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Die nächste Ohrfeige droht

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Von: Frank Hellmann

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Wird sie 2027 zu Hause vorspielen dürfen? Giulia Gwinn.
Wird sie 2027 zu Hause vorspielen dürfen? Giulia Gwinn. © Sportpix/Imago

In Katar sind hinter den Kulissen offenbar erste Weichen gestellt worden, die Frauen-WM 2027 in Südafrika statt in Deutschland stattfinden zu lassen.

Bei aller berechtigter Kritik: Eine mangelnde Organisation der Klimaanlagen-WM in der Wüste ist Katar nicht vorzuwerfen, nicht mal an den Tagen nach der großen Fußballshow. Auch den Abtransport bekam das Emirat gut hin. Abertausende WM-Gäste traten ohne größere Verzögerungen ihre Heimreisen an.

Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Im Sommer 2024 findet in Deutschland die Europameisterschaft statt. Das EM-Format macht es nicht so einfach: Die Vorrunde ist viel Vorgeplänkel, weil 16 von 24 Mannschaften weiterkommen. Bei dieser Weltmeisterschaft in Katar war die Gruppenphase vergleichsweise spannend, doch jetzt dreht auch die Fifa das Rad weiter und erlaubt bei der WM 2026 dann 48 Teilnehmer. Der Modus ist offen. Die Gastgeber USA, Kanada und Mexiko nutzten die vielen Kontaktmöglichkeiten in Doha, um ein Format in zwölf Vierergruppen durchzusetzen. Davon soll auch das Fifa-Council mit dem deutschen Vertreter Peter Peters überzeugt werden.

Die derzeitigen Planungen sehen noch 16 Dreiergruppen vor. Hinzu kommt ein Sechzehntelfinale, wofür sich alle Gruppen-Ersten und -Zweiten qualifizieren. Dadurch steigt die Anzahl der WM-Spiele von 64 auf 80.

Im Fall der Vierergruppen hätten die drei Ausrichter drei garantierte Heimspiele in ihrem Land, zudem noch gute Chancen auf die K.o.-Runde, weil neben den Gruppensiegern und -zweiten auch die acht besten Gruppendritten weiterkämen. Das Turnier würde auf 104 Spiele ausgedehnt, die Finalisten müssten acht statt sieben Partien bestreiten.

Fifa-Präsident Gianni Infantino ist nicht abgeneigt, aber ausnahmsweise mal nicht der Treiber hinter dem Plan. Schon jetzt ist klar, dass 2026 genau wie 2018 in Russland oder 2014 in Brasilien riesige Entfernungen überbrückt werden müssen. Katar konnte durch die Kompaktheit allen Teams dieselben Bedingungen bieten, Flugreisen für die Nationalteams und deren Fans im Gastgeberland entfielen.

Da sich der Deutsche Fußball-Bund nicht im besten Einvernehmen mit der Fifa befindet, hat er an Einfluss auf internationaler Ebene verloren. Für die EM 2024 kann das egal sein, denn sie wird vom europäischen Dachverband Uefa organisiert. Das Verhältnis zwischen DFB und Uefa gilt als entspannt, man arbeitet in einem Joint Venture gut zusammen. Der Dauerzwist mit der Fifa kann für die Vergabe der Frauen-WM 2027 jedoch folgenreich sein. Der DFB hat zusammen mit den Verbänden der Niederlande und Belgien eine Bewerbung vorbereitet. Die Konzepte für ein nachhaltiges Turnier im Dreiländereck sind fertig, die vier deutschen Spielorte mit Dortmund, Duisburg, Düsseldorf und Köln ausgewählt. Das Konzept klingt schlüssig.

Das Problem benannte kürzlich Doris Fitschen, DFB-Gesamtkoordinatorin Frauen im Fußball: „Wir sind dort in der Warteschleife. Die Unterlagen der Fifa, um uns offiziell bewerben zu können, sind noch nicht da.“ Stand sei, dass es im Sommer 2024 zur Vergabe kommen werde. Ganz sicher ist das längst nicht mehr, heißt es. Dahinter steckt Kalkül: Strippenzieher Infantino, dessen Weltverband ohnehin die Uefa als Intimfeind ausgeguckt hat, will den WM-Kritikern aus Europa offenbar die nächste Ohrfeige verpassen und schmiedet Allianzen. So soll es Bestrebungen geben, dass die Frauen-WM 2027 nicht mit nach Deutschland geht, wo überdies 2011 schon gespielt wurde, sondern erstmals nach Afrika.

Eine offizielle Bewerbung hat Südafrika angekündigt, deren Organisatoren auf die für die Männer-WM 2010 errichtete Stadioninfrastruktur zurückgreifen wollen. Auch ein Aspekt unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit. Nun sollen mit dem Vorlauf der Frauen-WM 2023 in Australien und Neuseeland weitere Konföderationen ermuntert werden, sich zu bewerben. Chile oder Kolumbien gelten als mögliche Kandidaten – auch in Südamerika wurden noch nie Weltmeisterinnen gekürt.

Infantino hat auf die harsche Kritik aus dem Herzen von Europa in Katar nie direkt geantwortet. Stattdessen könnte seine Replik lauten, mit dem Vehikel der übernächsten Frauen-WM die deutschen Nörgler, zumindest sieht Infantino es so, abzustrafen. Besonders dreist wäre es, wenn das genau während der EM 2024 verkündet würde. Gut vorstellbar ist es.

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