+
Am Ende war der Druck zu groß: Reinhard Grindel verlässt am Dienstag die Verbandszentrale.

DFB-Präsident

Der Schleudersitz beim DFB ist wieder frei

  • schließen

Nach Reinhard Grindel braucht der Deutsche Fußball-Bund weit mehr als nur einen neuen Präsidenten. 

Am Ende konnte Reinhard Grindel noch um das kämpfen, was von seiner Ehre vielleicht noch übrig geblieben war. Fünf Minuten, nachdem der Deutsche Fußball-Bund in einer Pressemitteilung und auf seiner Homepage im Internet den sofortigen Rücktritt des DFB-Präsidenten bekanntgegeben hatte, veröffentlichte der 57-Jährige Reinhard Grindel über die gleichen Kanäle eine persönliche Erklärung und verlas sie auch selbst vor Journalisten in Frankfurt. Er entschuldigte sich für „wenig vorbildliches Handeln“, indem er eine rund 6000 Euro teure Luxusuhr von einem vormaligen ukrainischen Verbandskollegen angenommen und nicht deklariert habe, und er fügte fast flehentlich an: „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht geldgierig bin.“

Seine Würde hatte Reinhard Grindel zu diesem Zeitpunkt schon verloren. Am Abend zuvor, bei der feierlichen Eröffnung der „Hall of Fame“ des deutschen Fußballs im Dortmunder Fußballmuseum, hatte er den roten Teppich gemieden und war durch Nebeneingänge ins und später wieder aus dem Gebäude auf den Bahnhofsvorplatz gelangt. Er hatte dabei, wie schon am Morgen beim Telefonat mit der Frankfurter Rundschau, resigniert gewirkt. Denn er wusste zu diesem Zeitpunkt längst, dass er nach knapp drei Jahren an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes nun nicht mehr tragbar sein würde.

Reinhard Grindel: Schwache Verteidigungsrede über „reines Privatgeschenk“

Denn um 19.20 Uhr hatte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ dem DFB sechs Fragen über die teure Uhr übermittelt, die Grindel 2017 zum Geburtstag vom Fußball-Oligarchen Grigori Surkis geschenkt bekommen hatte, ohne dies spätestens im Nachgang bei den Regelwächtern von Uefa, Fifa und DFB (und übrigens auch nicht beim deutschen Zoll) anzugeben. Er sei „fassungslos“ über diesen Fehler, beteuerte Grindel.

Das waren die Kollegen, Generalsekretär Friedrich Curtius und der Compliance-Beauftragte Jörg Englisch, im DFB auch, als sie am Montagmorgen in der DFB-Zentrale vom Präsidenten über den Vorgang in Kenntnis gesetzt wurden. Denn, darüber herrschte Einigkeit, natürlich hätte der Chef doch unbedingt wissen müssen, dass die Annahme teurer Uhren die Regeln des Anstands („Compliance“) verletzt. Zumal in den ohnehin übel beleumundeten internationalen Fußballgremien, wo Top-Funktionäre sich in der Vergangenheit gegenseitig an einer unerträglichen Selbstbedienungsmentalität gelabt hatten.

Grindel argumentierte schwach, er sei von einem „reinen Privatgeschenk“ ausgegangen. Aber er wurde natürlich gewahr, dass er seine eigenen hehren Vorgaben an Transparenz und Regeltreue unterlaufen hatte. Tags darauf schrieb er demütig von einem „schweren Versäumnis“, das er sich nur so erklären könne, dass „ich zutiefst davon überzeugt war, dass ich nichts Unrechtes tue, und im Stress des Amtes einfach zu wenig hinterfragt habe“.

Beim DBF herrscht Erleichterung über Grindel-Rücktritt

Nach dem Gespräch mit Curtius und Englisch war klar: Grindel, ohnehin zermürbt wegen eines zuvor öffentlich unbekannten zusätzlichen Jahreseinkommens von 78.000 Euro zwischen Juli 2016 und Juli 2017, würde zeitnah zurücktreten müssen. Nur die Bedingungen und Form der Bekanntmachung mussten noch geklärt werden. Das geschah dann bis zum Dienstagmittag, 14.25 Uhr nach einer Telefonkonferenz, in der Grindel die führenden Präsidiumskollegen über seinen alternativlosen Entschluss informierte.

