Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Darf doch in Tokio starten: Zakia Khudadadi (Mitte).
+
Darf doch in Tokio starten: Zakia Khudadadi (Mitte).

Sport und Politik bei den Paralympics

Die Tränen von Kabul

  • VonFelix Lill
    schließen

Nach einigem Hin und Her darf die Afghanin Zakia Khudadadi doch in Tokio starten - es bleiben aber Fragezeichen.

Ich bin in diesem Haus eingeschlossen“, sagte Zakia Khudadadi vor zwei Wochen in einem Video, mit dem sie sich an die Welt wandte. „Ich kann es nicht verlassen, nicht mal für Einkäufe. Und meine enge Familie ist in der Stadt Herat, die jetzt komplett von den Taliban kontrolliert wird.“ Khudadadi halte sich bei entfernteren Verwandten in der Hauptstadt Kabul auf, dort fehle es an Essen. „Als eine Vertreterin afghanischer Frauen bitte ich Sie um Hilfe. Ich will bei den Paralympischen Spielen in Tokio teilnehmen. Bitte reichen Sie mir die Hand und helfen Sie mir.“

Die Botschaft hat Wirkung gezeigt. Rund eine Woche vor der Eröffnungsfeier der Paralympics am vergangenen Dienstag, und auch kurz vor Khudadadis Videoaufnahme, hatte das Afghanische Paralympische Komitee (APC) die Teilnahme am internationalen Sportevent abgesagt. Denn aus dem mittlerweile von den ultrakonservativen Taliban dominierten Land führe inmitten des Chaos kein sicherer Weg mehr nach Tokio. Nicht nur für die zwei qualifizierten Athleten – neben der Taekwondo-Kämpferin Khudadadi noch der Leichtathlet Hossein Rasouli – war das eine unglückliche Wende.

Für die Organisatoren ging es um mehr als Einzelschicksale. Zakia Khudadadi sollte die erste afghanische Frau sein, die bei der größten Behindertensportveranstaltung der Welt teilnehmen würde, womit sie gerade für westlich orientierte Organisationen und Beobachter besondere Bedeutung hatte. Schließlich ist die 22-jährige ein Kind eines Afghanistans ohne die Taliban an der Macht, die 2001 mit dem Einmarsch westlicher Militärmächte verdrängt worden waren. Unter den nun erneut das Land kontrollierenden Taliban durften Frauen keinen Sport treiben. Zakia Khudadadi ist ein Gesicht des Fortschritts.

„Es ist wirklich herzzerreißend“, sagte Craig Spence, Sprecher des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), kurz vorm Start der Spiele in einem Videogespräch. „Wir können leider nichts tun, um sie aus dem Land zu holen.“ Der IPC-Vertreter Spence hat wohl geblufft. Schließlich trafen die zwei Athleten eineinhalb Wochen später doch in Tokio ein. Zuvor aber ließ auch der afghanische Chef de Mission, Arian Sadiqi, mehrmals vereinbarte Treffen platzen, schrieb dann: „Bitte warte auf eine Presseerklärung.“

Am vergangenen Sonntag, wenige Stunden nach der Ankunft der Sportler in Tokio, berichtete IPC-Sprecher Spence von diesem Coup folgendermaßen: „Bei der Eröffnungsfeier haben wir auch die afghanische Flagge ins Stadion getragen. Das war der erste Schritt des IPC, um die Tür für eine Teilnahme noch offen zu lassen.“ Kurz darauf erzählte Spence dann mit sichtbarem Stolz, wie es dem IPC, ausländischen Botschaften und NGOs gemeinsam gelungen war, die zwei Athleten von Kabul nach Paris zu bringen, sie dort den nötigen Covid-19-Tests zu unterziehen und sie dann mit einer Air France-Maschine nach Tokio zu bringen.

In Tokio habe es dann ein „wirklich, wirklich bemerkenswertes Treffen“ gegeben. Den Tränen nahe sagte Spence: „Es flossen viele Tränen. Ich werde das nie vergessen. Es zeigt einfach, wie Sport die Menschheit zusammenbringen kann.“ Aber auf Nachfragen, was denn besprochen worden sei und warum die zwei afghanischen Athleten, von denen sich eine immerhin auf eigene Initiative mit einem eigenen Video an die Öffentlichkeit gewandt hatte, nicht anwesend seien, sagte Spence: „Wir werden uns nicht von Ihrem Durst nach News treiben lassen.“

Auf der eigens vom IPC einberufenen Pressekonferenz behauptete Spence auch: „Es geht hier nicht um Medienberichterstattung.“ Wobei es gerade im Kontext der Tokioter Spiele eher danach aussieht, als gehe es schon um Berichterstattung, allerdings um solche, die ausschließlich im Sinne des IPC läuft. Bei den derzeit laufenden Spielen fällt immer wieder auf, wie die Organisatoren die oft spektakulären persönlichen Hintergründe der Athletinnen und Athleten in den Vordergrund rücken, zugleich aber jegliche Kontroversen vermeiden wollen.

Vor der Presse abgeschirmt

Bei der Vorstellung des Flüchtlingsteams beschrieb deren Presseattaché Teddy Katz die sechs Sportler zum Beispiel so: „Gewaltige Athleten, gewaltige Geschichten. Ein Team wie kein anderes.“ Katz las dann Fanpost von Menschen aus dem Gastgeberland Japan an die Sportler vor. Als die Athleten aber darauf angesprochen wurden, was sie von der im internationalen Kontext sehr flüchtlingsfeindlichen Asylpolitik Japans halten, drängelten sich die Offiziellen schnell mit dem nichtssagenden Satz vor: „Wir ermutigen alle Länder, Flüchtlinge aufzunehmen.“

Und als die afghanische Athletin Zakia Khudadadi am Donnerstag ihren Wettkampf hinter sich hatte, wurde sie von der Presse abgeschirmt aus der Spielstätte eskortiert. Angeblich auf eigenen Wunsch. Wobei Khudadadis Videobotschaft kurz nach der Absage ihres nationalen Komitees nicht darauf hindeutete, dass sie ungern für sich selbst spricht oder nichts zu sagen hätte. Möglich aber, dass Khudadadis Äußerungen höchst politisch wären.

Die seit Jahren wachsenden Paralympischen Spiele, die immer mehr Sponsoren haben, in immer mehr Länder übertragen werden und an denen sich immer mehr nationale Komitees beteiligen, scheinen von den noch viel weiter vermarkteten Olympischen Spielen gelernt zu haben. Craig Spence sagte diese Tage: „Ich glaube nicht, dass Sport und Politik eine gute Mischung ergeben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare