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Die Zeitenwende

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Von: Jörg Allmeroth

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Plattgemacht vom Glück: Carlos Alcaraz.
Plattgemacht vom Glück: Carlos Alcaraz. © dpa

Carlos Alcaraz beerbt durch seinen Grand-Slam-Triumph in Newy York mit gerade einmal 19 Jahren als jüngste Nummer 1 die großen Drei / Von Jörg Allmeroth

Carlos Alcaraz (19) hatte gerade die angenehmen Pflichten als neuer Tenniskönig von New York erfüllt, da kam der zupackende Teenager unmissverständlich zur Sache. „Ich will lange an der Spitze bleiben“, sagte Alcaraz, der soeben noch im Konfettiregen als US-Open-Pokalgewinner glückselig fürs Fotografenheer posiert hatte, „viele Wochen, viele Jahre.“ Alcaraz hielt ein paar Sekunden inne, um dann nachzulegen: „Von diesen Momenten hier, von solchen Siegen kannst du gar nicht genug kriegen.“

Es kann gut sein, dass man von diesem 11. September 2022 als einem Datum sprechen wird, das den Lauf der Tennisgeschichte neu justierte – und eine Zeitenwende markierte. Denn Alcaraz, der plötzlich jüngste Weltranglisten-Erste der Historie, der 6:4, 2:6, 7:6 (7:1), 6:3-Gewinner der Offenen Amerikanischen Meisterschaften gegen den Norweger Casper Ruud, ist ein Mann, der gekommen ist, um zu bleiben. Kurzer Aufstieg, Riesenhype, danach tiefer Fall und Bedeutungslosigkeit: Geschichten wie diese hat das moderne Tennis oft gesehen, aber so eine Geschichte wird es mit dem außerordentlichen Spanier nicht geben. „Er wird das Tennis der Zukunft prägen und bestimmen“, sagte Ex-Genius John McEnroe, der im Ashe-Stadion die Siegertrophäe an Alcaraz überreichte.

Seit Jahren spekulierte die Branche, das Heer der Experten, Medienbeobachter und ehemaligen Profis, wer einmal den Staffelstab der Großen Drei übernehmen würde. Viele Namen fielen, viele wurden hochgehandelt und wieder aus der Wertung genommen, zuletzt dachte man, einer aus der Gruppe der Mittzwanziger um Daniil Medwedew, Alexander Zverev oder Stefanos Tsitsipas könne eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Doch nun kam, sah und siegte Alcaraz, eigentlich noch ein Newcomer im Erwachsenentennis. Einer, der vor Jahresfrist noch jenseits der Top 100 der Weltrangliste platziert war. Der jetzt aber – auch dank der Gunst besonderer Zeiten in der Tenniswelt und der Welt überhaupt – jäh der Capitano der Branche ist. „Ich habe immer von diesen Siegen geträumt. Dass es so schnell ging, ist einfach unfassbar“, sagte Alcaraz, der beim Sprung nach ganz oben am ehesten davon profitierte, dass Novak Djokovic bei nur zwei Grand Slams antreten durfte und für seinen Sieg in Wimbledon keinen einzigen Zähler einstreichen konnte.

Aber dennoch ist Alcaraz die beeindruckendste Erscheinung seit den jungen Jahren der fabelhaften Drei, von Roger Federer, Rafael Nadal und Djokovic. Im vergangenen Herbst hatte Boris Becker das Phänomen Alcaraz ganz kurz und prägnant auf den Punkt gebracht: „Wenn man Carlos spielen sieht, denkt man automatisch an den großen Rafa.“ Tatsächlich gleichen sich diese beiden Spanier aus verschiedenen Generationen verblüffend: Der verzehrende, nie zerstörerische Ehrgeiz, die beeindruckende Athletik, der unermüdliche, nie versiegende Kampfgeist. Und, auch und vor allem, eine Mentalität, kein Match in keinem Moment verloren zu geben, um jeden einzelnen Punkt zu kämpfen, als wäre es der letzte überhaupt. „Dass er ein 19-jähriger Bursche ist, noch gar nicht lange im Circuit unterwegs, kann man kaum glauben“, sagte der geschlagene Finalist Ruud.

Als Marathon-Mann, der sich über alle Höhen und Tiefen von endlosen Duellen auf der Grand-Slam-Bühne durchsetzt, brillierte Alcaraz regelrecht beim New Yorker Spektakel. Dass ihm der Sprung auf den US-Open-Thron schwer fiel, wäre eine groteske Untertreibung. Es war, in Wahrheit, eine schweißtreibende Maloche wie niemals zuvor, sage und schreibe 23 Stunden und 40 Minuten verbrachte Alcaraz auf den Courts im Billie Jean King Tennis Center – ein neuer Rekord an Ausdauerkraft. Und Nervenstärke: Denn bei seinen Fünf-Satz-Schlachten im Achtelfinale, Viertelfinale und Halbfinale stand Alcaraz manchmal mit anderthalb Beinen am Abgrund – gegen Marin Cilic in der Runde der letzten 16 lag er mit Break im fünften Satz zurück. Gegen Jannik Sinner, den Südtiroler, wehrte er danach einen Matchball ab, ging um 2.50 Uhr morgens über die Ziellinie. Und gegen Lokalmatador Tiafoe musste er seinerseits die Enttäuschung verkraften, Siegpunkte im vierten Satz ausgelassen zu haben. Am Ende blieb der Eindruck: Es kann passieren, was will. Alcaraz siegt, dieser junge Mann mit feurigen Schlägen, strategischem Weitblick, Nerven wie Drahtseilen, unerschütterlichem Glauben. Einer mit neun Leben. Oder sogar mehr.

Charmante Drohungen

Pete Sampras war der letzte Teenager, der 1990 die US Open gewann, noch etwas jünger als Alcaraz nun. Und Nadal war 2005 der bislang letzte Profi, der als Teenager einen Grand-Slam-Pokal holte, unterm Pariser Eiffelturm. Beide dominierten danach ihren Sport, allein wie Sampras. Oder im Verbund mit anderen Großmeistern, wie Nadal. Alcaraz ist nun reif genug, selbst eine große Geschichte auf die Centre Courts zu schreiben, sein New Yorker Coup kommt ja nicht aus heiterem Himmel. Seine Reife für den ganz großen Schlag, den Grand-Slam-Triumphmoment, hatte er 2022 an anderer Stelle längst nachgewiesen. Vielleicht am eindrucksvollsten im Frühling, als er sinnfällig beim Masters in Madrid nacheinander Nadal, Djokovic und Zverev schlug, drei Top-5-Spieler. Und anschließend ohne Umschweife verkündete: „Ich will in diesem Jahr mindestens einen Grand Slam gewinnen.“

Das Jahr 2022 erscheint tatsächlich wie eine Zeitreise zurück zu den Anfängen von Nadal im Wanderzirkus. Wie der bullige Mallorquiner damals, Mitte der Nullerjahre, stellt Alcaraz die Welt im Tourbetrieb auf den Kopf, wirbelt die Hierarchie durcheinander, verbreitet die Atmosphäre einer friedlichen Revolution auf den Spielplätzen. Und könnte zum Totengräber von Tennisträumen anderer werden, als Spielverderber, der erstklassigen Kollegen reihenweise glückliche Tage und große Siege verwehrt. „Ich werde niemals satt sein im Tennis“, sagte Alcaraz Sonntagnacht, eine Drohung, charmant verpackt.

Und, auch dies geschah noch in New York. Im Juniorenwettbewerb siegte ein gewisser Martin Landaluce. Ganze 16 Jahre jung, aus Spanien. Kleine, große Tenniswelt.

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