Ob mit Publikum oder ohne: Kletterspezialist Emanuel Buchmann fährt am liebsten die Berge rauf.
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Ob mit Publikum oder ohne: Kletterspezialist Emanuel Buchmann fährt am liebsten die Berge rauf.

Rad-Star Emanuel Buchmann

Eine Tour „wie auf mich zugeschnitten“

  • vonArmin Gibis
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Der deutsche Radprofi Emanuel Buchmann im Interview über die Rückkehr in den Wettkampf, seine Chancen bei der diesjährigen Tour de France und gewagte Experimente der Konkurrenz.

Emanuel Buchmann, wie haben Sie die Corona-Pause erlebt?

Das war anfangs schon sehr komisch. Da wussten wir nicht, wann es weitergeht, wie es weitergeht, ob überhaupt noch Rennen gefahren werden in dieser Saison. Als bekanntwurde, dass die Tour de France auf Ende August verschoben wird, hatten wir das große Ziel, auf das wir hinarbeiten konnten. Mir ist es gelungen, in den fünf Monaten sehr gut zu trainieren.

Sie haben ja sogar den Mount Everest in Angriff genommen. Bei der sogenannten Mount-Everest-Challenge bewältigten Sie die 8848 Höhenmeter, indem Sie den Heimlerberg im Ötztal mehrfach rauf- und runterfuhren. Wie war diese Erfahrung?

Hintergrund der Aktion war ein guter Zweck. Es wurde Geld für das Deutsche Kinderhilfswerk gesammelt. Ich habe das aber auch genutzt, um im Training mal was anderes machen. Und ich muss sagen: Das war extrem viel. Bisher bin ich höchstens 5500 Höhenmeter im Training gefahren. Die letzte der gut sieben Stunden war schon sehr anstrengend. Aber insgesamt war es nicht härter als ein Radrennen.

Ihr Trainer Dan Lorang meint, eine Ihrer Stärken sei, dass Sie im Training leiden können. Wie kommt man zu dieser Fähigkeit? Kann man sich das antrainieren?

Ich glaube, das ist typabhängig. Manche tun sich da einfach etwas schwerer, im Training die harten Intervalle zu fahren und ans Limit zu gehen. Die brauchen Rennen, um Belastung zu setzen. Mir fällt es aber relativ leicht, mich im Training zu quälen.

Das Zeitfahren gilt nicht unbedingt als Ihre Lieblingsdisziplin. Haben Sie daran gearbeitet?

Ja, wir haben vor allem an der Zeitfahrposition gefeilt. Ich war im Windkanal in Kalifornien. Zeitfahren steht schon immer auf dem Trainingsplan bei mir. Es ist eben schwierig, mit einem Körpergewicht von 60 Kilo im Kampf gegen die Uhr Topleistung zu bringen. Ich glaube aber, dass ich mittlerweile für meine Verhältnisse ein ganz guter Zeitfahrer bin.

Wie sieht denn der Ernährungsplan aus, wenn man fünf Monate nur trainiert?

Was die Menge betrifft: Man kann sehr viel essen, wenn man viel trainiert. Wenn man täglich fünf, sechs Stunden auf dem Rad sitzt wie ich, dann hat man in dieser Hinsicht schon einen Spielraum. Man darf sich natürlich nicht nur von Schokolade und Eiscreme ernähren. Ansonsten kann man fast alles essen.

Haben Sie da Vorlieben?

Italienisches Essen schmeckt mir ganz gut. Vor allem Pasta.

Am Mittwoch bestreiten Sie nun bei der Dauphiné Libéré Ihre ersten Rennkilometer. Mit welcher Einstellung gehen Sie in Ihr Saisondebüt nach der Corona-Pause?

Ich bin echt heiß drauf, dass es endlich wieder losgeht. Jetzt habe ich wirklich genug trainiert. Ich möchte mich endlich wieder mit der Konkurrenz messen. Ein bisschen Unsicherheit ist natürlich auch dabei. Man weiß ja nicht, wie die anderen drauf sind, wo man selber steht.

Zur Person

Emanuel Buchmann, 27 Jahre alt, hat als Profiradsportler noch nie eine so lange Pause gemacht. Fünf Monate tat er corona-bedingt nichts anderes, als zu trainieren. Das allerdings mit höchster Intensität. Denn schließlich strebt er ein großes Ziel an: einen Podiumsplatz bei der am 29. August beginnenden Tour de France. Ab morgen, Mittwoch, bestreitet der Kapitän des Bora-hansgrohe-Teams und Tour-Vierte von 2019 mit der fünftägigen Dauphiné Libéré sein erstes und auch einziges Rennen vor dem großen Trip durch Frankreich. FR

Das sind nur harte Etappen. Die Besetzung wird ähnlich wie bei der Tour de France sein: also ein Top-Teilnehmerfeld. Da sieht man gleich, wie man gearbeitet hat. Da kann man sich nicht verstecken.

Bei der diesjährigen Tour de France stehen acht Gebirgsetappen mit vier Bergankünften auf dem Programm. Ein Profil, das Ihnen liegen dürfte ...

Die Strecke ist wirklich sehr gut für mich. Sie ist eigentlich wie auf mich zugeschnitten. Und ich habe sehr gute Helfer im Team dabei. Da sind wir besser aufgestellt als letztes Jahr. Wenn alles klappt und ich ohne Sturz durchkomme, dann hoffe ich, dass ich vorne mit dabei bin.

Sie haben ja schon mehrfach betont, dass Sie nach dem vierten Platz im Vorjahr nun aufs Podium wollen. Sehen Sie auch eine Chance auf den Tour-Gesamtsieg?

Wenn Podium das Ziel ist, dann ist der Tour-Sieg nicht weit weg. Es muss natürlich alles zusammenpassen. Allein schon, um aufs Podium zu kommen, darf nichts schiefgehen. Unmöglich aber ist es nicht, die Tour zu gewinnen.

Einer der Hauptkonkurrenten wird sicher das Ineos-Team mit den drei Tour-Siegern Egan Bernal, Chris Froome und Geraint Thomas sein. Drei Kapitäne aufzubieten, ist sehr ungewöhnlich. Wie sehen Sie die Konstellation bei Ineos?

Es ist sicher schwierig, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Mit drei Kapitänen anzutreten, ist in jedem Fall gewagt. Da müssen sich erst einmal alle verstehen und dürfen nicht gegeneinander fahren. Da muss man sehen, ob das funktioniert. Als sehr stark schätze ich übrigens auch noch Jumbo-Visma mit Primoz Roglic und Steven Kruijswijk ein. Auch Thibaut Pinot kann auf diesem Kurs vorne reinfahren.

Worauf wird es bei dieser Tour besonders ankommen?

Da es sehr viele Bergetappen sind, muss man von Anfang an in Topform sein. Da hat man keine Zeit, sich einzurollen. Schon auf der zweiten Etappe geht es ja in die Berge. Wichtig ist auch die Konstanz. Dass man also drei Wochen lang immer auf dem gleichhohen Niveau fährt. Und man muss natürlich ohne Sturz durchkommen.

Das einzige Zeitfahren steht als vorletzte Etappe auf dem Programm. Kann da noch die späte Entscheidung über den Gesamtsieg fallen?

Auf jeden Fall. Das Zeitfahren ist mit 36 Kilometer auch relativ lang. Und am Ende ist auch noch ein Berg. Da ist einiges drin.

Wie groß ist denn Ihre Zuversicht?

Ich fühle mich sehr fit. Und ich bin auch optimistisch, dass ich in den Rennen eine gute Form zeigen kann. Interview: Armin Gibis

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