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Schwer zu stoppen: Sander Sagosen vom THW Kiel.

Handball-Bundesliga startet

Rückkehr der Handballer: Eine Saison mit dem Besten der Welt

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Ein neuer Superstar Sander Sagosen, eine anstrengende Terminhatz und maskierte Fans in den Hallen: Die Handball-Bundesliga startet mit vielen Fragezeichen in ihre 55. Spielzeit.

Nach 212 Tagen Corona-Pause geht es wieder los, die Handball-Bundesliga wagt in komplizierten Zeiten den Neuanfang und startet am Donnerstag in ihre 55. Saison. Vorab einige Antworten auf die drängendsten Fragen:

Wie steht’s um die Kohle?

Geht so, und das ist noch milde ausgedrückt. Ligachef Frank Bohmann hält die Klubs trotz des Saisonstarts vor Publikum (siehe: Wer darf rein?) weiterhin für akut bedroht. Gerade die geplante Verteilung der Coronahilfen durch die Bundesregierung an die Profisportvereine stößt bei ihm auf Unverständnis. Die Vergaberichtlinien sehen vor, dass Klubs vom Rettungspaket nur dann profitieren, wenn sie infolge der Krise einen Verlust verzeichnet haben. Diejenigen, die durch Sparmaßnahmen wie einen Gehaltsverzicht den Rutsch in die Roten Zahlen bisher vermeiden konnten, würden nach aktuellem Stand leer ausgehen. „Das kann man als unfair betrachten“, sagte Bohmann. Wo er Recht hat, hat er Recht. Bob Hanning, der kleine große Mann des deutschen Spitzenhandballs, der Geschäftsführer der Füchse Berlin und Vize beim Deutschen Handball-Bund ist, findet zudem: „Ein weiterer Lockdown wäre kaum noch zu verkraften.“ Wo er Recht hat, hat er Recht.

Wer darf rein?

Einige Fans jedenfalls. Wie viele es genau sind, hängt von den jeweiligen Hallenkapazitäten ab. Jeder Verein darf seine Spielstätte zu 20 Prozent auslasten. Wohlgemerkt nur dann, wenn es das lokale Infektionsgeschehen und das zuständige Gesundheitsamt auch zulassen. Den Supercup zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt (28:24) verfolgten am vergangenen Samstag in Düsseldorf 2100 Fans in der Halle, Münder und Nasen stets bedeckt. Rund 500 mehr wären erlaubt gewesen. Für die Vereine ist die Rückkehr von Publikum in die Hallen elementar, zwischen 20 bis 30 Prozent der Gesamtetats machen die Ticketeinnahmen aus. Dazu kommen die Sponsorenzuwendungen, die nur dann vollumfänglich auf die Klubkonten fließen, wenn die Werbung auch von Fans rezipiert wird. Manche Vereine dürften trotz Publikums leichte Verluste einfahren, weil Hallenmiete und andere Kosten die vergleichsweise geringen Einnahmen noch übersteigen.

Wer macht mit?

20 Mannschaften, und damit zwei mehr als üblich. Weil nach der vergangenen Abbruchsaison kein Team den Gang in Liga zwei antreten musste und die Aufsteiger Essen und Coburg dazustoßen, steht den Teams eine anstrengende Terminhatz bevor. „Das wird eine sehr brutale Saison“, prophezeit Bundestrainer Alfred Gislason. Gerade die international vertretenen Vereine eilen von Spiel zu Spiel, zumal neben den aktuellen Wettbewerben auch noch das Champions-League-Finalturnier der vergangenen Saison nachgeholt werden soll, am 28./29. Dezember in Köln. Experten erwarten, dass die Trainer viele Abwehr-Angriff-Wechsel vornehmen werden, um die Spielzeit auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Auch könnte es dazu kommen, dass im Angriff noch häufiger als früher der siebte Feldspieler eingesetzt wird. „Wir sind heilfroh, dass wir wieder spielen können. Aber klar, die Taktung wird extrem sein“, sagt Uwe Gensheimer, Linksaußen der Rhein-Neckar Löwen und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Was wird aus der WM?