Der Kommentar: Reinhard Grindel - am eigenen Anspruch gescheitert

Im Grunde sind sie im DFB allseits erleichtert, dass Grindels Dauerlauf durch Fettnäpfchen durch die Uhren-Affäre, die das randvolle Fass endgültig zum Überlaufen brachte, nun beendet ist. Man war sich im Verband und bei der mächtigen Deutschen Fußball-Liga schon länger einig, dass Grindel zunehmend eine Belastung für den ohnehin nach der Özil-Affäre, dem kapitalen Scheitern in der WM-Vorrunde und dem schwächlichen Auftreten deutscher Klubmannschaften in der Champions League reichlich belasteten deutschen Fußball darstellte. Es wollte nur niemand laut sagen.

DFL-Präsident Reinhard Rauball sagte recht gerade heraus im Bezug auf Grindel: „Der Druck auf seine Person ist in den vergangenen Wochen auf unterschiedlichen Ebenen permanent gestiegen. Es ist daher im Sinne des deutschen Fußballs und seiner Handlungsfähigkeit, den Weg für einen personellen, aber auch strukturellen Neuanfang innerhalb des DFB frei zu machen.“

In der einem derartigen Rücktritt angemessenen Wortakrobatik von Grindels Stellvertreter Rainer Koch hörte sich das so an: „Reinhard Grindel hat sich mit hohem persönlichem Engagement für den DFB eingebracht und nicht nur in der Bewerbung um die Euro 2024 viel für den Verband getan. Wir sind ihm dafür sehr dankbar und haben großen Respekt vor seiner Entscheidung.“ Man muss nicht noch drauftreten, wenn einer am Boden liegt.

Grindel behält die Ämter bei Fifa und Uefa

Bis zum DFB-Bundestag, der am 27. September in Frankfurt stattfinden soll, wird der unermüdlich für die Interessen der Amateure zuständige Bayer Koch gemeinsam mit dem Westfalen Reinhard Rauball in dessen Funktion als Präsident der in der Deutschen Fußball-Liga zusammengeschlossenen 36 Bundesligisten die Führung des Verbandes interimsmäßig übernehmen. Grindel seinerseits darf seine personengebundenen internationalen und mit zusammen einer halben Million Euro pro anno dotierten Ämter in den Regierungen des Weltverbandes Fifa und des europäischen Verbandes Uefa weiterführen. Wie es nun heißt, „in enger Abstimmung mit dem DFB“.

Die Interimschefs Koch und Rauball geben sich zuversichtlich, bis September einen geeigneten Nachfolger aufzutreiben, der „sowohl vom DFB als auch von der DFL getragen“ werde – und nicht aus dem Präsidium kommen soll. Das dürfte sich schwierig gestalten. Der Job ist nach dem wenig ehrenvollen Scheitern von Wolfgang Niersbach im November 2015 und nun von Grindel zum Schleudersitz geworden. Immerhin haben DFB und DFL erkannt, dass auch am Umfeld gearbeitet werden muss, in dem sich ein DFB-Präsident bewegen muss und dabei selbst ein Workaholic wie Grindel an seine Grenzen stößt.

Rauball, 71, der altersbedingt im August sein DFL-Chefamt aufgeben wird, sagte dementsprechend: „Nicht nur sportlich, sondern auch mit Blick auf die Positionierung in der Gesellschaft steht der DFB vor enormen Herausforderungen. Ziel muss es dabei sein, jenseits von Einzelinteressen immer nach den besten Lösungen zu streben.“ Das war Grindel misslungen. Er ging „tief erschüttert“.

Das könnte Sie auch interessieren:

DFB sucht neuen Präsidenten: Wer folgt auf Grindel?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare