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Gerade außer Dienst: der Football-Spieler Laurent Duvernay-Tardif von den Kansas City Chiefs (links).
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Gerade außer Dienst: der Football-Spieler Laurent Duvernay-Tardif von den Kansas City Chiefs (links).

Corona-Pandemie

Die Geschichte des Doktor D.

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Super-Bowl-Sieger Laurent Duvernay-Tardif verzichtet zum Höhepunkt seiner Footballkarriere auf Millionen, weil er inmitten der Corona-Pandemie kranken Menschen helfen will.

Es war irgendwann im März diesen Jahres, da saß Laurent Duvernay-Tardif, Footballprofi von Beruf, ganz alleine daheim auf seinem riesigen Sofa, und da brach es über ihn herein. Die tagelang aufgestauten Gefühle, der Ärger, der Frust, vor allem die offenen Fragen. Warum ausgerechnet jetzt? Jetzt in der besten Zeit meiner Sportlerlaufbahn. Warum kann ich meinen, diesen ersten Super-Bowl-Titel mit den Kansas City Chiefs, nicht ausgelassen feiern? Warum muss ich meine lange geplante Charity-Gala absagen? Warum fällt auch noch der Urlaub flach? Warum ich? Es war zu viel für diesen Schrank von Mann, die Augen feucht in diesem Moment.

Laurent Duvernay-Tardif erlebte im März genau das, was wohl Millionen von Menschen irgendwann davor oder danach im Corona-Jahr 2020 erlebt haben. Der Egoismus brach in ihm durch, der nur allzu menschliche Reflex, für sich selbst stets das Beste zu wollen, zumindest einige Minuten lang. „Dann habe ich gemerkt, dass diese ganze Situation viel, viel größer ist, als ich es bin“, erzählte Duvernay-Tardif unlängst: „Es ging nicht darum, den Super-Bowl-Sieg zu feiern. Es war und ist eine Pandemie.“

Der 29-jährige Kanadier, geboren in der 3000-Einwohner-Gemeinde Saint-Jean-Baptiste in der Provinz Quebec, ist in seinem Sportlerleben dafür da, den Quarterback, den wichtigsten Mann seines Teams, zu beschützen. Er wirft sich dann an der sogenannten Frontline, ganz vorne also, den gegnerischen Spielern entgegen, wuchtet seine 148 Kilogramm Muskelberge anderen Muskelbergen entgegen und hofft, dass seine eigenen vielleicht doch ein bisschen bergiger als jene der anderen sind. Häufig sind sie es. Vergangene Saison in der National Football League (NFL) war Duvernay-Tardif einer der Männer, der vorne einsteckte, damit Starspielmacher Patrick Mahomes hinten möglichst viele Freiraum erhielt, um das Team aus Kansas City/Missouri zum Titel zu werfen.

Laurent Duvernay-Tardif war angekommen auf dem Footballthron am 3. Februar 2020, dem Tag des Triumphes gegen die San Francisco 49ers. Ein Dreivierteljahr später ist er längst freiwillig wieder hinabgestiegen. Er beschützt keine Footballspieler mehr, sondern die Kranken, er kämpft er gegen die Auswirkungen der Corona-Pandemie an, als studierter Mediziner arbeitet er in einer Einrichtung für Langzeitpflege.

Seine Footballkarriere für mindestens diese eine im September gestartete NFL-Saison zu unterbrechen, sei eine der schwierigsten Entscheidungen seines Lebens gewesen, sagte Duvernay-Tardif im Frühjahr, „aber ich muss meiner Überzeugung folgen und das machen, was ich persönlich für richtig halte.“ Er könne es sich nicht erlauben, das Virus in der Gesellschaft zu verbreiten, „nur weil ich den Sport treiben möchte, den ich liebe.“ Wenn er also schon ein Risiko eingehe, dann nur, „wenn ich mich um Patienten kümmere.“ Seinen Abschluss in Medizin hatte Duvernay-Tardif bereits im Mai 2018 an der McGill-Universität in Montreal gemacht, vier Jahre lang studierte er parallel zum Profidasein. Unterstützung erhielt er damals von seinem Coach Andy Reid, dessen Mutter einst an derselben Uni gelernt hatte. Trainingsfreie Tage in der Vorbereitung waren gewiss ein Privileg.

Duvernay-Tardif ist der einzige aktuelle NFL-Spieler und der vierte überhaupt mit einem Doktortitel in Medizin. Er sagt: „Ich liebe Football, aber ich liebe es auch, ein Arzt zu sein.“ Dafür verzichtet er auf viel Geld. Eigentlich hätte er in dieser Saison 2,75 Millionen Dollar (etwa 2,35 Millionen Euro) erhalten, nun sind es „nur“ noch 150 000 Dollar (etwa 128 700 Euro). Freilich lässt es sich als jahrelanger Footballprofi dennoch recht passabel leben. 2017 hatte Duvernay-Tardif bei den Kansas City Chiefs einen Fünfjahresvertrag unterschrieben.

Und dennoch: Nachdem der 1,96-Meter-Hüne im Sommer verkündete, seine vertraglich verankerte Verzichtsoption zu ziehen, also die einjährige NFL-Pause einzulegen, erhielt er eine Menge Zuspruch, zu Recht, das hatte zuvor noch kein NFL-Profi gemacht. Es wurde viel berichtet über ihn, er wurde von der „Sports Illustrated“ zum Athleten des Jahres gekürt.

Gerade im Dienst: Der Mediziner Laurent Duvernay-Tardif.

Und seit Anfang Dezember darf er sich auch noch kanadische Sportler des Jahres nennen – natürlich auch wegen des Super-Bowl-Titels, vor allem aber wegen seines selbstlosen Engagements abseits des Feldes. Duvernay-Tardif teilt sich die Auszeichnung mit Alphonso Davies, dem Fußballer und Champions-League-Sieger vom FC Bayern München, „er ist bei weitem ein besserer Athlet als ich“, sagt der Footballprofi a.D. Zum Glück ist das nicht alles, was zählt.

Er widme den Award allen Mitarbeitern in den Krankenhäusern, in der Pflege, den Ärzten, die große Opfer gebracht haben, um anderen zu schützen. „Die Arbeit ist noch nicht vorbei.“ Wohl längst noch nicht. Er habe durch die Pandemie einen anderen Blick dafür bekommen, unter welch enormer Belastung die Menschen und das Gesundheitssystem stehen, sagte Duvernay-Tardif.

Früher, als aufstrebender Collegesportler, trainierte er lediglich ein-, zwei-, vielleicht auch dreimal pro Woche, schon damals hatte er seinem Studium den Vorzug gegeben. Trotzdem spielte er ausgezeichnet auf dem Footballfeld, so gut, dass er im NFL-Draft 2014 von den Chiefs gewählt wurde. Duvernay-Tardif verfolgte diesen für ihn so bedeutenden Moment jedoch nicht vor dem Fernseher, stattdessen assistierte er in einer Klinik bei einer komplizierten Frühgeburt von Zwillingen. Sein Handy gab er damals einer Krankenschwester mit dem Hinweis: „Wenn ein Klub anruft und mich haben will, sag einfach: ‚Ja‘.“

Es sind diese rührenden Geschichten, die zeigen, dass der Mediziner Duvernay-Tardif vor dem Footballer Duvernay-Tardif steht. Viele Menschen fänden, erzählte der 29-Jährige jüngst kanadischen Medien, beim Football gebe es so etwas wie den ultimative Teamgeist, „aber wenn ich sehe, dass eine Krankenschwester ihre Schicht vier Stunden verlängert, nur um zu vermeiden, dass ihre Kollegin eine Doppelschicht von 16 Stunden machen muss, dann sage ich mir: Das ist echter Teamgeist.“ Vor allem ist es das komplette Gegenteil von Egoismus.

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