Tour de France

Die Blase darf auf keinen Fall platzen

Die Tour rollt ab Samstag durch Frankreich - mit Zuschauern, aber unter knüppelharten Sicherheitsvorkehrungen. Die Organisatoren wissen: Coronafälle können zum Abbruch führen. 

Die Rad-Stars um Emanuel Buchmann sind in einer „Peloton-Blase“ abgeschirmt, der Zugang der Fans zu ihren Idolen wird stark limitiert, und über allen Teams schwebt die Gefahr eines vorzeitigen Auschlusses aus dem Rennen: Die Corona-Pandemie zwingt auch die Macher der 107. Tour de France zu bislang unbekannten Vorsichtsmaßnahmen.

Ein beispielloser Aufwand soll die am Samstag in Nizza beginnende Frankreich-Rundfahrt seuchensicher machen - ein unbeschwertes Freudenfest wird die Tour diesmal nicht. "Die Stimmung wird anders, nicht so ausgelassen wie gewohnt. Schade, aber wir müssen froh sein, dass die Tour überhaupt stattfindet", sagte Deutschlands Top-Rundfahrer Buchmann dem SID.

Lennard Kämna, Buchmanns Helfer beim Team Bora-hansgrohe, sieht es ähnlich. „Die Zuschauer machen den größten Charme der Tour aus. Es ist schade, dass weniger da sein werden. Ich denke, für dieses Jahr ist es aber die einzige Möglichkeit“, sagte er im ARD-Hörfunk.

Beide deutsche Top-Fahrer wissen: Strikteste Sicherheitsmaßnahmen sind unabdingbar, schwebt bei positiven Tests in den Teams doch das Damoklesschwert des ersten Abbruchs in 117 Jahren über der Tour.

Mehr noch: Zwei oder mehr Coronafälle binnen sieben Tagen in einem Team, so hat es Tour-Veranstalter ASO festgelegt, führen zum Ausschluss der betreffenden Mannschaft. Im Extremfall könnte der Mann im Gelben Trikot am letzten Tag aus dem Rennen genommen werden, wenn auch nur ein Mechaniker und ein Masseur seiner Equipe infiziert sind.

„Die Blase muss so sauber bleiben wie möglich“, zeigte Iwan Spekenbrink, Teammanager der Sunweb-Mannschaft, Verständnis: „Wenn das nicht klappt, wird Frankreichs Regierung das Event stilllegen.“ Wenn sein Team nach ein paar Tagen nach Hause geschickt würde, „kann ich mich natürlich ärgern. Aber wenn man nicht so handelt, erreicht die Tour nie Paris.“

Die Lage in Frankreich ist prekär, täglich rund 4500 Neuinfektionen meldeten die Behörden zuletzt, am Sonntag waren es derer sogar 4897. Am 14. März, als Paris-Nizza abgebrochen wurde, waren es keine 900. ASO-Boss Christian Prudhomme ist dennoch zuversichtlich: „Alles ist eingerichtet, damit es gut läuft.“

Für Fahrer und Teams gelten knapp vier Wochen lang strengste Regeln. In den Hotels bilden sie Blasen, sind auf getrennten Hotel-Etagen untergebracht, speisen in separaten Räumen. Alle Teammitglieder werden regelmäßig getestet, Kontakt zu Medien ist minimiert, der zu Zuschauern findet möglichst nicht statt.

Ein Großteil des Maßnahmenpakets betrifft eben jene Fans, deren Zahl bei einer Tour gewöhnlich zehn Millionen übersteigt. In Nizza sind 500 ausgeloste Fans im Start- und Zielbereich zugelassen, die Teampräsentation auf der Place Massena dürfen 1500 Zuschauer sitzend verfolgen - Frankreichs Großveranstaltungslimit liegt bei 5000 Personen.

An neuralgischen Tour-Punkten werden deshalb Zugangskontrollen eingerichtet, Wohnmobile sind am Berg verboten, nur Fußgänger und Rad zugelassen. Die beliebte Werbekarawane wird halbiert, Fans haben diesmal keinen Zugang zum Teambus-Bereich, Autogramme und Selfies sind untersagt. Masken am Streckenrand schreibt laut Prudhomme „gesunder Menschenverstand“ vor: „Die Party wird etwas weniger schön als sonst werden, aber unter den Masken dennoch stattfinden.“

Den Ernstfall konnte Prudhomme nur im Kleinen proben lassen, die Tour-Dimensionen sind nicht simulierbar. Klassikerstar John Degenkolb nimmt dennoch die ASO in die Pflicht. „Man macht sich Gedanken über mögliche Spätfolgen einer Covid-Infektion“, sagte der Thüringer der Sport Bild: „Wir wollen keine Versuchskaninchen sein.“

Dass Zweifel durchaus berechtigt sind, zeigte Mitte August die deutlich kleinere, auch von der ASO veranstaltete Dauphine-Rundfahrt. Mehrere Fahrer beschwerten sich, dass viele Fans auf Sicherheitsgebote pfiffen. „An Start und Ziel haben die Fans Masken getragen, an den Anstiegen waren die meisten ohne“, sagte der irische Sunweb-Profi Nicholas Roche: „So etwas sollte zur Tour in Ordnung gebracht werden.“ (sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare