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US-Senator fordert Schutz von Erdogan-Kritiker Kanter.

NBA: Golden State Warriors vs. Portland Trail Blazers

NBA-Profi Enes Kanter: Erdogans Staatsfeind

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Ein türkischer TV-Sender überträgt die NBA-Playoffs nicht, weil Enes Kanter mitspielt, der Erdogan öffentlich kritisiert hat.

Zunächst dachten viele NBA-Fans in der Türkei, die Meldung sei Satire. Doch als sie am Dienstagmorgen den Fernseher einschalteten, um das Spiel zwischen den Golden State Warriors und den Portland Trail Blazers anzusehen, wurde ihnen schnell klar, der TV-Sender S Spor hatte sich keinen Scherz erlaubt. Statt des ersten Finalspiels in der Western Conference wurde die Wiederholung des Eastern-Conference Halbfinale Toronto Raptors gegen die Philadelphia 76ers gezeigt. 

Der Grund: Enes Kanter spielt bei den Portland Trail Blazers. Und Enes Kanter wird in der Türkei wie ein Staatsfeind behandelt. Der 26-Jährige Centerspieler ist Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, der seit mehr als 20 Jahren im US-amerikanischen Exil lebt. Gülen und seine Bewegung werden für den gescheiterten Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016 verantwortlich gemacht. 

Gülen wird mit Putschversuch in der Türkei in Verbindung gebracht

Jahrelang hat die Gülen-Bewegung mit dem heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP gemeinsame Sache gemacht, ehe sie Erdogan zu mächtig wurde und es 2013 zum Bruch kam. Seitdem gilt die Bewegung mit sektenähnlichen Strukturen als Terrororganisation. „Das ist eine Situation, die nicht an uns liegt“, erklärte ein Sprecher des Senders S Spor die Nicht-Ausstrahlung. Der Befehl kam offensichtlich von oben. 

Den Sender gibt es erst seit 2017 und gehört dem Milliardär Sadettin Saran, der 2005 mal bei Borussia Dortmund als Investor einsteigen wollte. In der Türkei bekommen neue Sender, Zeitungen und Radiostationen nur noch Lizenzen wenn sie der Regierungspartei AKP treu gewogen sind. Kritische Stimmen werden schon seit Jahren versucht mit Enteignungen, Übernahmen und Prozessen mundtot zu machen. 

Und bei Kritikern wie Kanter tut man einfach so, als würden sie nicht existieren. Das ist in Zeiten von sozialen Medien zwar absurd, aber die Realität in der Türkei. Wenn die NBA konsequent ist, wird sie den Vertrag mit dem TV-Sender S Spor auflösen. Die beste Basketballliga der Welt achtet sehr penibel auf die Einhaltung von Werten wie Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit. 

Donald Trump würde Spieler nicht den Mund verbieten 

LeBron James bezeichnete US-Präsident Donald Trump mal als Penner. Trotzdem würde Trump nicht einmal den Versuch wagen, James den Mund zu verbieten oder den TV-Sendern Befehle geben, den Superstar der Los Angeles Lakers nicht mehr zu zeigen. Kanters Tiraden gegen Erdogan („Diktator“, „Hitler“, „verdammter Irrer“) hingegen kommen ihm teuer zu stehen. Schon in der Phase vor dem Putsch hatte er sich mit Erdogan und seinem immer autoritärer werdenden System angelegt. 

„Du ängstlicher Unfähiger, wenn du ein bisschen Ehre hättest, würdest du zugeben, dass du mich wegen des Diktators nicht einlädst“, twitterte Kanter im Mai 2016 in Richtung türkischen Nationaltrainer Ergin Ataman, der den 2.11-Meter-Mann nicht in der Landesauswahl haben wollte. Spätestens nach dem 15. Juli 2016 bekam Kanter täglich Todesdrohungen. 

Im Mai 2017 wurde er an einem Flughafen in Rumänien festgehalten, wo er erfuhr, dass die türkische Regierung seinen Pass hat annullieren lassen. Kurz davor war er aus Indonesien geflohen, weil er Wind davon bekommen hatte, dass das Militär nach ihm suche. Seitdem ist Kanter, der in Zürich geboren, aber im ostanatolischen Van aufgewachsen ist, staatenlos. 

Im Januar sagte er eine Reise mit seinem damaligen Klub, den New York Knicks, für das alljährliche NBA-Spiel in London aus Angst vor einem Mordanschlag des türkischen Geheimdienst MIT ab. Aus der Türkei gab es dazu nicht einmal ein Dementi. Das sagt auch viel aus.

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