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Joachim Löw bei einer Pressekonferenz.

Deutsche Nationalmannschaft

DFB-Team: Irgendwo im Nirgendwo

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Bundestrainer Joachim Löw ist hin- und hergerissen zwischen Freude über die Energie des jungen DFB-Teams und Frust über viele Verletzte.

Joachim Löw war ein wenig zu früh erschienen. Noch musste Matthias Ginter in dem fensterlosen Raum auf dem Podium drängende Fragen beantworten, der Bundestrainer geriet so in eine Warteposition, die er mit dem Rücken zur Wand überbrückte. Das Bild hätte die Situation im Sommer 2018 nach dem WM-Aus gut beschrieben, und auch vor zwölf Monaten mit einer historischen Negativstatistik von sechs Niederlagen und nur vier Siegen für das ganze Kalenderjahr, hätte das Löw-mit-dem-Rücken-zur-Wand-Bild passgenau gegen das berühmte Jogi-lässig-an-der-Laterne-Gemälde von Sotschi aus dem Juni 2018 geschnitten werden können. Und jetzt, im Spätherbst 2019? Steht der Bundestrainer mit seinem Team und mit dem ganzen großen Verband irgendwo im Nirgendwo.

Am Samstagabend (20.45 Uhr, RTL) wird Deutschland gegen Weißrussland sein EM-Qualifikationsspiel gewinnen. Daran lässt der seit dreizehnkommafünf Jahren amtierende Bundestrainer keinen begründeten Zweifel. Aber schon der Blick ein wenig weiter nach vorn, zum paneuropäischen Endturnier um die Fußballkrone des ganzen Kontinents, gerät nebulöser. Einerseits bedeutet Löw, 2019 sei eine Art verlorenes Jahr gewesen wegen der vielen, vielen Verletzten - deren Neun sind es diesmal - und der Folge, dass ein neues Deutschland sich so ja gar nicht finden kann. Dass ihn das extrem stört, rutscht dem 59-Jährigen nur in wohldosiertem Frust mal raus, aber es passiert dennoch regelmäßig. Dagegen stellt der erfahrene Öffentlichkeitsarbeiter dann jeweils ein wahres Füllhorn an Lob darüber, wie ungeheuer viel Energie in der jungen Truppe stecke und wie viel Disziplin und Bereitschaft, sich entwickeln zu wollen, „obwohl es manchmal etwas wacklig war“.

EM-Favoriten sind andere

Das „etwas wacklig“ beschreibt die Situation ganz gut. Weil das so und nicht anders ist und Löw fast ein bisschen nostalgisch wird, wenn er davon spricht, „wie wir jahrelang eingespielt waren“, ehe der Bruch im Sommer/Herbst/Winter 2018 erfolgte, dürfte Deutschland auch bei der EM 2020 nicht zu den Favoriten gehören. Der Bundestrainer zählt die Franzosen auf, die Engländer, dazu Spanien und die Niederlande (und hätte Belgien ruhig noch hinzufügen können) - alle derzeit wohl besser als seine Mannschaft.

Eine Mannschaft, die mitverantwortlich ist für das angegriffene Image des Verbands, den sie vertritt und den manche Schatten der Vergangenheit hartnäckig verfolgen. Aufbruchstimmung scheint der ewige Bundes-Jogi im Volk nicht erzeugen zu können. In Mönchengladbach, wo am Samstag gespielt wird, bleiben nicht zum ersten Mal viele Plätze frei. Ganz neu ist das ehrlicherweise also nicht: Schon bei Bastian Schweinsteigers Abschiedsspiel im August 2016 waren ganze Blöcke abgehängt worden, auf denen keine Zuschauer saßen.

Bei Oliver Bierhoff, dem verantwortliche Manager, wirkt die Gemütslage aufs Marketing bezogen ähnlich indifferent wie beim Bundestrainer in dessen sportlicher Verantwortung. Ja schon, das Jahr sei bestimmt „zufriedenstellend“ gewesen, und dann das große Aber: „Wir müssen uns im Fußball bewusst sein, dass die Zeiten nicht leichter werden und dass wir mehr tun müssen, um das Niveau zu halten.“ Auch im Zusammenspiel mit Sponsoren mahnt Bierhoff mehr Engagement an, wiewohl diese dem DFB (vor allem dank neuer Verträge mit Volkswagen und Adidas) fast verdoppelte Einnahmen aus diesem Bereich bescheren.

In dieser Sowohl-als-auch-Stimmung, die mehr November und weniger Juni-Juli-August erspüren lässt, befindet sich die Nationalmannschaft derzeit. Joachim Löw erwartet gegen die drittklassigen Weißrussen ein hochgradig seriöses Angriffsspiel. Wie ernst er die Angelegenheit nimmt, wird anhand der Torwartposition deutlich: In einem Gespräch am Freitagmorgen hat er den Kandidaten Manuel Neuer und André ter Stegen bedeutet, wer wann spielt. Nämlich Neuer in ter Stegens vormaliger Heimatstätte Mönchengladbach, ter Stegen erst am Dienstagabend in Frankfurt gegen Nordirland, wenn mutmaßlich der Käse gegessen ist.

Sicher ist das nicht, was dem einen oder anderen Spieler aber noch mathematisch präzise eingebimst werden muss. Timo Werner und Joshua Kimmich gaben sich zuletzt leicht verwirrt, was die Modalitäten der Qualifikation angeht. Beide Spieler glaubten, ihrer Mannschaft reiche gegen Weißrussland ein Sieg, um sich sicher für die EM-Endrunde zu qualifizieren. Tatsache ist jedoch, dass die Niederlande gleichzeitig in Nordirland mindestens einen Zähler holen müssen, damit dieses Szenario eintritt. Der „Kicker“ kommentierte daraufhin ein wenig oberlehrerhaft: „Eklatante Wissenslücken bei Werner und Kimmich.“ Dabei denken beide, wie vom Chefcoach vorgegeben, nur von Spiel zu Spiel.

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