Voll im Rausch nach dem Abpfiff: Michael Wiesinger, Zwei-Spiele-Trainer des 1. FC Nürnberg.
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Voll im Rausch nach dem Abpfiff: Michael Wiesinger, Zwei-Spiele-Trainer des 1. FC Nürnberg.

Der Club bleibt in der zweiten Liga

Das Drama von Ingolstadt

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Der FCI hat das Wunder vor Augen, ehe der 1.FC Nürnberg in der letzten Minute der Nachspielzeit den erlösenden Treffer erzielt und in der zweiten Liga bleibt – danach eskaliert die Situation auf dem Feld.

Dafür, dass er „keine Worte“ für diesen Alptraum parat hatte und zu diesem Horrortrip partout „nichts mehr sagen“ wollte, weil er „nur Leere fühlte“, erzählte Tomas Oral noch ganz schön viel. Aber es fiel dem Trainer des FC Ingolstadt schwer, verdammt schwer, einmal, da lag das Erlebte schon fast eine Stunde zurück, blinzelte er immer schneller, Tränen schossen in seine Augen, die Stimme stockte. „So bestraft zu werden, ist brutal. Ich weiß nicht, wie man wieder Kraft und Energie bekommen soll und wie so etwas überhaupt zu verkraften ist“, sagte der 47-Jährige nach dem Relegationskrimi gegen den 1.FC Nürnberg. „Es ist einfach pervers.“

Das war es für ihn und seinen Verein, nichts war es mit dem Aufstieg in die zweite Liga, der große Traum zerplatzt wie eine Seifenplatze – peng, und da war sie, die große Leere, dabei sah es nach einem kleinen Wunder aus. Bis zur letzten Minute der Nachspielzeit.

Es war ein Drama in vielen Akten, das da in Ingolstadt ablief, eine dieser Geschichten, die wahrscheinlich nicht nur der Fußball schreibt, aber die ihm so gerne zugerechnet werden, weil so viele Emotionen und noch mehr Adrenalin ausgeschüttet wird, weil Freud und Leid, Triumph und Tragödie nur einen Wimpernschlag auseinander liegen. Dort die Nürnberger, die in der 96. Minute doch noch irgendwie den erlösenden Treffer zum 1:3 machten, was ihnen nach dem 2:0-Sieg im Hinspiel noch mindestens ein weiteres Jahr im Fußball-Unterhaus beschert; dort drüben die Ingolstädter, denen ein paar Sekunden fehlten, um die riesige Sensation wahr werden zu lassen, die das ganze Glück in den Händen hielten und dann mit einem Vorschlaghammer zu Boden gestreckt wurden; Fabian Schleusener mit langem Bein – Ende Gelände, Aus, Feierabend.

Die Ernüchterung schlug schnell um in blanken Zorn, die FCI-Profis sahen rot und gingen auf die Nürnberger los, Betreuer warfen sich dazwischen, verhinderten eine Schlägerei, FCI-Stürmer Stefan Kutschke drohte Club-Trainer Michael Wiesinger Schläge in der Kabine an: „Komm hier rein und sei ein Mann.“ Der Ingolstädter Marcel Gaus, wie Schleusener und Tomas Oral einst beim FSV Frankfurt aktiv, ätzte: „Es gibt schlechte Verlierer und noch viel schlechtere Gewinner.“

Oral, ein Vulkan mit ständiger Eruptionsgefahr, schob die Schuld auf Schiedsrichter Christian Dingert, der zu lange habe nachspielen lassen und ein Foulspiel übersehen habe. „Die Schiedsrichter sind nicht mehr Herr ihrer eigenen Sinne, sie sind Marionetten der Video-Referees“, klagte er bei Sport 1. Immerhin: Der in Frankfurt lebende Oral, der mit den Schanzern schon vor einem Jahr in der Relegation an Wehen Wiesbaden gescheitert war, will weitermachen.

Und die Nürnberger? „Wir können uns beim Fußballgott bedanken, dass er uns noch einmal die Hand gereicht hat“, sagte Interimstrainer Wiesinger, der in die zweite Reihe zurückkehren und seinen Posten als Leiter des NLZ wieder antreten möchte. „Wir haben im Sarg gelegen, aber wir sind heraus gestiegen“.

Einfach so soll es nicht weitergehen. „Es war eine desaströse Saison, die haarscharf an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist“, sagte Aufsichtsratschef Thomas Grethlein. Auch der Hauptsponsor, die Nürnberger Versicherung, fordert eine „kritische Reflexion des Geschehenen“. Die Probleme sind mit der Rettung nicht verschwunden. Sportvorstand Robert Palikuca steht vor der Ablösung, er lag mit den Trainern Damir Canadi und Jens Keller daneben und hat eine Mannschaft zusammengestellt, die keine ist. Club-Idol Marek Mintal könnte neuer Cheftrainer werden – wer auch immer das dann zu entscheiden hat. (dur/sid)

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