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Es läuft nicht auf Knopfdruck

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Von: Frank Hellmann

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Zufrieden mit Platz sieben: Hendrik Pfeiffer.
Zufrieden mit Platz sieben: Hendrik Pfeiffer. © dpa

Beim Neustart des Frankfurt-Marathons können die deutschen Männer und Frauen die Erwartungen nur bedingt erfüllen. Spätsommerliche Temperaturen drücken auf die Zeiten

Hendrik Pfeiffer erschien es auf dem roten Teppich nicht laut genug. Also hob der beste Deutsche mal die Hände in Richtung der Tribünen in der Frankfurter Festhalle und forderte das Publikum zu mehr Unterstützung auf. Nachdem der 29-Jährige den Zielstrich passiert hatte, spannte er vor der Werbetafel den Bizeps: Da wollte einer seinen siebten Platz beim Frankfurt Marathon gewürdigt wissen, obwohl der gebürtige Düsseldorfer seine Vorgabe klar verfehlte, als zehnter deutscher Läufer unter der Marke von 2:10 Stunden zu bleiben.

Doch über die 2:11:28 Stunden ärgerte sich Pfeiffer nicht, auch wenn er damit weit an der Norm für die WM 2023 in Budapest (2:09:40) vorbeilief. „Platz sieben in Frankfurt habe ich gerne auf meiner Visitenkarte stehen. Ich bin mit meiner Leistung in so einem vollgepackten Jahr zufrieden.“ Er habe entscheidende Zeit auf der zweiten Hälfte verloren, „aber nicht resigniert.“

Der Journalistik-Student, der seinen Lebensmittelpunkt bald nach Niedersachsen verlegt, wo er das Aushängeschild eines neuen Laufprojekts wird, glaubt fest an eine Zeit unter 2:09 Stunden. Zunächst hat er nächsten Sonntag vor, beim Marathon in New York „durchzujoggen“, wo der deutsche Marathon-Meister nicht ins Elitefeld gelassen wurde, weshalb ja nur sein Frankfurt-Start zustande kam.

Es reichte, um dort bester Europäer unter den 11 700 Marathonis zu werden, die sich nach zwei pandemiebedingten Absagen erstmals seit 2019 wieder auf die Strecke machten.

Geschätzt 300 000 Zuschauer:innen erlebten beim zweitgrößten Lauf-Event nach Berlin allerdings keine Bestleistungen deutscher Männer und Frauen, die bei der 39. Auflage für den ältesten deutschen Stadtmarathon eher enttäuschten.

Hoffnungsträger Filimon Abraham musste wie schon bei seinem Marathon-Debüt in Hamburg aufgeben: So leicht ist der Umstieg von der Bahn auf die Straße für den gebürtigen Eritreer nicht. Der 29-Jährige wird für sich ausloten müssen, ob die 42,195 Kilometer für ihn wirklich die optimale Distanz sind.

Solche Grundsatzfragen musste sich der Sieger Brimon Misoi nicht stellen: Der 33 Jahre alte Kenianer siegte in 2:06:11 Stunden vor seinem eigentlich nur als Tempomacher eingeplanten Landsmann Samwel Nyamai Mailu (2:07:19) und dem Äthiopier Derese Gelelta Ulfata (2:07:30). „Die Bedingungen waren sehr hart, ich hätte bei milderen Temperaturen noch schneller laufen können – gerade auf diesem Kurs“, sagte der schüchtern wirkende Sieger.

Die Erste in der „Gudd Stubb“: Selly Kaptich läuft den Frankfurt-Marathon in 2:23:11 Stunden.
Die Erste in der „Gudd Stubb“: Selly Kaptich läuft den Frankfurt-Marathon in 2:23:11 Stunden. © Thomas Frey/dpa

Kenianischer Doppelsieg

Gleichlautend äußerte sich seine Landsfrau Selly Kaptich, die in 2:23:11 Stunden als Siegerin in die „Gudd Stubb“ stürmte. Die kenianische Dominanz rundeten Helah Kiprop (2:24:40) und Jackline Chepngeno (2:25:14) ab, wobei in Anbetracht von mehr als zwei Dutzend Dopingfälle im kenianischen Leichtathletikverband nur zu hoffen ist, dass alles sauber gelaufen sind. Frankfurt zahlt alle Prämien erst nach negativen Dopingtests aus.

Den spätsommerlichen Temperaturen von mehr als 20 Grad zollte auch Thea Heim Tribut. Statt ihre Bestmarke (2:36:10) zu drücken, musste die 30-Jährige mit Seitenstechen und Schwindelgefühlen nach 25 Kilometern aufgeben. Sie wollte so gern beweisen, dass der Spagat gelingen kann, als Wirtschaftsinformatikerin im Hauptberuf zu arbeiten und nur früh morgens und spät abends zu trainieren. Vielleicht aber fehlt es dann doch an der Robustheit im Wettkampf.

Krankheitsbedingt stand Laura Hottenrott gar nicht am Start: Die 30-Jährige klagte nach der Rückreise aus dem Trainingslager in Livigno über starke Ohrenschmerzen und sagte ab. Ins Vakuum stieß die gänzlich unbekannte Corinna Coenning, die ihren zehnten Platz (2:40:48) als schnellste deutsche Läuferin gar nicht fassen konnte. „Ich habe gesehen, dass Thea raus ist. Ab Kilometer 37 war es für mich ein Traum.“ Die 31-Jährige arbeitet in Nürtingen als Gymnasiallehrerin und bezeichnet sich selbst als „absolute Amateurin.“

Für die Zukunft muss es das Ziel des Veranstalters sein, wieder mehr Prominenz zu locken, zumal im nächsten Jahr mit der 40. Auflage ein Jubiläum ansteht. Wer letztlich für 2023 unter Vertrag genommen werden kann, hängt entscheidend von der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2024 in Paris ab. Renndirektor Jo Schindler gab ohne Umschweife zu, sich aus nationaler Sicht mehr erhofft zu haben.

„Nur weil eine schöne Geschichte diesmal nicht aufgeht, stecken wir den Kopf nicht in den Sand.“ Fürs nächste Jahre wolle man „einige Schmankerl“ anbieten, kündigte der gebürtige Regensburger an, der nichtsdestotrotz von einem „schönen Comeback“ sprach. Es habe sich in der Corona-Krise ausgezahlt, einen langen Atem zu haben. „Wir wären schlechte Langstreckenläufer, wenn wir diese lange Etappe nicht geschafft hätten.“

Schindler hatte Herzinfarkt

Das galt für den 63-Jährigen auch persönlich: Er rang vor mehr als zwei Jahren nämlich mit dem Tode, wie erst an diesem Oktober-Wochenende herauskam: Schindler lag nach einem Herzinfarkt am 8. Januar 2020 leblos unter dem Schreibtisch und wurde von zwei Mitarbeiterinnen seiner Agentur im eigenen Büro wiederbelebt.

Später habe ihm ein befreundeter Kardiologe verraten, dass sein Herz vier Minuten nicht geschlagen habe. Über sein dramatisches Schicksal sprach der Marathon-Macher erstmals in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Seitdem stellt er sicher, dass er ungeachtet aller beruflichen Belastung jeden Tag mindestens eine Stunde Sport treibt. Hauptbetätigung: natürlich das Laufen.

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