Hier soll es im kommenden Jahr um Medaillen gehen: das neue Nationalstadion in Tokio.
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Hier soll es im kommenden Jahr um Medaillen gehen: das neue Nationalstadion in Tokio.

Olympische Spiele in Tokio

Die Skepsis wächst

  • vonFelix Lill
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Seit der coronabedingten Verschiebung im vergangenen März ist ungewiss, ob die Olympischen Spiele jemals stattfinden werden – in Japan macht sich Pessimismus breit.

Die Lage sah schon mal besser aus in Japan. Das Land ist auf dem Weg zurück in einen Teil-Lockdown. Auf der Nordinsel Hokkaido beschloss die Regierung bereits vergangene Woche, dass Bars und Restaurants größerer Städte vorübergehend schließen sollen. Auch wenn Japan mit bisher gut 100 000 Infektionsfällen relativ wenige Corona-Fälle registriert hat, fürchten sich viele Menschen vor der nächsten Ansteckungswelle. Mit rund 1600 Neuinfektionen verbuchte das ostasiatische Land am Donnerstag einen neuen Rekordwert –mit Folgen auch für den Sport: So dürfen Sportveranstaltungen zunächst bis Februar nur mit einer Stadionauslastung von bis zu 50 Prozent durchgeführt werden.

Was danach kommt, nun, das steht weiterhin in den Sternen. Nach derzeitigem Plan sollen Ende Juli 2021 die Olympischen Spiele von Tokio starten. Kurz nachdem das größte Sportevent der Welt Ende März dieses Jahres 12 Monate verschoben worden war, hatte IOC-Vertreter John Coates gesagt, man wisse im Oktober vermutlich mehr. Jener Monat sei eine wichtige Marke, um zu entscheiden, ob „Tokio 2020“ letztlich stattfinden werde oder eben nicht. In den folgenden Monaten beteuerten die Organisatoren zwar wiederholt, dass die Tokio-Spiele nicht ausfallen werden. „Wir sind so weit, es auf jeden Fall im nächsten Jahr zu machen“, sagte Yoshiro Mori, der Präsident des Organisationskomitees, zuletzt im September.

Allerdings hörte waren unlängst im Oktober, als eigentlich ja die guten Nachrichten verkündet werden sollten, kaum noch solcher Parolen zu vernehmen. In einem Baseballstadion in Yokohama wurden in einem Experiment Fanbewegungen simuliert, anhand derer Infektionsrisiken bestimmt werden sollen. Anfang November wurde dann ein internationales Turnturnier veranstaltet, als Olympiatest. Nach Begeisterung klingt derzeit dennoch wenig.

Hitoshi Oshitani, Virologieprofessor der Tohoku Universität in Sendai und seit Ausbruch der Pandemie Teil des Krisenstabs von Japans Regierung, sagte in einem Interview am vergangenen Wochenende: „Ich glaube, dass es nach derzeitigem Stand schwierig wäre die Olympischen Spiele zu veranstalten.“

Die einst scheinbar so unerschütterliche Begeisterung für die Sommerspiele ist vielen Menschen in Japan längst vergangen. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben Umfragen wiederholt gezeigt, dass eine Mehrheit gegen eine Austragung der Spiele von Tokio ist, ob nun im Jahr 2020 oder 2021. Selbst die Mehrheit befragter Unternehmen offenbart in einigen Umfragen diese Haltung – was zusätzlich überrascht, da Olympische Spiele nicht zuletzt in ökonomischer Hinsicht wichtige Mega-Events sind. Dabei ist es nicht nur die mehrheitliche Meinung die zusehends gegen „Tokio 2020“ spricht. Viele Menschen sind wütend über die Kosten der Spiele, die um ein Vielfaches höher liegen als im offiziellen Budget veranschlagt. Sie werden zudem größtenteils mit Steuergeldern finanziert. Ungeachtet ihrer eigenen Wünsche halten es kaum noch Menschen für wahrscheinlich, dass es die Tokio-Spiele 2020 überhaupt geben wird. Ende Oktober ergab eine Umfrage, dass 84 Prozent in Japan erwarten, angesichts der Pandemie werde es zu einer endgültigen Absage kommen.

Dieses Gefühl wird seit Wochen durch entsprechende Gerüchte genährt. Seit Ende Oktober behauptet etwa der in Japan bekannte Investigativjournalist Ryu Homma aus internen Kreisen zu wissen, dass die Spiele von Tokio letztlich ausfallen werden. In einer Auflage seines Videoblogs, die immerhin von gut 150 000 Menschen angesehen wurde, erklärt er: „Die Information kommt vom Organisationskomitee. Die haben Dentsu kontaktiert.“ Dentsu ist die größte PR-Agentur in Japan, die zwischen dem IOC und den japanischen Organisatoren schon bei der Bewerbung eine wichtige Vermittlerrolle spielte.

„Es wurde aber noch nicht öffentlich gemacht“, sagt Homma weiter. Schließlich stehe vom 15. bis 18. November noch ein Besuch von IOC-Präsident Thomas Bach in Tokio an, im Zuge dessen der Boss des Olympischen Sports sich mit Japans seit kurzem regierenden Premierminister Yoshihide Suga treffen wird. Auch wird Bach das Olympische Dorf und Wettkampfstätten besuchen.

Von Suga wiederum wird erwartet, dass er bald Neuwahlen ausrufen könnte, da er sein Amt nur durch den offiziell krankheitsbedingten Rücktritt seines Vorgängers Shinzo Abe und bisher ohne Wahl angetreten ist. „Man überlegt sich jetzt Optionen“, behauptet der Journalist Ryu Homma zur Frage, was die klügste Kommunikationsstrategie zur angeblichen Olympiaabsage angehe. Sollte es Neuwahlen geben, würde man wohl eher bis nach der Wahl damit warten.

Diese Angaben von Homma sind – natürlich – von der Gegenseite bisher nicht bestätigt. Das Organisationskomitee kommentiert auf Anfrage nur kurz: „Eine solche Entscheidung ist nicht getroffen worden.“ Auf die Frage, was konkret der Inhalt der Gespräche sein wird, die Thomas Bach diese Tage in Tokio führen will, haben die Organisatoren nicht geantwortet. Bach selbst antwortete auf die Frage, ob bei seinem Besuch auch über die Absage der Spiele diskutiert werde, nur: „Nein. Die Antwort ist nein.“

Skeptiker fühlen sich daher an das vergangene Frühjahr erinnert. Bis die Spiele verschoben wurde, hieß es auch damals wochenlang, man werde ganz bestimmt an seinem ursprünglichen Plan festhalten. Das Ergebnis ist bekannt.

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