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Die Kämpferin: Oksana Masters

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Von: Felix Lill

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Auf dem Weg zum nächsten Olympiasieg: Oksana Masters.
Auf dem Weg zum nächsten Olympiasieg: Oksana Masters. © Imago

Kaum eine Athletin ist so vielseitig wie die US-Ukrainerin Oksana Masters. Ihre Parasportkarriere wäre wohl nie begonnen, hätte es die Atomkatastrophe von Tschernobyl nicht gegeben.

Ich fühle mich eigensinnig, hilflos und schuldig dafür, dass ich hier bin“, schrieb die Frau, die sich auch hätte freuen können. Am selben Tag holte sie über die Sprintdistanz im Parabiathlon die Goldmedaille. Als sich Oksana Masters über Instagram an die Öffentlichkeit wandte, erwähnte sie ihren Wettkampf aber in keinem Wort. „Es ist schwer gewesen, meine Leidenschaft und mein Verlangen zu finden, um an diesen Spielen teilzunehmen, inmitten des Krieges, den mein Heimatland Ukraine erleidet.“ So forderte sie die Welt dazu auf, die Ukraine zu unterstützen.

Es sind Worte, die einiges Gewicht haben könnten. Die 32-jährige Masters hat zwar nach den Regularien des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) nicht mehr mit der Ukraine zu tun als jede andere Athletin, die bei den Spielen in Peking antritt. Ihre Medaillen werden den USA zugerechnet, jenem Land, dessen Reisepass sie hat. Allerdings ist Oksana Masters eben auch in der Ukraine eine bekannte Größe: Dort kam sie zur Welt, ehe sie als Kind von einer US-amerikanischen Familie adoptiert wurde. Persönlich trete sie immer auch für die Ukraine an, ohne die sie nicht die Ausnahmeathletin geworden wäre, die sie heute sei.

Von der Strahlung getroffen

Kaum eine Athletin im Parasport ist so vielseitig erfolgreich wie Oksana Masters. 14 paralympische Medaillen hat sie bis jetzt gewonnen, fünf goldene. Angesichts der unterschiedlichen Disziplinen, in denen sie ihre Siege eingefahren hat, scheinen die Talente und der Wille von Oksana Masters beinahe grenzenlos. 2012 bei den Sommerspielen in London holte sie Bronze im Pararudern. Nachdem sie diesen Sport wegen einer Rückenverletzung aufgeben musste, sattelte Masters aufs Rad um, wo sie schließlich im vergangenen Sommer in Tokio zweimal Gold gewann.

Parallel dominiert Masters auch mehrere Disziplinen des Wintersports seit Jahren. Am Freitag könnte sie, nachdem sie am Dienstag auch über die Mitteldistanz im Biathlon Silber holte, im Einzelwettbewerb erneut Gold gewinnen. „Meine Mutter hat mir immer gesagt, mein ukrainisches Herz hat mich kräftig gemacht, zu einer Kämpferin.“ Das wolle sie jetzt, wo die Ukraine jede Art von Unterstützung gebrauchen könne, der ganzen Welt beweisen.

Tatsächlich wäre Oksana Masters womöglich nie eine Parasportlerin geworden, wäre sie nicht in Chmelnyzkyj zur Welt gekommen, einer zentralwestlichen Stadt in der Ukraine, nur einige Autostunden entfernt von Tschernobyl, wo 1986 ein Atomkraftwerk havariert war. Nach ihrer Geburt drei Jahre später wurde die kleine Oksana in einem Waisenhaus abgegeben. „Wo ich herkam, gab es radioaktive Lecks“, erklärte Masters später gegenüber US-amerikanischen Medien. Die Sicherheitsvorkehrungen dagegen seien dürftig gewesen.

Der frühe Kontakt mit radioaktiver Strahlung wird als Grund für die schwere Hemimelie der Schienbeine vermutet, wodurch in Masters unteren Extremitäten die tragenden Knochen fehlten. Im ukrainischen Waisenheim gab es nicht genügend Essen, um den Hunger zu stillen. Als Oksana mit sieben Jahren von ihrer heutigen Adoptivmutter Gay Masters aufgenommen wurde, hatte sie noch Untergewicht. Bald aber fand sie Gefallen an körperlicher Bewegung. Der Sport wurde für sie zum Vehikel, durch das sie alles erreichen konnte, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. „Ich will es den Menschen beweisen“, sagte sie vor den Sommerspielen in Tokio vor einem guten halben Jahr.

Aber was kann dieses Prinzip Sport jetzt, wo ihr Heimatland einen Angriffskrieg erleidet, noch Gutes leisten? Nicht nur befindet das Land, in dem ihre Geburtseltern womöglich noch heute leben, unter Belagerung und Beschuss. Auch das Atomkraftwerk Tschernobyl, in dessen Umgebung die Strahlungswerte seit Jahrzehnten erhöht bleiben, ist zum Werkzeug dieses Krieges geworden. Die russische Armee hat es besetzt, die ukrainische Regierung warnte Mitte der Woche nach einem Stromausfall vor zusätzlichem Auftreten von Radioaktivität.

Auch dieser Umstand macht Oksana Masters in Peking zu schaffen, zumal er sie an ihr eigenes Aufwachsen erinnert. „Ich laufe hier um mehr als nur meine eigenen Ziele, mehr als einen Platz auf dem Podium. Mit jedem Schritt laufe ich für die Familien und Kinder mit Behinderungen in der Ukraine.“ Sie wolle sicherstellen, dass kein Kind vergessen werde. Wie das funktionieren soll, einfach so durch Sport? Die Frau, die schon lange am anderen Ende der Welt wohnt, will es dabei nicht belassen, fordert die Menschen daher zu großzügigen Spenden auf. Die sind ihr noch wichtiger als all ihre Goldmedaillen.

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