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„Es kommt nicht auf Talent an, sondern auf Geld“

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Von: Mathias Müller

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Ziemlich schnell unterwegs: Sophia Flörsch. Foto: Imago images
Ziemlich schnell unterwegs: Sophia Flörsch. © imago images/HochZwei

Rennfahrerin Sophia Flörsch spricht im Interview über ihren großen Traum in der Formel 1, einen bösen Unfall und warum sich Teams zwar mit Fahrerinnen schmücken, ihnen aber kaum Chancen geben.

Frau Flörsch, froh, dass Klarheit herrscht für die neue Saison?

Ja. Mein langfristiges Ziel ist es, zurück in der Formelsport zu kommen und da passt die Langstrecke sehr gut, weil die Autos einfach ähnlicher sind. Ich freue mich auf die neue Saison in der ELMS und ganz besonders natürlich auf das 24-Stunden-Rennen in Le Mans.

Sie sind zum dritten Mal dabei. Begeistert der Mythos noch oder stumpft man ab?

Ich weiß jetzt, wie das Rennen abläuft und was auf mich zukommt. Aber die Emotionen in dieser ganzen Woche sind unbeschreiblich. Das ganze Team vom Koch bis zum Mechaniker gibt alles. Und wenn nachts um vier Uhr alle total erschöpft sind und fast im Sitzen einschlafen, während ich mit über 350 km/h meine Runden vor hoffentlich 200 000 Fans drehe, ist das etwas Besonderes. Wenn ich nur daran denke, kriege ich Gänsehaut.

Warum fahren Sie nicht mehr in der DTM?

Die vergangene Saison war eine Mega-Chance und eine neue Erfahrung für mich. Ich habe als Mensch und Rennfahrerin viel gelernt und wäre auch gerne weitergefahren, aber am Ende hätte ich 2022 – wie übrigens alle anderen Piloten auch ausgenommen von wenigen Werksfahrern – zu viel eigenes Geld mitbringen müssen.

Sie wollten schon als junges Mädchen im Kart Rennfahrerin werden. Hätten Sie gedacht, dass Geld einmal so eine entscheidende Rolle spielt?

Nein, hätte ich nicht, aber da war ich wohl etwas naiv. Es braucht Millionen. Aber es gibt immer wieder Menschen, die die aufgerufenen Summen zahlen. Dazu ein kleines Beispiel: Ich habe auch für ein anderes Langstrecken-Team getestet. Ich war schnell, das Team war zufrieden, ich war mir sicher, dass ich für sie fahren werde. Das Cockpit hat aber letztlich ein anderer Fahrer bekommen, weil er 70 Prozent des Team-Budgets finanzieren konnte. Wir sprechen da von rund 2,5 Millionen Euro. Da es ein Topteam ist, kauft der sich also so eine große Chance auf ein Podium einfach ein. Es kommt nicht auf Talent an, sondern auf Geld.

Sie sind mittlerweile eine junge Erwachsene. Können Sie von Ihrem Sport leben?

2021 war das erste Jahr, in dem ich kein privates Geld investieren musste. Die Zeiten, in denen man als Pilot gutes Geld im Motorsport verdient, sind – von der Formel 1 abgesehen – vorbei. Im Nachwuchsbereich einschließlich Formel 2 bezahlen alle Fahrer. Selbst in der DTM sind nur noch wenige Fahrer echte Profis. Die stehen dank Werksunterstützung dann auch auf dem Podium. Für mich geht es in erster Linie darum, meine Kosten zu decken und in Fortschritte zu investieren.

Ihr großer Traum war immer die Formel 1 – ist der Traum schon ausgeträumt?

Nein, das ist weiterhin mein Ziel. Mit 21 Jahren darf und sollte ich dieses Ziel weiterverfolgen. Mit großem Budget ginge es schnell, mit kleinem Budget muss man auch mal Umwege gehen. Ich kann nicht zwei Nachwuchsserien parallel trainieren, das Geld habe ich nicht. Ich boxe mich durch und glaube fest daran, dass es eine Zukunft gibt. Irgendwann wird es klappen. Das Invest wird sich auszahlen.

Nach Ihrem spektakulären Unfall 2018 in Macau hat sich gefühlt die ganze Welt für Sie interessiert. Was ist davon übrig?

Keiner der zwischenzeitlichen Partner ist heute noch an meiner Seite. Motorsport ist schnelllebig. Der Unfall hat mir Reichweite gebracht, sportlich war er aber kein Schritt nach vorne. Die Planungsunsicherheit aufgrund der Verletzung kostete mich die Saison 2019, da ich erst den Heilungsprozess abwarten musste. Was nervt: Der Crash wird immer wieder rausgezogen. Ich werde oft gefragt, ob es mir gut geht. Dabei ist das doch schon drei Jahre her. Unfälle gehören im Motorsport dazu, sie sind Teil der Faszination. Viele Menschen wollen nur in diesem Moment auf den Zug aufspringen, weil sie ein schnelles Geschäft wittern.

Ein Geschäft, in dem sich Frauen nach wie vor schwertun, oder?

Die Teams schmücken sich mit Fahrerinnen, aber die bekommen kaum echte Chancen. Sie werden zur Rechtfertigung moderner, schicker Leitmotive wie „wir fördern Frauen und Gleichstellung“ benutzt. Faktisch ist es oft nur ein billig kalkuliertes Engagement. Echte Förderung auf dem Niveau sportlicher Inklusion auf Augenhöhe gibt es mehrheitlich nicht. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft ändert und dass irgendwer diese Mauer einreißt. Seriöser Talentaufbau bedarf einer Karriereplanung über mehrere Jahre hinweg.

Spüren Sie auch im Fahrerfeld Vorbehalte?

Nein, da bin ich voll akzeptiert. Auf der Strecke geht es darum schnell zu sein und nicht darum, ob eine Frau oder ein Mann im Auto sitzt. Die Fahrerkollegen sind allesamt coole, faire Typen.

Mick Schumacher und Sie sind lange auf Augenhöhe in der gleichen Klasse gefahren, zuletzt 2016 in der Formel 4. Er fährt bereits in der Formel 1. Ärgert Sie das?

Ich gönne es Mick. Er wird 2022 seinen Weg gehen, auch wenn er vermutlich 2022 wieder keine WM-Punkte holen wird. Wie in jeder anderen Rennserie auch musst du im richtigen Auto in einem Topteam sitzen, sonst geht es nichts. Wir werden es in dieser Saison auch bei George Russell im Mercedes sehen: George wird sehr schnell sein. Oder anders gesagt: Wenn Lewis Hamilton oder Max Verstappen im Haas sitzen würde, würden sie auch nicht gewinnen. Aber ich bin mir auch sicher: Mick hat seine finanziellen Möglichkeiten und Kontakt perfekt genutzt. Das freut mich für ihn. Ich gehe meinen Weg und gebe alles, ihn dann auch einmal in der F1 zu schlagen.

Interview: Mathias Müller

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