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Hat offenbar große Teile der Kabine verloren: Achim Beierlorzer.

Mainz 05

Mainz 05 trennt sich von Trainer Beierlorzer - Ein übervolles Fass mit Frust

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Das 1:4 von Mainz 05 gegen den VfB Stuttgart als logischer Ausfluss einer missratenen Woche.

Update 28.09.2020, 12.00 Uhr: Fußball-Bundesligist FSV Mainz 05 hat sich zwei Tage nach der 1:4-Klatsche gegen Aufsteiger VfB Stuttgart von Trainer Achim Beierlorzer (52) getrennt. Damit reagierten die Rheinhessen am Montag nicht nur auf den sportlichen Fehlstart in der Liga mit null Punkten nach zwei Spielen, sondern vor allem auch auf die Turbulenzen im Verein rund um den Spielerstreik am vergangenen Mittwoch nach der Aussortierung von Stürmer Adam Szalai.

Beierlorzer hatte die 05er im vergangenen November nach der Entlassung von Sandro Schwarz übernommen. Im Punktspiel am Freitag bei Union Berlin soll der bisherige Co-Trainer Jan-Moritz Lichte (40) das Team betreuen.

Erstmeldung: Es hat schwere Zeiten der Rückschläge gegeben bei Mainz 05. Zweimal scheiterten die Rheinhessen tragisch an der letzten Hürde im Bundesliga-Aufstiegsgalopp, einmal stiegen sie in die zweite Liga ab. Aber seinerzeit war jeweils der überlebensgroße Jürgen Klopp Trainer der Nullfünfer. Einer wie er ließ kein Gefühl der Trostlosigkeit zu. All die Kraft der Gemeinschaft, die dieser Verein aus dem Scheitern sog ist nun verbraucht. Am Samstag nach dem noch glimpflich verlaufenen 1:4 (1:1) gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart hätte die Demütigung kaum herber geraten können. Die Profis und ihr Trainer Achim Beierlorzer trotteten müde klatschend Richtung des corona-dezimierten Publikums. Der Resonanzboden inmitten der schlimmsten Tage der Vereinsgeschichte: Pfiffe, Buhrufe, Wut, Enttäuschung. Klubchef Stefan Hofmann redetet gar nicht erst großartig drumherum. Der „gesamte Verein“ sei durch die Vorkommnisse der vergangenen Woche „erschüttert“ worden.

Beierlorzer auf der Kippe

Die Arbeitsverweigerung vom Mittwoch, als die Spieler in einen wilden Streik getreten waren und mit ihrer „schwerwiegenden Pflichtverletzung“ (Sportfachanwalt Horst Kletke) ihren Trainer maximal bloßgestellt hatten, folgte auch am Samstag eine Art der Arbeitsverweigerung- wenn auch diesmal sicher keine vorsätzliche. Es ist verdammt viel kaputtgegangen bei Mainz 05. Am Sonntag folgte nach dem Erholungstraining, das Beierlorzer leiten durfte, die Krisensitzung.

Die Fehleranalyse ist hochkomplex. In ihrem Zentrum stehen Chefcoach und Sportvorstand Rouven Schröder. Es scheint nicht mehr viel übrig vom anfangs vertrauensvollen Miteinander. Schröder weiß, dass er mindestens in der Moderation des Gehaltsverzichts, den die Spieler lediglich als Stundung interpretiert hatten, fundamentale Fehler gemacht haben dürfte. Warum sonst würde ein Thema, das Schröder im Frühjahr auch in der öffentlichen Kommunikation unangenehm war, im Herbst wieder mit Wucht aufploppen? Der Sportchef weiß aber auch, dass der Trainer Großteile der Kabine offenbar verloren hat. Auf dieses negative Grundrauschen setzte dann noch der „Fall Adam Szalai“ mit der Suspendierung des Stürmer oben drauf. Dabei war das Fass mit Frust schon randvoll. Nun lief es über.

Mainz 05: Keine normale Woche

Bei Mainz 05 waren sie schon vor der Niederlage gegen Stuttgart, die die eigene Konzeptlosigkeit zum wiederholten Mal bestätigte, einig: Man könne keinesfalls „einfach so zur Tagesordnung übergehen“, hatte der Vorsitzende Hofmann schon am Freitagabend kundgetan. In der Mannschaft habe sich „eine große Emotionalität aufgebaut“, die mit „besserer interner Kommunikation“ zu verhindern gewesen wäre. Eine strenge Botschaft auch an Schröder, der am Wochenende einen selbstkritischen Eindruck hinterließ. Die Gesamtlage sei „bedenklich. Das ist auch ein Zeichen für uns, in die Analyse zu gehen“. Es müsse „alles auf den Tisch kommen“, so Schröder zerknirscht, „die Woche war nicht normal für Mainz 05“.

Trainer Beierlorzer mit erstaunlicher Analyse

Der Verein fühlt sich von Oliver Fischer, dem Berater des ungarischen Nationalstürmers Szalai, vor sich hergetrieben, Schröder und Beierlorzer haben die Situation komplett falsch eingeschätzt. Am Sonntagmorgen stellte Fischer in der Sendung Sky 90 klar, sein Mandant werde sich „nicht verjagen lassen“, er erwarte, dass der zur U23 abgeschobene Szalai kurzfristig wieder mit den Profis trainieren dürfe. Schröder hatte im Vorfeld unter Berufung auf einen Fall „weiter südlich im Land“ darauf hingewiesen, dass derartige Konfrontationen auch geräuschloser gehandhabt werden könnten. Offenbar ein Hinweis auf Ex-Nationalspieler Holger Badstuber, der beim überzeugenden Samstaggegner VfB Stuttgart zur U23 abgeschoben worden ist und dies öffentlich klaglos hinnahm.

Beierlorzer wollte in einem Anflug von Wahrnehmungsstörungen am Samstag ein Spiel auf „Messers Schneide“ gesehen haben, in dem ein „Quäntchen“ entschieden hätte. Zudem sei er „hundertprozentig“ davon überzeugt, auch am Freitag bei Union Berlin noch Trainer von Mainz 05 zu sein. Das Verhältnis zum Team sei nach wie vor „konstruktiv“. Kapitän Danny Latza überraschte mit der Auskunft, man habe im Spiel alle Vorkommnisse der Woche „vergessen“. Torwart Robin Zentner sprach davon, das Geschehnisse gingen „die Außenwelt nichts an“.

Wäre die sportliche und atmosphärische Situation nicht so ernst für Mainz 05 - man könnte sie als Realsatire eines Kreisligisten wahrnehmen.

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