+
Ein verhängnisvolles Foto: Mesut Özil und Recep Tayyip Erdogan.

DFB

Ein Jahr nach Kasan: Atmosphäre des Aufbruchs

  • schließen

Kasan am 27. Juni 2018 war ein Tiefpunkt für den deutschen Fußball und das, was vom Miteinander im Land noch geblieben ist. Der Aufbruch beschränkt sich aber auf den Sport. 

Es war, heute vor genau einem Jahr, ein sonniger, schwül-warmer Nachmittag in Kasan, ausgerechnet jener Stadt an der Wolga, in der Muslime und Christen in inzwischen vorbildlicher Eintracht gemeinsam leben. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, innerbetrieblich längst zerrissen im Konflikt um den Mittelfeldspieler Mesut Özil und dessen nicht nur das DFB-Team spaltende Annäherung an den türkischen Präsidenten Erdogan, spielte gegen Südkorea um das Weiterkommen ins Achtelfinale der Weltmeisterschaft. Am Ende stand ein 0:2. Aus und vorbei. Tags darauf versagte im Sonderflieger der Gedemütigten in die Heimat sogar die Bordtoilette in der Businessclass. Das passte.

Acht Jahre zuvor, im Soccer City Stadion von Johannesburg gegen Ghana, hatte Özil Deutschland und die Welt noch verzaubert mit seinem Weitschusstor zum 1:0, das seinem Geburtsland das Vorrücken in die WM-Endrunde und globale Hochachtung bescherte. 2018 in Russland blieb Özil weitgehend unsichtbar, wie fast alle seiner Mitspieler, von dem ihm einige fremd geworden waren. Hinterher, noch im Stadion, wurde er von vermeintlichen Fans beschimpft, ohne dass jemand bereit gewesen wäre, sich breitschultrig verbal schützend vor ihn zu stellen. Dieser Schutz blieb ihm vorenthalten, und daran waren beileibe nicht nur die anderen Schuld. Seitdem ist Mesut Özil, der vormalige Vorzeigetürke, ein Phantom hierzulande.

Es ist viel zerbrochen im Sommer 2018, und Joachim Löw, der Bundestrainer, kann von Glück sagen, dass er selbst, ebenso wie Manager Oliver Bierhoff, so erstaunlich unversehrt aus der allseits unschönen Angelegenheit herausgekommen ist. Den Großteil der Kritik bekam Reinhard Grindel ab, der unbeliebte Präsident, der wahrscheinlich am wenigsten dafür konnte, dass sie den Fall Özil alle miteinander orientierungslos an die Wand gefahren hatten. Im deutschen Fußball ist Grindel, wie Özil, inzwischen abgeschlossene Vergangenheit.

Auch Joachim Löw konnte den Bruch mit seinem vormaligen Lieblingsspieler Özil nicht wieder zukleistern, wohl aber das sportliche Missverständnis übertünchen. Er hatte fundamental an Autorität eingebüßt, die er sich nun mühsam zurückzuerobern versucht. Er ist seit einem Jahr kein Weltmeistertrainer mehr, sondern ganz im Gegenteil einer, der es erst mal wieder beweisen muss. Die notwendige Häutung ging er zunächst zaudernd an, irgendwann war er endlich so weit, den Druck von außen und die eigene Selbsterkenntnis so übereinanderzulegen, dass es wieder zu passen scheint mit ihm als Bundestrainer.

Dafür waren weitere Opfer notwendig, sie heißen Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng. Erst mit dem unfreiwilligen Rückzug der beherrschenden Alphatiere – ähnlich dem Jahr 2010 mit dem seinerseits arg verletzten und dann niemals zurückgekehrten Kapitän Michael Ballack – sind im DFB-Team wieder Kräfte freigeworden, die für neue Dynamik nicht nur auf dem Spielfeld sorgen. Es herrscht, ein Jahr nach der Abbruchstimmung von Kasan, eine Atmosphäre des Aufbruchs. Es ist eine neue Bubenhaftigkeit eingekehrt. Die deutsche U21-Nationalmannschaft steht dafür in diesen Tagen symbolhaft. Aber niemand sollte verkennen, wie wenig aus den Jahrgängen danach erwachsen dürfte, das Toptalent Kai Havertz ausdrücklich ausgenommen,

Kasan am 27. Juni 2018 war eine Zäsur. Ein Tiefpunkt für den deutschen Fußball und das, was vom Miteinander im Land noch geblieben ist. Der Aufbruch beschränkt sich auf den Sport. Die Fliehkräfte, die der Fall Özil dokumentierte, sind zu groß.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion