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Moskau 2018: Infantino (l.) neben Putin und Macron.

Sport und Politik

Doppelpass mit den Mächtigen

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  • Frank Hellmann
    Frank Hellmann
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Fifa-Präsident Gianni Infantino sucht eine fast schon beängstigende Nähe zur großen Politik. Der DFB kann sich kaum Gehör verschaffen.

  • Davos: Fifa-Boss Infantino stellt Trump vor
  • Abenteuerliche WM-Pläne für Katar und die USA
  • Infantino träumt von weltumspannenden Ligen

Die prominenten Tischgäste eines exklusiven Dinners von Donald Trump am Rande des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos staunten nicht schlecht. Nur wichtige Wirtschaftsführer wie Tim Cook von Apple, Rajeev Suri von Nokia oder Kenichiro Yoshida von Sony waren geladen, als sich die Topmanager wunderten, wer den US-Präsidenten vorstellen durfte: Gianni Infantino, Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. Er habe Trump einen Fußball mitgebracht, flötete der Schweizer, um „alle daran zu erinnern, was die wirkliche Priorität im Leben hat“. Um nach einigen skurrilen Lobeshymnen noch festzuhalten: „Sie werden sich wundern, warum ausgerechnet ein Fifa-Präsident den Präsidenten der Vereinigten Staaten vorstellen darf. Aber mir hat jemand aus Ihrem Stab erzählt, dass ich der zweitwichtigste Mann in Davo s bin.“

Der Mann aus dem Wallis glaubt das inzwischen wirklich. Der einst in seiner Funktion als Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (Uefa) grandios unterschätzte Impresario spielt längst Doppelpass mit den mächtigsten Staatslenkern der Welt und beweist dabei eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit. Er hat die WM 2018 in Russland als die „beste aller Zeiten“ gepriesen, und nachdem das Turnier 2022 nach Katar verschoben worden war, die Mammutauflage 2026 ins Trump-Land vergeben.

Fifa-Präsident Gianni Infantino: Abenteuerliche WM-Pläne

Weil dann erstmals mit sagenhaften 48 Mannschaften gespielt wird, ist sogar die USA noch zu klein, weshalb gleich auch noch Kanada und Mexiko als Ausrichter mit im Boot sitzen. Für Trump ist Infantino „ein großer Freund“ und das Fußballturnier „ein großes Abenteuer“.

Abenteuerlich wird auch die nächste WM im Wüstenstaat sein, für die die Funktionäre stimmten, ohne zu bedenken, dass deshalb nicht nur Tausende Gastarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen klimatisierte Stadien und Hotels bauen müssen, sondern es im Sommer viel zu heiß ist. Deshalb wird die WM zum großen Verdruss der nationalen Ligen nun im Winter veranstaltet und der Spielkalender auf den Kopf gestellt. Endspiel am 18. Dezember 2022. Sechs Tage vor Weihnachten. Eine schöne Bescherung.

Immerhin hat der Fifa-Boss in Katar nicht das zu befürchten, was ihm am 15. Juli 2018 widerfuhr. Nachdem die Franzosen im Finale die Kroaten niedergerungen und sich endlich die wichtigsten Leute zur Siegerehrung aufgestellt hatten, ging ein gewaltiger Regenschauer über dem Moskauer Luschniki-Stadion nieder. Kurioserweise gab es anfangs nur einen einzigen Regenschirm, der von braven Helfern wie selbstverständlich über Wladimir Putin gehalten wurde.

Ein Bild, das Bände sprach: Schirmherr Putin als globaler Strippenzieher für den Weltsport hat nichts zu befürchten. Nicht mal das staatlich gelenkte Dopingsystem beschert den Russen das, was unweigerlich die Folge hätte sein müsste: Die Verbannung von den Olympischen Spielen wäre das Mindeste gewesen. Stattdessen spannt auch Putin sportliche Großereignisse für seine Zwecke ein, weil sich damit das Image aufpolieren lässt.

