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Die Kunst des Rücktritts

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Von: Thomas Kilchenstein

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Hat keine Lust mehr auf den Wanderzirkus Profitennis: Ashleigh Barty.
Hat keine Lust mehr auf den Wanderzirkus Profitennis: Ashleigh Barty. © dpa

Die beste Tennisspielerin der Welt beendet mit 25 Jahren ihre Karriere. Ein ungewöhnlicher Schritt, aber ein richtiger, denn Ashleigh Barty sagt: „Ich bin verbraucht.“ Ein Kommentar.

Für Außenstehende kommt der Rücktritt der weltbesten Tennisspielerin Ashleigh Barty ziemlich unerwartet. Warum, so fragt man, haut eine in den Sack, die gerade auf dem Höhepunkt ihres Schaffens steht, alles gewinnt, was es zu gewinnen gab und gibt, in diesem Jahr ungeschlagen blieb? Die nun endlich die Früchte jahrelanger Quälerei ernten kann? Mit gerade mal 25 Lenzen?

Die Antwort ist leicht. Weil es reicht. Ihr reicht.

Denn die Australierin Barty ist nicht mehr gewillt, den Preis zu zahlen, den dieser Hochleistungssport fordert. „Ich bin verbraucht“, hat sie gesagt, drei Worte, doch gerade diese Schlichtheit entfaltet die ganze Wucht, die dahintersteckt. Sie hat damit ein bisschen den Vorhang gelüftet, was es heißt, die Beste in ihrem Sport zu sein. Das fällt einer ja nicht in den Schoß, zumal dann nicht, wenn der Arbeitsplatz im Grunde der Globus ist, heute Melbourne, morgen Abu Dhabi, London, Paris, übermorgen New York. Es ist ein fremdbestimmtes Leben, in Flugzeugen, Hotelzimmern, auf Centercourts, diktiert von Terminplänen, immer allein auf sich gestellt. Sicher: Mit einem zweistelligen Millionenbetrag auf dem Konto nach zehn Jahren Tenniszirkus fällt einer die Rückbesinnung auf ein selbstbestimmtes Leben leichter als etwa einem Montagearbeiter, der tagsüber auf Baustellen schuftet und abends in Containern schläft. Aber gibt es einen besseren Zeitpunkt aufzuhören als auf dem Zenit? Wie das Philipp Lahm geschafft hat oder Nico Rosberg oder Björn Borg.

Und was ist eigentlich der richtige Zeitpunkt für eine Demission? Gibt es den überhaupt? Viele sagen: Solange die Leidenschaft Sportler noch antreibt, der Hunger nach Ruhm, nach Applaus, dem intensive Leben auf ausgeleuchteten Bühnen vorhanden ist, solange es Gesundheit zulässt und sie keinem einen Platz wegnehmen, sei das allein ihre Entscheidung. Also fährt Claudia Pechstein auch mit 50 auf Kufen der Musik hinterher, kehrte Michael Schumacher noch einmal ins Cockpit zurück, spielte Bastian Schweinsteiger nach 13 Bayern-Jahren noch quälend lange bei Manchester United und Chicago Fire keine Rolle mehr.

Es ist die Kunst zu erkennen, wann es vorbei ist. Joachim Löw hat den Zeitpunkt verpasst, auch Raul oder Xavi, die nach glanzvollsten Karrieren noch einmal in Katar abkassieren gingen.

Es gibt eine einfach Faustformel für den richtigen Moment: Wenn die Leute sagen: Schade, dass es vorbei ist. Schwer ist nur, diesen Moment zu erkennen.

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