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Fabio Jakobsen (links) und Dylan Groenewegen stürzen beim Zielsprint. Jakobsen befindet sich nach dem heftigen Sturz bei der Polen-Rundfahrt wieder bei Bewusstsein.

Fabio Jakobsen

„Ein absolutes Horrorszenario“

  • vonArmin Gibis
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Der einstige Weltklasse-Radsprinter Marcel Kittel über Rücksichtnahme bei Entscheidungen auf den letzten Metern.

Herr Kittel, haben Sie die Szenen von den Stürzen beim Massensprint in Kattowitz gesehen?

Ja, ich habe mir die Bilder wohl mindestens dreißig Mal angeschaut. Und ich muss sagen: Das ist ein absolutes Horrorszenario. Mein erster Gedanke war: Ich hoffe, es geht Fabio Jakobsen gut. Ich hoffe, er überlebt das. Die Kräfte, die da wirken, wenn man mit 80 Stundenkilometern in eine Bande fährt und innerhalb von drei Metern stoppt, sind verheerend.

Können Sie als früherer Sprintspezialist erzählen, wie man so einen Sturz als Fahrer erlebt?

Der ganze Sprint an sich besteht nur aus Reflex, ist fast frei von bewussten Entscheidungen. Das geht alles so schnell – da kann man sich nur noch auf die eigene Intuition verlassen. Eben sitzt man noch auf dem Rad, und ein paar Sekunden später hat man sich drei Mal gedreht, liegt auf dem Boden. Natürlich war ich auch schon in Massenstürze verwickelt und lag im Rennfahrerhaufen ganz unten drunten. Einen so schweren Sturz wie den in Kattowitz hatte ich glücklicherweise nie.

Marcel Kittel spricht Klartext zum schweren Sturz in Kattowitz.

In Kattowitz ist Dylan Groenewegen als Auslöser des Sturzes disqualifiziert worden. Wie beurteilen Sie sein Fehlverhalten?

Man sieht in den TV-Aufzeichnungen zwei Dinge ganz klar. Zum einen, wie Groenewegen in der Mitte der Fahrbahn seinen Sprint eröffnet und dann fast ganz rechts an die Bande fährt. Und das in dem Moment, als Fabio Jakobsen die Lücke, die neben Groenewegen entsteht, nutzen möchte. Und zweitens ist zu erkennen, dass Groenewegen seinen Ellbogen raushält, als Jakobsen neben ihm ist. Das würde ich jetzt als Aktion an und für sich nicht als komplett wahnsinnig darstellen – aber es war in dem Moment eben das Tüpfelchen auf dem i. Auch weil Jakobsen nicht mehr bremsen konnte.

Wie ist es denn im Fahrerfeld: Gibt es da ungeschriebene Gesetze für die Entscheidung im Sprint?

Ich glaube, dass die Regeln, die es inzwischen gibt, aus diesen ungeschriebenen Gesetzen entstanden sind. Und die besagen, dass man die Fahrlinie zu halten hat. Dass man Rücksicht nimmt auf die Kollegen. Es gehört aber auch zur Natur des Sprints, aus diesem Chaos, das oft entsteht, mit Risiko noch etwas daraus zu machen. Man muss sich aber auch darauf verlassen können, dass sich die Konkurrenten an die Regeln halten. Und wenn das – wie im Fall Groenewegen – nicht gemacht wird, sieht man, was für ein dramatisches Sturzpotenzial dabei ist.

Brian Holm, Ihr früherer Sportlicher Leiter bei Quickstep, hat einmal gesagt: Sprinter sind zu 110 Prozent verrückt. Hat er recht?

Ja. Es ist einfach diese Mischung aus Wahnsinn, Beklopptsein und auch Faszination am Tempo, was den Sprint so besonders macht. Ich kann mich an Szenen erinnern, als es wie im Actionfilm zuging. Du hast so krasse Wechsel innerhalb des Feldes, musst blitzschnell Entscheidungen treffen, gleichzeitig powerst du dich total aus. Das ist eine wahnsinnig spannende Mischung. Aber es birgt halt auch ein Riesengefahrenpotenzial. Das darf man als Fahrer nie vergessen.

Ist es denn denkbar, dass die Coronapause diesen Sprint beeinflusste, weil nach den fast fünf Monaten ohne Rennen die Automatismen noch nicht so da sind wie normal?

Das sind alles erfahrene Rennfahrer. Die wissen alle, wie ein Sprint funktioniert, und das haben sie auch nicht vergessen. Ich glaube eher, dass die lange Rennpause die Rennfahrer stark aufgeheizt hat. Die wollen sich jetzt alle zeigen; Die Rennen werden deswegen sehr hart gefahren. Alle standen wie die Rennpferde fünf Monate lang im Stall und konnten nicht zeigen, was sie drauf haben. Das spielt sicher mit, wenn jetzt in den Sprints noch mal ein Extrarisiko genommen wird.

Beim Sprint in Kattowitz ging es leicht bergab, deswegen wurde die hohen Geschwindigkeiten von 80 Stundenkilometern erreicht. Man fragt sich: Musste das sein?

Ich hoffe, dass die Frage jetzt ganz ernsthaft diskutiert wird. Man macht es sich auch zu einfach, dass man jetzt nur auf Groenewegen zeigt und sagt: Es ist nur seine Schuld. Denn die Rennfahrer arbeiten mit dem, was ihnen vorgesetzt wird. Die Rennstrecke, auf der der Unfall passierte, ist schon länger berühmt-berüchtigt. Da muss man sich schon überlegen, was zumutbar ist.

Was gibt es allgemein für Möglichkeiten, die Gefahren des Radsports zu reduzieren?

Wir fahren eben auf keinen abgesicherten Rennenstrecken wie die Formel 1, sondern in öffentlichen Räumen. Man muss versuchen, den Sport so weit zu bändigen, dass man eine möglichst sichere Umgebung anbieten kann. Aber die Natur unseres Sports wird immer eine Gefahr mit sich bringen, die man nicht wegplanen oder wegorganisieren kann.

Interview: Armin Gibis

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