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Die Geduldsproben für Zverev und Thiem

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Von: Jörg Allmeroth

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Auch modisch auf einer Wellenlänge: Dominic Thiem (l.) und Alexander Zverev, gut befreundet.
Auch modisch auf einer Wellenlänge: Dominic Thiem (l.) und Alexander Zverev, gut befreundet. © imago images/PanoramiC

Die Tennis-Kumpels Zverev und Thiem kämpfen um den Anschluss an die Weltspitze - in Australien wollen sie den Abstand verringern.

Im dramatischsten Spiel ihrer Karriere standen sich die Freunde einst Auge in Auge auf dem Centre Court gegenüber. Für Alexander Zverev endete das Fünf-Satz-Finaldrama im „Geisterhaus“ der US Open, in der menschenleeren Arthur-Ashe-Arena, im September 2020 mit der schwärzesten Stunde seines Lebens – und für Dominic Thiem, seinen Kumpel und Rivalen aus Österreich, mit dem größten Triumph. Traummoment und Traumaerlebnis entschieden sich mit den beiden allerletzten Punkten im Tiebreak des fünften Satzes, vom 6:6-Gleichstand zum 8:6-Sieg des heute 29-jährigen Wieners. „In schweren Zeiten habe ich mich später immer wieder an diesen Sieg erinnert“, sagt Thiem, „aber auch an Sascha. Das war schon schwer für ihn.“

Thiem nur 99. der Rangliste

Und Zverev? Keinem, außer natürlich sich selbst, habe er den Erfolg mehr gegönnt als Thiem, dem Kumpel: „Ich habe schon meine Zeit gebraucht, um diese Niederlage wegzustecken.“ Eine Endspielniederlage nach 2:0-Satzführung und außerdem noch einmal einem 5:3-Vorsprung im fünften und letzten Akt des Grand-Slam-Krimis von New York. Thiem sagte damals bei der Siegerehrung, schon bald werde sich auch Zverev seine Grand-Slam-Wünsche erfüllen, „das ist nur eine Frage der Zeit bei dir.“ Und Zverev prophezeite Thiem, ganz generöser Kollege, es werde „ganz sicher“ nicht bei diesem einen Major-Pokal bleiben: „Am besten aber nicht mehr, wenn ich mit dir im Finale bin.“

Wenn Zverev und Thiem nun an diesem Dienstag in die Australian Open starten, ins erste ganz große Turnier der Saison 2023, stehen sie längst nicht im Fokus als Mitfavoriten und ernsthafte Titelanwärter. Zum ersten Mal in ihren Tennis-Lebenswegen ist die alltägliche Strecke steinig, holprig, ungewohnt herausfordernd aus leidigen Gründen – denn sowohl der 25-jährige Hamburger wie auch der Wiener Mitstreiter kämpfen nach langwierigen und keineswegs unproblematischen Verletzungspausen um den Anschluss an die enteilte Weltspitze.

Thiem hat nach seiner Handgelenksblessur aus dem Herbst 2021 dabei schon eine heikle Comebackphase hinter sich, die vergangene Saison war von vielen Rückschlägen geprägt, erst im Herbst konnte der früher so extrem dynamische Österreicher einige Achtungserfolge erzielen. „Man braucht schon eine starke Psyche und viel Rückhalt aus Familie und Team, um da durchzukommen“, sagt Thiem, „deine Geduld wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Ganz einfach, weil man das Gefühl hat, dass es mit den Fortschritten nicht schnell genug geht.“ In die Australian Open geht er als Nummer 99 der Weltrangliste, noch weit entfernt von seiner Allzeit-Bestmarke – die setzte er Anfang März 2020 als Nummer drei des Planeten.

Als Zverev und Thiem Anfang Dezember gemeinsam bei einem Einladungsturnier in Saudi-Arabien aufschlugen, sagte Zverev, er habe das Gefühl, „dass ich Dominic seit Jahren nicht mehr gesehen habe.“ Tatsächlich war Zverev schon bald selbst unfreiwillig aus dem Tourbetrieb herauskatapultiert worden, nachdem Thiem im März 2022 sein Comeback gegeben hatte. Für Zverev war die vergangene Saison Anfang Juni mit einer heftigen Bänderverletzung jäh zum Alptraum geworden, ausgerechnet in einem French-Open-Halbfinale, in dem er Matador Rafael Nadal Gegenwehr auf Augenhöhe geboten hatte. „Es war nicht leicht, das alles wegzustecken“, sagt Zverev, „aber es kommt der Moment, wo du wirklich wieder nach vorne blickst und dir sagst: Abhaken, vergessen, neu durchstarten.“

Zverev zweifelt noch

Aber Zverev, inzwischen die Nummer 13 der ATP-Bestenliste, wird Langmut brauchen, er weiß es, er hat auch mit Thiem über all die Hindernisse und Beschwerlichkeiten gesprochen. Und natürlich auch über den eigenen Rückschlag, den er im Herbst erlebte: Denn im Übereifer der mit Macht gewollten Rückkehr zog sich Zverev ein Knochenödem zu, musste auf den Rest der Saison verzichten. Erst bei den Schaukämpfen im Mittleren Osten im Dezember stand er wieder öffentlich auf dem Platz.

Nun aber wird es wirklich ernst, in Melbourne. Ohne wirkliche Matchhärte und -praxis geht er in das früh in der Spielserie platzierte Major. Die Auslosung hat es gut mit ihm gemeint, in Runde eins trifft er am Dienstag auf den peruanischen Lucky Loser Juan Pablo Varillas. Aber da ihn auch manche Zweifel auf den Court begleiten werden, kann Zverev eine unliebsame Überraschung nicht ausschließen. „Es wird dauern, bis ich zu einem richtig guten Niveau zurückkehre“, sagt er. Gesund fühle er sich aber, habe keine Angst, den Körper zu belasten.

Denke nicht an den schwarzen Tag von Paris zurück. Was das Wichtigste für ihn sei, hatte er schon einige Male zuvor gesagt, er wiederholte es auch noch einmal am letzten Wochenende vor dem Turnierstart: „Gesund zu bleiben, die Saison durchspielen zu können.“

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