Bundestrainer Joachim Löw und sein Assistent Marcus Sorg haben noch mehr Taktik-Trockeneinheiten in Kleingruppen und noch mehr Einzelgespräche angesetzt als ohnehin gewohnt.
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Bundestrainer Joachim Löw und sein Assistent Marcus Sorg haben noch mehr Taktik-Trockeneinheiten in Kleingruppen und noch mehr Einzelgespräche angesetzt als ohnehin gewohnt. Foto: dpa

Länderspiel

DFB: Fußball im Zwangskorsett

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Das DFB-Team spielt mit einer B-Elf gegen die Türkei, die Stammkräfte sind danach zweimal in der Nations League gefordert – es geht um viel Geld.

Es ist schon eine gemeine Herausforderung für einen Bundestrainer, sich durch die Tücken der Corona-Pandemie zu kämpfen. Weil im Frühjahr und Sommer Länderspiele ausfielen, die Joachim Löw gern gespielt hätte, muss seine Mannschaft nun im Herbst Länderspiele austragen, auf die er lieber verzichtet hätte. Jeweils drei binnen sieben Tagen, dreimal im Oktober und dreimal im November. So eine Häufung gab es noch nie, der nette Herr Löw ist daraufhin etwas weniger nett geworden und hat erläutert, dass er lieber mehr trainiert und weniger gespielt hätte.

Aber das geht nicht, es braucht diesen Fußball im Zwangskorsett, weil frisches Geld in die nicht mehr ganz so üppig gefüllte Kasse muss - auch, damit der DFB pünktlich das Bundestrainergehalt überweisen kann. Also spielt Deutschland nicht nur Samstag in der Nations League in der Ukraine und im selben Wettbewerb am Dienstag gegen die Schweiz, sondern auch am heutigen Mittwoch (20.45 Uhr/RTL) zu Übungszwecken gegen die Türkei. So ein Spiel hat in einer längst vergangenen Zeit mal für ein brodelndes Berliner Olympiastadion mit der Bundeskanzlerin neben dem türkischen Präsidenten Erdogan auf der Tribüne und der lieben Frau Merkel danach neben einem verdutzten Mesut Özil in der Kabine gesorgt. Schön war´s, zehn Jahre ist es her.

Diesmal droht Tristesse: eine wohl leere Kölner Arena, weil die Infektionszahlen zu hoch sind, ein Gegner in der Krise, es geht nicht um Punkte - und bei den Gastgebern dürfen dreiviertel der Stammkräfte sich noch ausruhen.

Um die Tage nicht noch komplizierter zu gestalten, als sie ohnehin schon sind, hat der Verband die beiden Heimspiele gegen die Türken und nächste Woche gegen die Eidgenossen in die Kölner Fußballarena vergeben. Zwischendurch geht es „mal kurz in die Ukraine“, wie Manager Oliver Bierhoff sagt. Die zwei Etagen der Herberge am Rheinufer werden einfach durchgebucht. Hygienisch soll das Konzept einwandfrei sein, weshalb die eilig durchgetesteten Spieler keine Autogramme geben dürfen und auch nicht raus an die Uferpromenade sollten. Und schon gar nicht rüber über den breiten Fluss Richtung Bahnhofsviertel und Innenstadt. Auch Besuch - etwa von Beratern oder Freunden - ist nicht gestattet.

All das wiederum bedeutet, dass der riesengroße Kader, der nach der verletzungsbedingten Absage des Schalkers Suat Serdar noch 28 Spieler umfasst, bei Laune gehalten werden will. Löw und sein Assistent Marcus Sorg haben deshalb noch mehr Taktik-Trockeneinheiten in Kleingruppen und noch mehr Einzelgespräche angesetzt als ohnehin gewohnt. Alles steht unter der Überschrift der taktischen, physischen und psychischen Vorbereitung auf die verschobene EM im nächsten Sommer, vor der man trotz des engen Terminplans auch nicht aufs Trainingslager in Seefeld/Tirol verzichten möchte. Was die Tage in Köln angeht, verkündet Co-Trainer Sorg, dass sie sich alle miteinander unheimlich freuen, zusammen sein zu dürfen. „Die Spieler haben richtig Bock auf die Nationalmannschaft.“

Aber sie sollen natürlich auch gesund zu ihren ohnehin wegen der Auslandsreisen in Corona-Hotspots verschreckten Vereinen zurückkehren, weshalb das moderne Thema Belastungssteuerung auch im DFB-Team eine große Rolle spielt. Die nominierten sieben Profis aus München und Leipzig sowie Toni Kroos aus Madrid und Antonio Rüdiger und Timo Werner aus London brauchten erst am Dienstagabend anzureisen. „Wir sind uns absolut der Situation und unserer Verantwortung bewusst – und wir haben Lösungen“, sagt der Bundestrainer. Kroos, Kimmich, Klostermann und Co. werden allesamt gegen die Türkei noch nicht mitspielen. Dass ein Nationalspieler dreimal binnen sieben Tagen eingesetzt wird, „macht keinen Sinn“, sagt Manager Bierhoff. Es handele sich dabei keineswegs um einen Kotau vor den Klubs: „Der erste Gedanke ist dabei nicht, wie wir am besten den Vereinen entgegen kommen, sondern die Frage: Was ist das Beste für die Spieler?“ Eine klug austarierte Work-Life-Balance gehört in diesen schwierigen Zeiten umso mehr dazu. Die Nations League ist wichtiger als der Türken-Test. Da will Löw mit voller Kapelle dabei sein. Einen Abstieg gilt es zu vermeiden, das wäre neben einem erneuten Imageverlust weder sportlich noch wirtschaftlich gut für den Verband.

Dass gegen die Türkei unbedingt gespielt werden muss (und im November zusätzlich zu zweimal Nations League gegen die Ukraine und in Spanien noch gegen Tschechien in Leipzig) hat etwas mit den millionenschweren Verträgen zu tun, die der DFB gemeinsam mit der Uefa unterschrieben hat. Binnen vier Jahren sind 40 Länderspiele zu absolvieren, wie Bierhoff erläuterte. Jedes Spiel hat einen Gegenwert von rund zwölf Millionen Euro. Die Uefa ist Verpflichtungen bei TV-Anstalten und Sponsoren eingegangen und muss diese trotz Coronavirus erfüllen. Es besteht also noch Nachholbedarf aus dem Frühjahr und Sommer, weshalb es auch im kommenden März wieder drei Länderspiele in einer Woche geben wird.

Joachim Löw hat sich inzwischen damit abgefunden, das Beste aus der Situation zu machen, für die niemand etwas kann. Heißt gegen die Türkei, dass ziemlich sicher Mo Dahoud, Jonas Hofmann und Florian Neuhaus debütieren werden, um auf diesem Niveau zu zeigen, was sie draufhaben. Julian Draxler soll die B-Elf anführen.

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