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Ein ungleiches Duo

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Von: Michael Wilkening

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Der alte Haudegen: Andreas Wolff.
Der alte Haudegen: Andreas Wolff. © dpa

Die deutschen Handballtorhüter Till Klimpke und Andreas Wolff sind zwar grundverschieden, aber sie verbindet doch sehr vieles – ihr Torwarttrainer zum Beispiel.

Jasmin Camdzic muss vor Stolz fast geplatzt sein. Der gebürtige Bosnier ist 51 Jahre alt, hat fast sein halbes Leben in Deutschland verbracht und kümmert sich als ehemaliger Handballtorwart seit mehr als zehn Jahren um die Keeper bei der HSG Wetzlar. Camdzic ist in Mittelhessen heimisch geworden und saß am Sonntag vor dem Fernseher, als einer seiner Schützlinge zum ersten Mal auf der ganz großen Bühne auftrumpfte, während ihm ein ehemaliger von der Bank aus assistierte.

Till Klimpke avancierte beim 34:29-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Österreich zum starken Rückhalt im Tor, Andreas Wolff vervollständigte das Torwart-Duo und gab dem Kollegen wertvolle Hinweise. Camdzic versucht, Klimpke in jedem Trainer etwas besser zu machen. Bei Wolff ist ihm das vor ein paar Jahren bereits gelungen.

„Ich habe Kontakt zu Jasmin, aber er versucht sich zurückzuhalten“, sagte Klimpke am Montag in Bratislava. Schließlich befinden sich die Keeper im Kreis der Nationalmannschaft in Obhut von Torwarttrainer Mattias Andersson – und dem Kollegen möchte der Mann aus Wetzlar ganz sicher nicht in die Arbeit pfuschen.

„Der ein oder andere Tipp ist aber dabei“, räumte Klimpke ein. Der 23-Jährige ist wie ein Schwamm, er saugt wissbegierig alle Eindrücke und Hinweise auf, die er bekommen kann. Der Torhüter aus einer bekannten Handballer-Familie in Mittelhessen gilt seit ein paar Jahren als Versprechen für die Zukunft. Bei der Europameisterschaft in der Slowakei machte er im zweiten Vorrundenspiel deutlich, dass schon die Gegenwart außergewöhnlich werden kann. „Till hat eine große Präsenz auf dem Feld“, sagt der Schwede Andersson, der Torwarttrainer beim Deutschen Handballbund (DHB).

Topspiele auf internationalem Niveau werden nicht nur mit Muskelkraft, sondern zu einem großen Anteil im Kopf entschieden. Vor allem im Duell mit den Angreifern kommt es für die Torhüter darauf an, „in die Köpfe“ zu gelangen, Angst vor dem Fehlwurf zu verursachen. Andreas Wolff war in seinen besten Partien ein Meister darin, auf dem Feld eine Aura der Unbesiegbarkeit aufzubauen.

Der Senkrechtstarter: Till Klimpke.
Der Senkrechtstarter: Till Klimpke. © dpa

Till Klimpke ist in seiner Persönlichkeit ein völlig anderer Typ, aber auch er ist in der Lage, größer und schneller zu wirken als er ist. Der Wetzlarer ist in der Lage, die Lücken im Tor für die Angreifer kleiner werden zu lassen.

„Andi hat sein riesiger Ehrgeiz ausgezeichnet. Er hatte den Willen, immer besser werden zu wollen. Die Trainingsbereitschaft war einmalig“, sagt Camdzic: „Bei Till ist es ganz ähnlich.“ Vor sechs Jahren gewann Deutschland unerwartet die Europameisterschaft in Polen, weil ein bis dahin nur Experten bekannter Torhüter zu einem Superstar wurde, der damals in Wetzlar unter Vertrag stand und von Camdzic trainiert wurde: Andi Wolff.

Der Goalie ist seither der bekannteste Handballer in Deutschland und bildet in den Tagen von Bratislava in gewisser Weise ein Duett mit einer jüngeren Ausgabe von sich selbst. Das Miteinander des früheren und des ehemaligen Keepers der HSG Wetzlar ist gut. „Sie haben eine gemeinsame sportliche Herkunft, das verbindet sie“, sagt Klubcoach Camdzic.

Es wäre spannend zu erfahren, wie Wolff über seinen Kollegen denkt, ob er Parallelen zu seinem kometenhaften Aufstieg vor sechs Jahren sieht. Aber Wolff schweigt, der Keeper hat sich seit knapp einem Jahr selbst einen Interview-Boykott auferlegt. Zunächst wirkte das Vorgehen etwas trotzig, nachdem er sich vor der Weltmeisterschaft vor einem Jahr öffentlicher Kritik ausgesetzt sah. In Bratislava ist der 30-Jährige lockerer, scheint zu mehr innerer Ruhe gefunden zu haben.

Bei den zurückliegenden Turnieren waren Glanzleistungen von Wolff seltener geworden. Der (über)ehrgeizige Torhüter scheiterte an seiner eigenen Erwartungshaltung, er trat verkopft auf, die Lockerheit und damit die Aura waren verlorengegangen. Jetzt deutet einiges darauf hin, dass beides zurückkehrt.

„Till hat eine innere Ruhe von Geburt an“, sagt Camdzic, „Andi musste das erst lernen. Für ihn war früher jeder Gegentreffer eine Katastrophe.“ Im abschließenden Vorrundenspiel gegen Polen am Dienstag (18 Uhr) kann Wolff auf dem Spielfeld zeigen, dass er wieder bereit ist. Bundestrainer Alfred Gislason deutete an, dass der Routinier zu Beginn im Tor stehen wird. Seit 2019 steht Wolff beim polnischen Spitzenklub KS Kielce unter Vertrag.

„Andi kennt die Polen extrem gut, es spricht vieles für ihn“, sagte der Coach. Kollege Klimpke hat damit kein Problem: „Ich würde mich sehr freuen, wenn Andi ein sehr gutes Spiel machen und es für uns gewinnen würde.“ Die Marschroute ist klar. „Wir wollen das letzte Gruppenspiel natürlich auch gewinnen“, sagte Klimpke, dick eingemummelt in eine Winterjacke, vor dem Teamhotel im eisig kalten Bratislava.

Sollte Wolff im „Gruppenfinale“ gegen die bislang überzeugenden Polen seine Klasse zeigen, müssten sich die Gegner der Deutschen in der am Donnerstag startenden Hauptrunde so langsam Sorgen machen. Die Voraussetzung für weitere Glanzleistungen der Torhüter wären geschaffen, denn sie wären „in die Köpfe“ der Gegner eingedrungen.

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