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DOSB-Präsident Weikert: „Ich war so oft in China, die wissen ohnehin alles über mich“

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Von: Kerstin Schellhaas

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Kritik an China? „Die Athleten dürfen sich äußern“, sagt DOSB-Präsident Thomas Weikert.
Kritik an China? „Die Athleten dürfen sich äußern“, sagt DOSB-Präsident Thomas Weikert. © Pressefoto Bauman/Hansi Britsch

DOSB-Präsident Thomas Weikert über das mögliche Ausspähen sensibler Daten bei den Winterspielen in Peking, geplante politische Boykotte und das deutsche Medaillenziel.

Herr Weikert, Wintersport war bislang als Welt-Tischtennispräsident nicht Ihre Domäne. Wie viel Wintersport-Erfahrung besitzt der neue DOSB-Präsident?

Bisher bin ich Wintersport-“Experte“, weil ich samstags und sonntags fernsehe, von daher glaube ich, dass mir viele Namen, viele Ergebnisse und auch schon einige technische Dinge als Laie bekannt sind. Umso spannender wird der Blick hinter die Kulissen.

Und privat? Lieber Rodeln oder lieber Skifahren?

Lieber Skifahren, aber lange nicht mehr gemacht.

Auf welche Sportarten freuen Sie sich besonders?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich bin zunächst in Peking beim Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Eishockey eingeplant und gehe dann in die Berge, unter anderem zu Ski alpin und Biathlon – vom Delegationsleiter wird erwartet, dass er alle Sportarten besucht. Ich habe bisher wenig live gesehen, deswegen freue ich mich auf alles, weil das für mich Neuland ist. Aber man hat natürlich seine Favoriten. Mich fasziniert vor allem Geschwindigkeit, die man am Fernsehen so nicht sehen kann – zum Beispiel beim Ski alpin.

Wie groß sind die Corona-Sorgen vor den Spielen?

Es gibt schon Sorgen. Wir hatten auch im DOSB zuletzt zwei positive Fälle, aber die werden rechtzeitig gesund werden. Es ist natürlich sehr schwierig, einigermaßen kontaktarm zu bleiben. Das haben wir allen Athleten und Betreuern – und das gilt auch für mich – empfohlen. Es ist aus unserer Sicht schwieriger, in die Blase in Peking zu kommen, als in der Blase gesund zu bleiben. Ich bin aber immer optimistisch und glaube, dass wir das sehr gut organisiert haben und das Bestmögliche tun. Aber das ist das erste Ziel: Alle Athleten sicher nach Peking zu bringen.

Bei der Handball-EM wurden jüngst nachträglich deutsche Spieler zum Team geholt, weil zuvor etliche Sportler aus der Mannschaft positiv getestet wurden. Ist so etwas auch bei Olympia möglich?

Eine Nachnominierung ist grundsätzlich auch bei den Olympischen Spielen möglich. Der DOSB hat dafür Vorsorge getroffen, das heißt, Athleten und Athletinnen werden gegebenenfalls aus Deutschland nach Peking eingeflogen.

Wie sieht es mit der Sicherheit der PCR-Testung aus? Allen voran die Rodler:innen haben nach ihren vorolympischen Wettbewerben von Verwechslungen der Tests berichtet. Können alle sicher sein, dass ihre Tests eindeutig zugeordnet werden?

Wir haben das Problem gesehen und unmittelbar nach meiner Wahl habe ich mit dem chinesischen Sportminister telefoniert, der gleichzeitig auch der dortige NOK-Präsident ist. Wir haben das Thema angesprochen und gesagt, „Ihr müsst dafür sorgen, dass das nicht mehr passiert, zum einen die Verwechslung der Tests und zum anderen, dass es in der Quarantäne ordentliche Bedingungen gibt“. Wir sind auch da im Gespräch mit dem IOC und Thomas Bach, und die Zuständigen haben uns versichert, dass die Testung sicher ist. Darüber hinaus gibt es ein internationales Gremium, das die Tests überwacht, so dass ich jetzt davon überzeugt bin, dass die Sicherheit gegeben ist.

Es sollen teils unerträgliche Zustände in den Quarantäne-Hotels herrschen. Sie selbst haben im Sommer in Japan die Zustände kritisiert. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Zunächst mal war nicht akzeptabel, was die Rodler geschildert haben. Auch das war Thema des Video-Calls mit dem chinesischen Sportminister und in mehrfachen Gesprächen mit dem IOC. Wir haben keine Gewissheit, aber die Überzeugung, dass diese Missstände abgestellt worden sind. Ich denke, das können sich die chinesischen Kollegen und Partner auch nicht erlauben, dass so etwas noch mal vorkommt.

Thema China und Sicherheit: Einige Nationale Olympische Komitees warnen ihre Sportler davor, dass chinesische Geheimdienste sensible Daten von Handys, Tablets und Laptops auslesen könnten und stellen neue Mobiltelefone zur Verfügung. Auch das deutsche Team – wie auch Sie – müssen die App installieren. Wie will der DOSB da die teils sensiblen Daten schützen?

Wir bekommen alle Mobiltelefone, auf denen die Apps aufgespielt werden. Wir haben uns vom Bundesamt für Sicherheit der Informationstechnik zum sicheren Umgang beraten lassen. Ein Problem war die Frage, ob privat Mobiltelefone mitgenommen werden sollten. Das kann jeder deutsche Olympia-Teilnehmer halten, wie er möchte. Ich nehme meines mit. Ich war so oft in China, die wissen ohnehin alles über mich.

