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„Wenn Veranstaltungen wegbrechen, dann gibt es massive Probleme“: Wolfgang Maier über den Saisonstart inden Ötztaler Alpen. Foto: JOE KLAMAR / AFP

Ski-Weltcup

„Von Sölden hängt viel ab“

Eine Woche früher als sonst beginnt der Ski-Weltcup im Corona-Risikogebiet Tirol. DSV-Sportdirektor Wolfgang Maier über die Signalwirkung auch für deutsche Veranstaltungen.

Am Wochenende starten in Sölden die Alpinen in die Saison – unter verschärften Hygienebedingungen. Die beiden Riesenslaloms am Samstag (Frauen) und Sonntag (Männer) sind auch ein Test, ob das Corona-Konzept des Ski-Weltverbandes funktioniert. Wolfgang Maier (59) ist seit 14 Jahren Sportdirektor Alpin im Deutschen Skiverband (DSV). Er spricht über den Kampf ums Überleben des Skisports, die Tücken der Pandemie-Zeiten und fehlende Flaggschiffe.

Herr Maier, der alpine Ski-Weltcup in Sölden – unter außergewöhnlichen Voraussetzungen. Wie froh sind Sie dennoch, dass die Saison starten kann?

Was heißt froh? Es gilt den Beweis anzutreten, dass in dieser schwierigen Situation auch Wettkämpfe stattfinden können. Es hängt extrem viel von diesen Sölden-Rennen ab. Der gesamte Weltcup, nicht nur der alpine, auch andere Wintersportarten, wird daran gemessen, wie gut man sich in Sölden präsentiert. Deshalb bin ich auf der einen Seite froh, dass man in Sölden eröffnet, weil man weiß, dass man einen extrem zuverlässigen Partner und Veranstalter mit höchstem Standard hat. Sportlich gesehen kommt der Auftakt allerdings zu früh.

Der Auftakt in Sölden ist also ein Probelauf für alle im Skiverband FIS organisierten Sportarten. Vielleicht auch ein bisschen für den Tourismus in Tirol?

Das zu beurteilen, benötigt mehr Kenntnis. Es ist natürlich schon so, dass es bei einer Weltcup-Veranstaltung unter anderem auch um die Darstellung bestimmter touristischer Regionen geht. Es mag eine Rolle spielen, dass die Söldener zeigen wollen, sie können verantwortungsvoll mit dem Thema Corona umgehen und dass sie auf eine gewisse Signalwirkung hoffen. Denn es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass Österreich, dass Tirol durch das Thema Ischgl stigmatisiert wurde.

Das Hygienekonzept von Sölden mit Tests vor Ort, Abschottung der einzelnen Gruppen – und das alles ohne Zuschauer -, ist sehr aufwendig, auch finanziell. Ist so etwas auf allen Stationen des Weltcups überhaupt möglich?

In Sölden gibt es ein extrem großes Interesse, sportlich, politisch und wie gesagt auch touristisch. Und auch die FIS hat ein großes Interesse, denn man kämpft ums nackte Überleben. Die FIS sagt ja selbst, dass nach einem Winter ohne Weltcup 80 bis 90 Prozent der Verbände nicht mehr existieren würden – und somit der Sport auch nicht mehr. Deshalb will man in Sölden Standards setzen. Das Konzept der Testung, der Isolation ist verbindlich, ebenso wurden die Trennung von Damen- und Herrenwettbewerben sowie Disziplinen im Kalender verankert.

Weltcuprennen zu veranstalten wird kostspieliger, auch wegen der hohen Hygieneauflagen. Allein für das Testen bei allen Disziplinen in diesem Winter veranschlagt der DSV rund 1,2 Millionen Euro.

Wir müssen mit einem negativen Test zum Weltcup anreisen. Und der darf nicht älter als 72 Stunden sein, das heißt, es wird im Dreitagesrhythmus getestet. Wir bauen deshalb gerade mit Laboren ein Logistik-System auf, weil wir ja im Weltcup zwar nur europaweit unterwegs sind, aber man diese Tests ja in die Labore bringen, um die engen Fristen einzuhalten. Wir arbeiten mit der TU München an einem Konzept, wie wir die geforderten Maßnahmen am besten lösen.

Das Geld sitzt bei den Sponsoren in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten vielleicht nicht mehr so locker. Muss sich der DSV einschränken?

