. Diese weibliche Sicht wird im Sport kaum abgebildet. Unser Wunsch war es also, ein eigenes Format zu schaffen, um unsere Gäste selbst aussuchen zu können und die Fragen zu stellen, die uns interessieren. Das Ergebnis richtet sich an sowohl an Männer, als auch an Frauen. Uns haben viele Männer rückgemeldet, dass sie gern zuhören bei unseren Fragen. Sie finden sie spannend, würden selbst aber eher andere stellen.

Ist die weibliche Sicht so viel anders?

Mir fällt in vielen journalistischen Gesprächen auf, dass es oft an dem Punkt endet, wo es eigentlich spannend wird. Ich finde es schade, wenn diese Meta-Ebene nicht bedient wird. Darüber hinaus irritiert uns oft die Art und Weise wie über Sportlerinnen berichtet wird. Da geht es auf einmal um hübsche oder schöne Frauen, also um Attraktivität und nicht um Erfolg. Die Ursache dafür liegt natürlich darin, dass in erster Linie Männer über Frauen schreiben oder reden. Daher müssen wir uns anschauen, wer die Berichterstatter sind. Wir haben das Bedürfnis gespürt, zu sagen: ‚Hallo, wir sind Frauen und wir sehen das übrigens anders!‘

Kaum ein Medium ist so männlich geprägt wie das Fachmagazin „Kicker“. Wie seid ihr da zusammengekommen?

(lacht laut) Das ist wirklich eine sehr gute Frage. Wir hatten zunächst ein Konzept für unseren Podcast „Fe:male view on football“ geschrieben. Als wir dem Kicker das vorgestellt haben, war die Chefredaktion sofort aufgeschossen. Sie fanden das Konzept gut, aber vor allem das Grundthema interessant, mal die Sicht von Frauen zu hören. Der „Kicker“ hat uns von Anfang an unterstützt, wofür wir sehr dankbar sind. Die haben gesagt: ‚Super, wir sind ein männlicher Haufen, aber wir haben viel Reichweite. Ihr bietet uns etwas, was wir nicht haben. So ist dieses Baby zustandegekommen.

Der Podcast soll persönlich, aktuell und tiefgründig sein, auf gesellschaftliche Aspekte, Werte oder Erfolgsstrategien, sportpolitische Entscheidungen und Strukturelles eingehen. Die Persönlichkeit des Gastes, der Mensch soll im Fokus stehen. Ein Trainer redet aber vielleicht eher über seine Taktik und ein Manager über seine Transferpolitik. Fragt man nicht Dinge ab, zu denen die Protagonisten nichts sagen wollen oder können?

Nein, ganz und gar nicht! Zum Einen ist es ja so, dass wir uns die Protagonisten selbst aussuchen. Daher weiß man, wer zu gesellschaftlichen Themen etwas zu sagen hat. Ein ganz junger Fußballprofi, der sich zu nichts positioniert gesellschaftlich, ist für uns nur bedingt interessant. Es gibt aber genügend Spieler, Manager, Trainer und Funktionäre im Fußball, die Wertvolles zu sagen haben. Also fragen wir eher die. Wir stoßen auf viel positive Resonanz. Wir haben als ersten Gast mit Bo Svensson vom FSV Mainz 05 gesprochen, der uns sehr offen begegnet ist, als wir eine Stunde mit ihm in einem Container am Bruchweg zusammengesessen haben. Auch die zweite Person für den nächsten Podcast am 26. November, so viel kann ich verraten, ist eine sehr prominente Person aus dem Fußball: klug, sensibel, progressiv, humorvoll, nahbar. Diese Person wird vor allem zur Geschlechterdiskussion im Fußball und zu gesellschaftlichen Veränderungen viele Gedanken beitragen.

Wollen Sie die ständig in der Öffentlichkeit stehenden Verantwortungsträger des Fußballs daran erinnern, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?

Ja, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Wir wollen die wahnsinnige Popularität des Fußballs nutzen, um gesellschaftlich was zu bewegen. Alles, was im Fußball passiert, färbt ab auf die Gesellschaft und umgekehrt. Bo Svensson hat uns beispielsweise erzählt, wie viel ihm das beim FC Liefering gebracht hat, dass eine Frau zu seinem Team gehörte, eine Physiotherapeutin. Sie habe einen anderen Blick gehabt, der das ganze Team weiter gebracht hat. Das entspricht unserer Grundidee. Der Transfer funktioniert übrigens überall: in der Politik, in der Kultur, überall. Davon sind wir überzeugt.

Gerade die Öffentlich-Rechtlichen bringen gerade sehr viele Frauen auf den Bildschirm. Dieser Vorwurf ist doch ARD und ZDF derzeit nicht mehr zu machen.

Es geht nicht darum, dass unbedingt Frauen Sportereignisse kommentieren oder moderieren müssen. Als Moderatorin kannst du keine strukturellen Entscheidungen treffen. Man ist als Moderatorin komplett abhängig von Entscheidungen, die immer noch meistens Chefs treffen. Es geht also nicht um die Anzahl von Frauen auf dem Bildschirm, sondern darum, dass Frauen auf der Entscheidungsebene mitreden.