Mal abgesehen davon, dass man in Zeiten der Pandemie für die Erfassung der medizinischen Daten noch Verständnis hat, aber das Ausspionieren anderer – persönlicher oder technischer – Daten? Finden Sie es nicht auch traurig, dass man sich bei Olympischen Spielen mit solch einem Thema beschäftigen muss?

Natürlich sollten sich die Sportler und Sportlerinnen und die Betreuer ausschließlich auf die Spiele konzentrieren und auf ihre Leistung. Und es ist nicht zuträglich, wenn sie sich mit diesen Themen beschäftigen müssen. Andererseits gab es auch in anderen Olympiastädten des öfteren Probleme, nicht in dieser Hinsicht, aber in anderen Dingen. So etwas kann man nicht ausschließen.

Wie sieht es beim Thema Doping aus? Die Pandemie macht viele eigentlich selbstverständliche Dinge nach wie vor schwierig – auch die Arbeit der Wada. Befürchten Sie, dass gedopte Sportler:innen in Peking antreten?

Das ist für mich schwer zu beurteilen. Ich denke, das ist mehr ein Thema für die Nada. Nach meinem Kenntnisstand ist zumindest gut getestet worden. Und in Peking selbst wird das Ganze durch ein internationales Gremium überwacht.

Und wie sieht es mit der Sicherheit der Dopingproben aus? Glauben Sie, dass alle Verfahrensstandards eingehalten werden können? Auch in Erinnerung an Sotschi, wo gezielt Dopingproben von den russischen Ausrichtern ausgetauscht wurden.

Die Verfahrensstandards in Peking werden eingehalten werden, dafür sorgen schon das IOC und die internationalen unabhängigen Experten, so dass ich da keine Befürchtungen habe. Sotschi war ein Tiefpunkt und ein Desaster. Ich glaube, jeder weiß, dass so etwas nicht noch mal passieren darf.

Olympia in China ist umstritten. Bei den Sportlern, die Winterspiele lieber dort hätten, wo der Wintersport zu Hause ist, allen voran wegen der Menschenrechtslage. Politische Boykotte wurden angekündigt. Sie halten von einem Boykott nichts.

Ich habe mich vor die Mannschaft gestellt, weil ich denke, dass ein sportlicher Boykott nichts bringt. Das ist das Highlight für die Athleten, die drei, vier Jahre auf die Olympischen Spiele hintrainiert haben, deshalb haben sie es verdient, dort teilzunehmen. Das andere Thema ist der politische Boykott. Das kann aus Sicht des DOSB auch nur Sache der Politik sein. Wir als Sport können nicht die Probleme lösen, die die Politik und teilweise die Wirtschaft über Jahre hinweg nicht gelöst haben. Auch in der Politik gibt es solche und solche Stimmen. Frank Ullrich als Sportausschuss-Vorsitzender hat gesagt, es ist gerade als Sport wichtig, dahinzugehen und seine Meinung zu sagen. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Der DOSB wird sich da raushalten. Wir bereiten die Athleten vor.

Was heißt: Der DOSB bereitet die Athleten vor?

Das heißt, dass es sogenannte Team-D-Calls gab mit Experten von Human Rights Watch und dem Auswärtigen Amt, die die Lage in China – Uiguren und Hongkong, um nur zwei Beispiele zu nennen – erklärt haben. Darüber hinaus fragen auch die Athleten, ob sie sich äußern sollen oder äußern dürfen. Und da ist die Sicht des DOSB klar: Die Athleten dürfen sich äußern, sie müssen aber die Olympische Charta einhalten. Das heißt, auf dem Siegerpodium dürfen sie keine politischen Statements abgeben, in Interviews hingegen schon. Ob sie das dann auch wollen oder nicht, bleibt ihnen überlassen.

Was können Sie tun, damit das IOC künftig auf solche Dinge wie Menschenrechtslage und Nachhaltigkeit achtet?

Ich glaube, als einzelnes NOC ist es durchaus schwierig, da eine Mehrheitsmeinung herbeizuführen. Allerdings glaube ich, dass das IOC erkannt hat, dass der Kurs geändert werden muss. Das sieht man auch daran, dass die nächsten Olympischen Winterspiele nach Cortina d’Ampezzo vergeben worden sind und die nächsten Sommerspiele auch immer in demokratischen Staaten – Paris, Los Angeles, Brisbane – sein werden. Von daher glaube ich, dass ein Wandel eingesetzt hat.

Leistungssportvorstand Dirk Schimmelpfennig hat gesagt, dass es keine Medaillenvorgabe geben wird. Wie sollte die Bilanz für Team Deutschland aussehen, damit Sie von guten Olympischen Spielen sprechen?

Jetzt könnte ich mich darauf zurückziehen, dass das der Chef de Mission als Sportvorstand beurteilen soll ... Ohne Medaillen zu zählen, sollten wir schon als Ziel ausgeben, unter den ersten fünf, vielleicht sogar unter den ersten drei in der Nationenwertung zu landen. Der Winter hat sich nicht so schlecht angelassen, aber ich kann nicht beurteilen, ob wir das Ziel am Ende erreichen werden, denn am Ende entscheidet immer auch die Tagesform und Corona ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Vor allem waren es dann gute Olympische Spiele, wenn wir alle Athleten gesund hinbringen und gesund zurückbringen – inklusive mir selbst. Ich habe nämlich wie alle anderen Teammitglieder auch nicht viel Lust, in China in Quarantäne zu sein.

Interview: Kerstin Schellhaas

und Marion Morello

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