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Eine Klasse für sich: Lennard Kämna mischt die Konkurrenz auf.

Tour de France

Ein Versprechen für die Zukunft

Der höchst talentierte Radprofi Lennard Kämna gilt als möglicher Sieganwärter von Morgen.

In der Kabine des französischen Fernsehens wird es ganz laut. Als dieser junge Norddeutsche mit der markant-weißen Sonnenbrille in die Pedale tritt, steigt die Spannung, und selbst die Stars wie Julian Alaphilippe sind in höchster Alarmbereitschaft. Lennard Kämna hat sich bei der Tour de France längst einen Namen gemacht, auch wenn das Happy End noch auf sich warten lässt. Und doch strahlt das gerade 24 Jahre alt gewordene Riesentalent. „Ich bin super zufrieden, dass es wieder läuft. Das ist ein Top-Zeichen für die nächste Woche. Es kommen noch ein paar Etappen. Ich hoffe, dass ich noch eine gewinnen kann“, sagt Kämna.

Erst fuhr er am Freitag beim famosen Bergsprint gegen den Kolumbianer Daniel Martinez am Puy Mary als Zweiter hauchdünn an seinem ersten Tagessieg bei der Tour vorbei, dann war er auf der Etappe nach Lyon kurz vor dem Ziel plötzlich wieder ganz vorne. „Das war echt geil. Da waren so viele Zuschauer auf den letzten drei Kurven. Diese Erfahrung wird mir auch keiner mehr nehmen“, berichtete der Youngster, als er - angefeuert von den Menschenmassen am Cote de la Croix-Rousse – rund zehn Sekunden vor der Meute durch Lyon raste.

Es reichte nicht, noch nicht. Doch Kämnas Zeit wird kommen. Da sind sich die Experten einig. Der Youngster – ein Mann der Generation Egan Bernal – gilt als Versprechen für die Zukunft, als möglicher Sieganwärter von Morgen. Er bringt alles mit für eine große Rundfahrer-Karriere. Er ist ein guter Kletterer mit einem Gardemaß von 1,81 Metern bei nur 65 Kilogramm Körpergewicht, im Gegensatz zu Emanuel Buchmann hat er auch überragende Zeitfahrer-Qualitäten. „Er hat einen großen Motor“, schwärmt Teamchef Ralph Denk, der das Talent vom deutschen Konkurrenz-Rennstall Sunweb abgeworben hatte.

Wenn die Rivalen nach mehr als 2000 Kilometern durch Frankreich allmählich nachlassen, dreht Kämna erst richtig auf. Das war schon im vergangenen Jahr so, als er auf zwei schweren Bergetappen die Plätze vier und sechs belegte. Kämna regeneriert offenbar schnell, was einen Spitzen-Rundfahrer ausmacht.

In diesem Jahr sind die Leistungen umso beachtlicher, zumal er zu Beginn der Tour dreimal gestürzt und sein Körper in den „Notmodus“ gegangen war. Eine Woche lang ging gar nichts. Kämna wurde abgehängt und demoralisiert. Eine Erfahrung, die er auf seinem Entwicklungsprozess mitnimmt. „Jetzt ist die Form wieder da. Ich kann den Körper wieder ausbelasten“, sagt er selbst.

So wie bei der Dauphiné-Rundfahrt. Nachdem sein Kapitän Buchmann nach einem Sturz bei der Tour-Generalprobe aufgeben musste, bekam der frühere Junioren-Weltmeister freie Fahrt. Dabei fuhr Kämna den Stars der Branche – von Alaphilippe bis Primoz Roglic waren alle vertreten - davon und gewann im Alleingang in Megève. Sein erster großer Profisieg, weitere sollen folgen.

Bei Bora-hansgrohe wollen sie Kämna langsam an die Spitze führen, so wie sie es auch mit Buchmann gemacht haben. Der in Wedel geborene und in Bremen lebende Radprofi gibt dabei auch sonst eine gute Figur ab. Eloquent, bodenständig und redegewandt tritt er auf – mit einer klaren Meinung, was auch Denk verblüfft: „Wenn ich überlege, wie ich mit 21, 22 war. Da war ich eher froh, dass mich keiner angesprochen hat und ich nichts sagen musste.“ (dpa)

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