Zur Person

Valeska Homburg arbeitet als freie Sportjournalistin, überwiegend für die ARD. Die 45-Jährige moderiert unter anderem Sendungen wie den NDR-Sportclub. Für die ARD hat sie von mehreren Olympischen Sommer- und Winterspielen und von mehreren Fußball-Weltmeisterschaften der Männer und Frauen berichtet.

Für den ehemaligen Sender Liga Total! hat sie zwei Jahre ausschließlich Spiele der Fußball-Bundesliga moderiert. Sie ist gebürtige Wolfsburgerin, hat an der Deutschen Sporthochschule Köln studiert, lebt in Köln und hat einen Sohn. hel

Gibt es denn genügend Frauen, die sich für den Sportjournalismus interessieren?

Das ist immer das Totschlagargument. Natürlich gibt es die! Es gibt sehr viele sehr kompetente Sportjournalistinnen – zum Glück immer mehr. Aber es geht nicht über Nacht, ein System zu verändern. Frauen brauchen viel Mut für diese Jobs. Der Weg ist hart. Das muss man wollen.

Haben Sie sich selbst ein dickes Fell zulegen müssen?

Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, in Konferenzen und Redaktionsprozessen etwas zu verändern. Das klappt natürlich nur bedingt. Für Themenvorschläge braucht man Mehrheiten. Ich würde mal die These aufstellen, dass andere Inhalte ins Programm gehoben werden würden, wenn 50 Prozent Frauen in einer Sportredaktion arbeiten würden. Was mir ganz wichtig ist, zu sagen: Die Männer treffen ihre Entscheidungen aktuell natürlich nicht aus bösem Willen, sie wollen einfach ihre Macht nicht abgeben. Es gibt so viele geistreiche Frauen, dass eine gewisse Umverteilung der Macht tolle Dinge bewirken könnte – im Sport und gesamtgesellschaftlich.

Worauf würden Sie denn mehr Wert legen wollen?

Auf Emotionen, auf Menschlichkeit, auf Stimmungen. Weniger die zehnte Taktikanalyse sondern einmal lieber die Frage: Wer steht da eigentlich als Mensch dahinter? Ich will das gar nicht zu sehr vertiefen, aber die Impfdebatte über Joshua Kimmich hat mich in der Art und Weise, wie sie geführt wurde, erschüttert. Eine differenzierte Diskussion war das nicht. Frauen würden da vorsichtiger vorgehen und nicht jemanden so komplett verurteilen.

Würden Sie sich auch mehr Frauen in Stammtischdebatten wie beim Doppelpass am Sonntagmorgen auf Sport1 wünschen?

Ich wurde selbst auch in den zurückliegenden Jahren angefragt, aber ich wollte da nie hingehen, weil man da als Frau früher gar nicht gut aussehen konnte. Das war für mich lange die ultimative Männer-Kungelrunde, in der sich Frauen maximal unwohl fühlen. Die Art und Weise, wie dort geredet wurde, der Habitus, puh. Aber es tut sich ja was. Und die Dinge ändern sich langsam. Almuth Schult (Nationaltorhüterin vom VfL Wolfsburg, Anm. d. Red.) war von allen ARD-Experten des EM-Sommers nach meinem Empfinden die Beste. Martina Voss-Tecklenburg (Bundestrainerin, Anm. d. Red.) ist beim ZDF jetzt in der Champions League im Einsatz. Sie überzeugen mit Leistung. Das ist das Entscheidende.

Viele Ihrer Thesen und Forderungen finden sich in der neunköpfigen Frauen-Gruppe um Katja Kraus, die in allen relevanten Bereichen des Fußballs mehr Frauen fordert. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde die Initiative überragend. Und ich halte das Signal dieser Gruppe für extrem wichtig. Es war doch bezeichnend, wie nervös einige mächtige Herren beim DFB plötzlich wurden und mit welchen seltsamen Aktionen sie versucht haben, Personen der Gruppe unter Druck zu setzen.

Würden Sie eine Doppelspitze beim DFB aus Mann und Frau befürworten?

Ich wäre enttäuscht, wenn man eine Frau nur zur Zierde hinsetzt. Das kann nicht das Ziel sein. Es braucht kompetente Menschen auf dieser Position, das müssen nicht Frau und Mann sein, aber als größter Sportverband Deutschlands, hätte eine solche Entscheidung natürlich enorme Strahlkraft. Ich glaube auch, dass es genügend fähige Frauen gibt, die zur Verfügung stünden ...

… dazu gehört auch Claudia Neumann vom ZDF, die sich bis heute ständigen Beleidigungen ausgesetzt sieht, wenn Sie beispielsweise bei der EM der Männer eingesetzt wird. Ist das der Grund, warum Sie nicht auf Facebook, Instagram oder Twitter zu finden sind?

Ich bin überhaupt kein Freund von Sozialen Medien. Ich möchte mit Menschen in Kontakt treten, mich unterhalten, ich liebe das und ziehe aus Begegnungen viel Lebensenergie. Dazu gehört auch, sich sehr kontrovers auszutauschen. Das finde ich toll. Aber ich wüsste wirklich überhaupt nicht, welchen Mehrwert die sozialen Medien für mein Leben hätten. Ich habe keine Lust auf tägliches Selbstmarketing, ständig darzustellen, was ich vielleicht Tolles mache oder an welchen tollen Orten ich gerade bin. Das geht einfach gegen meine Grundwerte.

Interview: Frank Hellmann

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