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Ende eine perfekten Reise

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Von: Jörg Allmeroth

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Ohne Emotionen tritt auch ein Roger Federer nicht ab. Foto: dpa
Ohne Emotionen tritt auch ein Roger Federer nicht ab. Foto: dpa © dpa

Tränenreich und hochemotional verabschiedet sich Tennis-Legende Roger Federer nach 1500 Matches aus der aktiven Tennisszene.

Am Tag danach war Roger Federer (41) schon ein wenig in der eigenen Zukunft angekommen. Federer stand hinter der Pausenbank des Teams Europe beim Laver Cup und betätigte sich als Tennisflüsterer, als Coach seines besten Mannes in der Truppe, eines gewissen Novak Djokovic. „Die Vorhand ist super, perfekt. Nach so langer Zeit“, lobte Federer und schickte den zuletzt pausierenden Serben nach seiner Ertüchtigungsrede wieder aufs Spielfeld in der O2-Arena im Londoner Osten. Trainer Federer demnächst? Gewiß nicht. Aber Kapitän beim Laver Cup, dem von ihm mitinitiierten Kontinentalduell zwischen Europa und dem Rest der Welt? Ganz sicher, nur noch eine Frage der Zeit.

Aufmerksame Köpfe fanden heraus, dass es in der Nacht zum Samstag nur ein paar Minuten, vielleicht nur Sekunden gebraucht hatte, um bei der Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ aus dem viele Jahre marktbeherrschenden Schweizer Maestro einen „ehemaligen professionellen Tennisspieler“ zu machen. Doch welch grandiose, anrührende, bewegende Abschiedsinszenierung war dieser nüchternen Tatsache vorausgegangen, ein Abend und eine Nacht der vielen Tränen – Tränen aus Sentimentalität, Wehmut, aber auch der Freude. Federer selbst brachte es inmitten all der großen Gefühle und Emotionen auf den Punkt: „Ich weine, weil ich eine tiefe innere Zufriedenheit spüre, wie dieser Teil meines Lebens zu Ende geht“, sagte er, „ich hatte Angst vor diesem Tag, aber jetzt bin ich glücklich.“

Und welche Bilder lieferte dieser Abschied vom Größten dieser Zeit, der seinen Sport kreuz und quer über den Planeten populär machte. Das ikonischste Bild war eins, das Federer und Rafael Nadal zeigte. Beide saßen ein paar Minuten nach dem gemeinsam verlorenen Doppelmatch gegen die US-Amerikaner Jack Sock/Frances Tiafoe auf der Bank, Federer überkam die Rührung, er schluchzte herzzerreißend.

Und dann konnte auch Nadal nicht mehr die Tränen zurückhalten, beide hielten sich die Hände. Die Gegner von einst, die Giganten der Centre Courts, waren einfach nur noch zwei Freude, vereint in einem Gefühl, dass hier und jetzt etwas Großes zu Ende geht. Federer blickte später prägnant auf sein Verhältnis zu Nadal zurück: „Mein größter Rivale ist jetzt mein Freund. Es ist bizarr, aber möglich.“

Nadal war ohnehin nur wegen Federers Abschied zum Laver Cup gekommen, er plagt sich gerade wieder einmal mit allerlei Beschwerden herum, außerdem erwarten seine Frau und er in den nächsten Tagen ihr erstes Kind. „Mit Rogers Abschied ist auch ein Teil meines Lebens vorüber“, sagte der schwer angefasste Matador, bevor er sich rasch zurück auf den Weg ins heimatliche Mallorca machte. Wie lange er selbst noch in der Tretmühle der Tingeltour unterwegs sein wird, ließ er offen. Aber auch sein sportliches Ende ist nah, der Rückzug des zweiten Supermanns aus dem elitären Kreis der „Big Three“, der Fabelhaften Drei. Nur Novak Djokovic bliebe dann vorerst übrig, der serbische Großmeister, der einst die Dominanz von Federer und Nadal durchbrach. Er könnte den Schläger an den Nagel hängen, wenn er dereinst Nadal als Grand Slam-Rekordhalter abgelöst hat.

Federer ist nun Vergangenheit, als Tennisprofi zumindest. Als Balljunge beim Basler Turnier bestaunte er ehedem die Großen des Tennis. Nun geht er als Legende – mit über 1500 gespielten Matches, mit 20 Grand Slam-Titeln, mit 310 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, mit Olympiagold im Doppel und Davis Cup-Triumph. Aber die, die ihn am Freitagabend feierten bei seinem Abschied in London, verneigten sich vor allem vor dem Menschen Federer. Vor einem, den auch dieser grelle Tenniszirkus charakterlich nicht verbiegen konnte. Es sei „schlicht ein Privileg“ gewesen, Federers Abschied zu begleiten, ihn noch einmal „richtig zu würdigen“, sagte Djokovic, der den 41-jährigen Eidgenossen bei dessen letzter Grand Slam-Endspielteilnahme 2019 in London dramatisch niedergerungen hatte.

Federers größtes, leidenschaftlichstes und tränenreichstes Dankeschön an diesem traurig schönen Abend galt aber seiner Frau Mirka. Kennengelernt hatten sich die beiden am Rande der Olympischen Spiele in Sydney, Mirka wurde seine Freundin, seine Beraterin, seine Pressechefin. Dann seine Frau, die Mutter seiner vier Kinder, „der Sturm in der Brandung“, wie Federer sagte. Mit erstickter Stimme sagte Federer am Freitag: „Ohne Dich wäre ich nie so weit gekommen. Du hast immer gesagt: Mach“ weiter. Dafür werde ich Dir immer dankbar sein.“ Und dann schlossen sich alle in der Familie Federer in die Arme, Federer und seine Frau, Federer und die schon groß gewordenen Zwillingstöchter Myla und Charlene, Federer und die Zwillingssöhne Leo und Lenny, Federer und seine Eltern Lynette und Robert.

Vom Promi-Interviewer Jim Courier wurde Federer irgendwann noch gefragt, wie er auf seine Karriere zurückblicke, auf alles auf und neben den Centre Courts. Federer musste nicht lange überlegen, er sagte es aus voller Überzeugung: „Es war eine perfekte Reise. Ich würde es alles noch einmal genau so machen.“

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