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Die Flugshow des Halvor Egner Granerud

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Von: Patrick Reichelt

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Typisch Norweger: Halvor Egner Granerud jubelt ähnlich ausgeglichen wie sein fußballspielender Landsmann Erling Haaland.
Typisch Norweger: Halvor Egner Granerud jubelt ähnlich ausgeglichen wie sein fußballspielender Landsmann Erling Haaland. © dpa

Der Norweger Halvor Egner Granerud gewinnt auch zweites Tournee-Springen - in beeindruckender Manier.

Als die Show auf der Olympiaschanze so richtig Fahrt aufnahm, da konnten die deutschen Hoffnungsträger nur noch zuschauen. Karl Geiger und Andreas Wellinger standen mit den Plätzen elf und acht beim Neujahrsspringen im Abseits des Auslaufs und staunten. „Was die da vorne machen“, sagte Geiger, „das ist absolut beeindruckend.“

Wobei die Beeindruckenden mal wieder einen Beeindruckendsten hatten. Halvor Egner Granerud juckte es so gar nicht, dass seine größten Widersacher Anze Lanisek aus Slowenien (140,5 und 137 Meter) sowie der Pole Dawid Kubacki (136 und 138,5 Meter) echte Traumflüge in den feuchten Kunstschnee von Partenkirchen gezaubert hatten. Der Herrscher von Oberstdorf kam und setzte eben noch einen drauf. Ließ im Finale seinen 140 Metern aus dem ersten Durchgang satte 142 Meter folgen. Was auch seinen, von der Silvesterfeier leicht angeschlagenen Trainer Alex Stöckl, schwer beeindruckte: „Diese Nervenstärke ist sensationell“, schwärmte er, „ich bin sprachlos.“

Nur kurz hatte sein Musterschüler in den beiden Tagen von Partenkirchen gewackelt. Doch Granerud rückte den wackeligen Auftritt und Platz sechs in der Qualifikation im alten Jahr eindrucksvoll gerade. Schon in Oberstdorf hatte er beide Wertungsdurchgänge für sich entschieden – und nun leuchtete also auch am Neujahrstag zweimal die „1“ auf der Anzeigetafel. Worauf sich der 26-Jährige in den Schnee sacken ließ und in Yoga-Pose in die Kamera feixte - ähnlich wie sonst sein Landsmann Erling Haaland, der Fußballstar. „Ich fühle Erleichterung, Freude und Dankbarkeit“, schwärmte Granerud später, „ich habe mir einen Traum erfüllt.“

Ein zweiter Traum könnte am Dreikönigstag folgen. Seinen schärfsten Verfolger Kubacki hat Granerud nun schon um knapp 15 Meter distanziert. Ein echtes Pfund, das schon die ersten Diskussionen aufkeimen lässt, ob der Norweger vielleicht sogar der vierte Vierfachsieger der Tournee-Historie nach Sven Hannawald, Ryoyu Kobayashi und Kamil Stoch werden könnte. Erster würde den Neuzugang mit offenen Armen empfangen: „Ich gebe ihm den Schlüssel zu unserem Club gerne.“

Deutsche hinken hinterher

Hannawalds Landsleuten dagegen bleibt nicht viel mehr übrig, als sich für die zweite Tournee-Hälfte auf die Rolle als Zaungäste einzurichten. Karl Geiger und Andreas Wellinger reisen am Montag zwar immerhin auf den Plätzen fünf und sechs in der Gesamtwertung nach Österreich weiter. Aber angesichts eines Rückstands von umgerechnet 32 beziehungsweise 35,5 Metern wollte vom Tourneesieg natürlich niemand mehr sprechen. Auch Bundestrainer Stefan Horngacher nicht: „Da müsste jetzt in Österreich schon ein Wunder passieren.“

Immerhin durfte sich der 54-Jährige über einen zarten mannschaftlichen Aufschwung freuen. Sicher nicht über den des ehemaligen Weltmeisters Markus Eisenbichler, für den erneut nach nur einem Durchgang Schluss war („Es war jetzt auch kein extrem schlechter Sprung, nur nicht so gut wie die anderen“). Umso mehr aber über einen weiteren starken Auftritt von Youngster Philipp Raimund, der mit 125,5 und 135 Metern auf Platz 15 flog und damit immerhin Topstars wie Titelverteidiger Kobayashi (19. Platz) und Austrias schwer bediente Hoffnung Stefan Kraft (18.) hinter sich ließ. „Es ist noch nicht lange her, da habe ich zu diesen Topleuten im Fernsehen aufgeschaut“, sprudelte es aus Raimund heraus, „und jetzt kann ich in solchen Springen wie heute mithalten.“

Wohl auch wegen ihm schaut Bundestrainer Horngacher zuversichtlich in die Zukunft. „Jetzt schauen wir den anderen beim Schweben zu“, sagte er, „aber irgendwann werden wir selbst wieder schweben.“

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