Zur Person

Wolfgang Maier (59) ist Sportdirektor Alpin im Deutschen Skiverband (DSV) und war zuvor lange Jahre Cheftrainer der deutschen Frauen. Unter seiner Ägide eilten die Athleten und Athletinnen, angeführt von Maria Höfl-Riesch, zu zahlreichen Erfolgen bei Großereignissen. Bis zu den Olympischen Spielen 2018 konnten sie insgesamt 27 Medaillen erringen, elf davon in Gold.

Unsere Hauptsponsoren haben ihr Engagement bestätigt. Wenn die Saison einigermaßen strukturiert abläuft, dann denke ich, dass der DSV sehr ordentlich aus der Pandemie-Zeit herauskommen kann. Wenn uns unsere Weltcup-Veranstaltungen allerdings wegbrechen, dann gibt es auch bei uns massive Probleme. Der DSV finanziert seinen Jahres-Gesamtbedarf von fast 37 Millionen Euro ja zu gut 90 Prozent selbst. Wir werden nur zu einem geringen Teil gemessen am Gesamtaufkommen durch die öffentliche Hand gefördert. Deshalb sind wir auch bestrebt, alle in Deutschland geplanten Weltcups stattfinden zu lassen und eine gute nordische Ski-WM in Oberstdorf zu zeigen.

Gehörte die logistische und organisatorische Vorbereitung auf diese Saison zu den größten Herausforderungen, seit Sie vor 14 Jahren den Job des Alpinchefs übernommen haben?

Wir haben versucht, uns lösungsorientiert zu bewegen, die Vorschriften zu beachten und nicht zu lamentieren. Dass die Verhältnisse in Südamerika für ein Training ideal gewesen wären, haben wir nicht zum Thema gemacht, sondern uns stattdessen an die vorhandenen Möglichkeiten angepasst. Wir haben gute Voraussetzungen vorgefunden in Österreich, Italien, der Schweiz, am Anfang noch in Norwegen und versucht, das Beste daraus zu machen. Das einzige, was uns wirklich massiv beeinträchtigt hat, ist unser Standortnachteil. Um uns herum hatten fast alle Nationen Möglichkeiten, im eigenen Land zu trainieren, als die Reisebeschränkungen unseren Aktionsradius massiv eingeschränkt haben. Wir haben zwar die Zugspitze, aber da konnten wir leider nicht trainieren.

Das betrifft aber doch vor allem den Nachwuchs?

Ja, da sehe ich auch das größte Problem überhaupt, weil es um die Nachhaltigkeit unseres Sports geht. Der Nachwuchs ist irgendwann nicht mehr konkurrenzfähig, wenn er wie in diesem Jahr keine oder aufgrund der Reisebeschränkungen nur wenig Gelegenheit hat zu trainieren. Ich glaube, das wird sich über kurz oder lang auch in andere Sportarten zeigen. Es gibt einfach eine unterschiedliche Behandlung zwischen Auszubildenden, das sind die Nachwuchsfahrer für mich, und den Profis. Wenn sich das nicht ändern lässt, bekommen wir weiter erhebliche Nachteile im Vergleich zur Konkurrenz.

Bei den DSV-Profis beendeten viele in diesem Jahr ihre Karriere. Die größte Lücke hinterlässt wohl Viktoria Rebensburg. Wie schwer wiegt, das nun bei den Frauen die Galionsfigur fehlt?

Der erste Impuls, der auch von außen kommt, ist da natürlich: Jetzt fehlt bei den Frauen eine Siegfahrerin. Natürlich wäre es uns in der Situation lieber gewesen, mit dem Flaggschiff Viktoria in den Weltcup zu ziehen. Ihr Rücktritt ist aber auch eine Chance für neue Gesichter.

Die Hoffnung ruht nun fast ausschließlich auf den deutschen Männern um Abfahrer Thomas Dreßen. In Sölden steht aber erst einmal Stefan Luitz im Fokus. Was erwarten Sie sich von ihm?

Er macht einen guten Eindruck, aber auch die anderen Jungs aus der Technikergruppe wie Linus Straßer oder Alexander Schmid wirken gefestigt. Sie hatten alle eine schwierige Situation, nachdem die Galionsfigur Felix Neureuther weggebrochen war. Aber die Phase ist vorbei. Das Herren-Team sorgt bei mir jedenfalls für keine Sorgenfalten.

Interview: Ulli Baum

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