Zeitweise hatten die Chefs der Topklubs aus Kiel und Flensburg eine Absage gefordert, seien die hygienischen Standards in Ägypten doch nicht die allerhöchsten und der Terminplan ohnehin prall gefüllt. Die Bosse plädierten stattdessen für einen Ligastart erst im Januar. Daraus wurde nichts. „Die Ägypter werden alles daransetzen, dass das Turnier auch unter Corona-Bedingungen funktioniert. Es wäre ein Desaster, würde eine Nation wie Deutschland nicht zur WM anreisen“, findet Bundestrainer Gislason klare Worte.

Wer ragt heraus?

Der König des Nordens. Diesen Titel bekam Sander Sagosen von den Medien in seiner norwegischen Heimat nicht umsonst verliehen. Der 25-jährige Spielgestalter, der in diesem Sommer aus Paris nach Kiel wechselte, ist nach Meinung vieler (im Grunde fast aller) Experten der zurzeit beste Handballer der Welt. Im Angriff hält ihn (fast) keiner auf, in der Abwehr packt er beherzt zu. Der Mann für die Mitte im Rückraum ist ein Komplettpaket. Die Anspiele, die Tempowechsel, die Leichtigkeit, schlicht sagosenhaft. Pudelwohl wird sich die neue Attraktion der Liga, der Hüne mit dem Lausbubengesicht, an der Kieler Förde ganz sicher fühlen, nicht nur wegen der Nähe zur Nordsee („Ich liebe es, fischen zu gehen“). So ist nämlich Rune Dahmke, deutscher Internationaler, mit Stine Oftedal, norwegische Welthandballerin, liiert, deren Schwester Hanna wiederum Sagosens Freundin ist. Kleine Handballwelt.

Wer sind die Titelfavoriten?

Sollen doch die Experten antworten, also Herr Gislason: „Kiel und Flensburg sind die großen Favoriten.“ Nun Sie, Herr Hanning: „Wenn eine Mannschaft Kiel hinter sich lässt, wird sie auch Meister.“ In Ordnung. Was meinen Sie, Herr Gensheimer, gibt es nicht doch eine Chance, den THW aufzuhalten? „Verletzungen.“ Nun gut, verstanden. Titelverteidiger Kiel macht’s. Mal wieder. Das sagen zumindest die Experten. Härtester Konkurrent werden wohl die Flensburger, die nach den Abgängen von erfahrenen Spielern wie Holger Glandorf oder Anders Zachariassen zwar erst einmal ein neues Teamgefüge aufbauen müssen, die sich aber sinnvoll verstärkt haben. Nationalspieler Franz Semper aus Leipzig und Mats Mensah Larsen von den Rhein-Neckar Löwen bringen gehobene Qualitäten mit. Im weiteren Favoritenfeld sammeln sich die Rhein-Neckar Löwen um Superspielmacher Andy Schmid und Trainer Martin Schwalb sowie Magdeburg und Melsungen.

Wie gut sind die hessischen Klubs?

Die MT Melsungen ist ziemlich sicher besser als die HSG Wetzlar. Die Nordhessen vereinen viele bekannte Namen, einige frühere und aktuelle deutsche Nationalspieler im Kader: Da wären allen voran die beiden Neuzugänge Silvio Heinevetter, der extrovertierte Torhüter, und Timo Kastening, der aus Hannover gekommen Rechtsaußen, die sich auch ganz gerne mal gegenseitig foppen. Dazu kommen noch Julius Kühn, Finn Lemke, Tobias Reichmann und Kai Häfner – nicht schlecht. In Wetzlar drehte sich vor dem Saisonstart viel um den Trainer. Kai Wandschneider, 60 Jahre, wird die Mittelhessen nach der Saison verlassen, es ist seine elfte für die HSG. Beerben wird den dienstältesten Coach der Liga im kommenden Sommer Benjamin Matschke, 38, der derzeit noch beim Ligakonkurrenten aus Ludwigshafen verantwortlich ist und dort zum vierten Mal nacheinander den Klassenerhalt packen will. (mit dpa)

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