Fifa-Präsident Gianni Infantino: Steigbügelhalter für gewisse Staatslenker

Figuren wie Infantino spielen gerne den Steigbügelhalter für solche Staatslenker. Der 49-Jährige hat schnell erkannt, dass die Politik hilft, seine kruden Geschäftsinteressen durchzuboxen, die irgendwann weltumspannende Ligen für Nationalmannschaften und Vereine unter Hoheit eines von ihm gelenkten Imperiums vorsehen. Das Streben seiner Institution - wie auch der Uefa - nach immer mehr Macht und Moneten ist offensichtlich.

Allen voran die deutsche Bundesliga mit ihrem weltweit bestens vernetzten Geschäftsführer Christian Seifert hat längst dagegen aufbegehrt. In dieser vertrackten Gemengelage tut sich der durch den nicht vollständig aufgeklärten Skandal um die Vergabe der WM 2006 belastete Deutsche Fußball-Bund (DFB) schwer, international ist er derzeit ein Leichtgewicht.

Der größte Einzelsportverband der Welt mit sieben Millionen Mitgliedern ist nach dem Rücktritt von Ex-Präsident Reinhard Grindel in den internationalen Top-Gremien von Fifa und Uefa nicht mehr durch einen Abgeordneten vertreten.

Vize-Präsident Rainer Koch, der zuletzt auffällig die Nähe zu Infantino suchte, rückt zwar dieses Jahr in die Uefa-Exekutive, der Weg in die Fifa-Regierung bleibt dem ehrgeizigen und umtriebigen Bayer aber versperrt. Das wiederum scheint ganz im Sinne des Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin zu sein, den mit Fifa-Boss Infantino ein ausgewiesenes Nicht-Verhältnis verbindet und der Kochs Männerfreundschaft zu Infantino deshalb mit Argwohn verfolgt.

Der erst seit vier Monaten im Amt befindliche neue DFB-Präsident Fritz Keller hat derweil genug zu tun, im eigenen Haus aufzuräumen, wo gerade „alles ein bisschen auf den Kopf gestellt wird“ und sich darum zu kümmern, mit der Politik im Inland ins Gespräch zu kommen.

Die großen Linien der Weltpolitik sind gerade nicht seine Top-Themen. Den 62-jährigen Sterne-Winzer aus Freiburg hat sich stattdessen vorgenommen, als Anwalt der Amateure aufzutreten.

Fifa-Präsident Gianni Infantino: Lobbyarbeit lohnt sich

Aktuell ärgert er sich wie schon Vorgänger Grindel, das geltende Lärmschutzgesetz sei „katastrophal für den Fußball“ und fordert: „Wenn mancherorts nach 21 Uhr kein Tor wegen Ruhestörung mehr geschossen werden darf, muss die Politik tätig werden.“ Außerdem hat der erste offiziell hauptamtliche DFB-Präsident der 120-jährigen Verbandshistorie sich als oberster Fußball-Lobbyist im Land auf die Fahne geschrieben, langjährigen ehrenamtlichen Funktionären Rentenpunkte als Anerkennung für ihre Lebensleistung zu besorgen und deren Haftung im guten alten deutschen Vereinswesen zu beschränken.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) als Dienstleister der Bundesliga befindet sich derweil in dringlichen Gesprächen mit dem Bundeskartellamt. Es geht darum, die milliardenschweren nationalen Medienrechte für 2021 bis 2025 auszuschreiben. Und zwar so, dass durch keinen Pay-TV-Kanal oder Stream-Anbieter ein Monopol zum Nachteil der Kunden entsteht und so die Abopreise explodieren könnten. Das Verhältnis mit den Wettbewerbshütern war mal derart mies, dass DFL-Vertreter in der in Bonn beheimateten Behörde nur lauwarmen Kaffee aus nachlässig ausgewaschenen Bechern angeboten bekamen. Mittlerweile hat sich durch jahrelange Lobbyarbeit die Situation entspannt. Der Kaffee wird frisch aufgebrüht.

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