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Zeina Nassar ist die einzige deutsche Boxerin, die mit Kopftuch in den Ring steigt.

„Dream Big“

Die Vorkämpferin

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Die Berliner Boxerin Zeina Nassar erzählt in einem autobiographischen Buch „Dream Big“ von ihrem Kampf, mit Kopftuch in den Ring steigen zu dürfen.

Zeina Nassar hat einen Traum. Sie will zu den Olympischen Spielen. Ob 2024 oder 2028 – das ist der Boxerin im Fliegengewicht egal. „Dream Big“ ist ihr Motto und genau so heißt die Autobiografie der 22-jährigen Berlinerin. Groß waren auch die Hürden, die sie in den vergangenen Jahren aus dem Weg räumen musste, um im Wettkampf antreten zu dürfen. Denn die Tochter libanesischer Einwanderer trägt Kopftuch. „Ich muss mich immer doppelt beweisen. Ich kämpfe nicht nur im Ring, ich kämpfe um mein Recht“, schreibt Nassar, die mit 13 Jahren zum Boxen kam und zur Pionierin für muslimische Boxerinnen geworden. Erst in Deutschland, mittlerweile auf der ganzen Welt. Heute macht sie Werbung für den Sporthijab eines US-Sportartikelherstellers.

Mit 14 Jahren stand der erste Wettkampf an, aber sie durfte zunächst nicht in den Ring steigen. Wie ein entlaufener Leopard habe sie sich gefühlt, wenn die Leute sie angestarrt haben und vor die Wahl stellten: Boxen oder Kopftuch. Dabei erklärte sie immer: „Die einzigen Nachteile, die entstehen, entstehen mir. Mir wird schneller heiß, ich schwitze und werde schneller müde, aber das ist meine Sache.“

Ihre Trainerin Linos Bitterling von ihrem Verein „Boxgirls“ in Berlin-Kreuzberg setzte sich dafür ein, dass die nationalen Regeln geändert werden – mit Erfolg. Zwar verlor Nassar ihren ersten Boxkampf und wollte zunächst aufgeben. Aber: „Je öfter ich an Wettbewerben teilnehme und je öfter Menschen mir Steine in den Weg legen wollen, umso mehr verstehe ich, dass es nicht so wichtig ist, ob ich verliere oder gewinne“, erkannte sie später. Sie habe gelernt, mit ihrer Wut und Ungeduld umzugehen und für andere einzustehen. Denn innerhalb kürzester Zeit ist Zeina Nassar zu einer Vorkämpferin geworden. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Jugendliche. „Es sind Mädchen und Jungen, die auch boxen wollen, aber nicht wissen, wie sie ihre Eltern überzeugen können. Eltern, die mich um Rat bitten, weil ihr Kind boxen möchte“, berichtet sie über Nachrichten, die sie über die sozialen Netzwerke bekommt.

Mit 16 Jahren wird sie zum ersten Mal Berliner Meisterin und mit 20 Deutsche Meisterin im Federgewicht. Nur international durfte sie lange nicht an den Start gehen, bis ihr Manager, der ehemalige Fußballprofi Christian Timm, mit dem Deutschen Boxverband kürzlich beim Weltverband eine Änderung der Kleiderordnung durchsetzten.

Zeina Nassars Biografie besticht vor allem durch die Authentizität. Sie erzählt offen über die Flucht ihrer Mutter aus dem Libanon, ihrer Kindheit aus dem Berliner Kiez und reflektiert sich sehr gut selbst. An einem Punkt „habe ich die Kontrolle verloren“,schreibt sie, und war, als sie zu viel wollte: Schule, Medientermine, Training, Werbedrehs, Hassmails und unangenehme Anfragen in den sozialen Netzwerken. Auch diese Hürden überwand die „Zermürberin“, wie sie ihren Kampfstil beschreibt.

Nassar studiert derzeit Erziehungswissenschaften und Soziologie in Potsdam, sie ist Stipendiatin der Studienstiftung der deutschen Volkes und tritt im Maxim-Gorki-Theater als Laiendarstellerin im Stück „Stören“ auf. Und Boxen tut sie nebenbei auch noch. Für ihren großen Traum.

Zum Buch Zeina Nassar: Dream Big - Wie ich mich als Boxerin gegen alle Regeln durchsetzte. Hanserblau, 207 Seiten, 15 Euro

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