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DFB-Frauen verlieren Finale und sind trotzdem Siegerinnen

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Von: Frank Hellmann

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Freud und Leid liegen nah beieinander: Chloe Kelly (Mitte) trifft in der Verlängerung für England, die DFB-Spielerinnen können es kaum fassen. dpa
Freud und Leid liegen nah beieinander: Chloe Kelly (Mitte) trifft in der Verlängerung für England, die DFB-Spielerinnen können es kaum fassen. dpa © dpa

Was für ein Spektakel im Fußballtempel Wembley: England und Deutschland liefern sich vor der EM-Rekordkulisse ein spannendes Duell - mit einem Happy End für die Gastgeberinnen.

Es war 19.32 Uhr Ortszeit in London, als die Spielerinnen in den grünen Trikots reihenweise auf den heiligen Rasen sanken. Torhüterin Merle Frohms war dabei diejenige, die gar nicht mehr aufstehen wollte, aber auch viele ihrer Vorderleute weinten hemmungslos. Letztlich blieb ein großer Kampf der deutschen Fußballerinnen unbelohnt. Im EM-Finale gegen England zogen die DFB-Frauen unglücklich mit 1:2 (1:1, 0:0) nach Verlängerung den Kürzeren. Im neunten Endspiel war es die erste Niederlage für den Rekordeuropameister. Nach dem Rückstand von Ella Toone (56.) hatten die Gäste zwar erst durch Lina Magull (79.) die Verlängerung erzwungen, aber die eingewechselte Chloe Kelly versetzte die Kultstätte Wembley in einen Jubelrausch (111.).

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg versuchte, das Resultat mit Fassung zu tragen – so schwer es ihr auch fiel. „Wir waren nah dran, vor allem nach dem 1:1. Es ist am Ende mega-unglücklich. Aber England hat ein herausragendes Turnier gespielt und im eigenen Land dem Druck standgehalten. Wir können sehr stolz sein.“ Trotzdem haderte sie auch mit der unsicheren Schiedsrichterin Kateryna Monsul aus der Ukraine, die in der ersten Halbzeit einmal nicht auf Handspiel entschied. „Ja, Handspiel, das muss man sehen“, sagte die Bundestrainerin. Wenn die Situation im englischen Strafraum wie angegeben tatsächlich vom VAR gecheckt wurde, „versteht man die Entscheidung gar nicht“, so die 54-Jährige.

Fast schon trotzig formte Torschützin Magull nach dem Abpfiff ein Herz in Richtung der deutschen Fans unter den 87 192 Zuschauenden. Magull und ihre Mitspielerinnen schauten verdutzt, als der ganze Konfettiregen versehentlich auf sie herabwehte, der doch eigentlich den Siegerinnen gewidmet war. Als Englands Kapitänin Leah Williamson um kurz vor 20 Uhr die begehrte Silberware empfing, wackelte auf dem Podest der bunte Bogen. Die Hymne „Football’s Coming Home“ dröhnte gefühlt über die ganze Insel. Die Ehrenrunde der „Lionesses“ wurde von ohrenbetäubenden Jubelchören begleitet.

Für die Verliererinnen war das Drama ohne Happy End nur schwer zu ertragen. „Es tut unfassbar weh, wir haben 120 Minuten alles gegeben, alles reingeworfen“, sagte Ersatzkapitänin Svenja Huth. „Wir müssen das jetzt erstmal einen Moment sacken lassen. Natürlich sind wir trotzdem stolz, dass wir viele Menschen erreichen konnten.“ Später beim Bankett draußen in der Grafschaft Hertfordshire sind dann noch viele aufbauende Worte gefolgt. „Die Mannschaft hat das ganze Land in den letzten Wochen in einen kleinen Rausch versetzt“, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Die Bundestrainerin war nach Spielende zuerst zu Torhüterin Frohms geeilt, um ihr aufzuhelfen. Voss-Tecklenburg muss sich damit trösten, dass ihre Gemeinschaft auch ohne Trophäe viel gewonnen hat – die Herzen von Millionen neuer Fans in der Heimat. „Wir sind in einem Prozess, es hat nicht ganz gereicht. Also müssen wir noch ein bisschen mehr tun. Wir wachsen an solchen Spielen.“ Und die Qualität ist groß genug, um optimistisch die nächsten Aufgaben anzugehen. Bereits im nächsten Sommer steigt die WM in Australien und Neuseeland.

So wie das Vorprogramm mit der englischen Popsängerin Betty Hill mit reichlich Knalleffekten begann, war das deutsche Aufwärmen mit einem Schockmoment zu Ende gegangen: Ausgerechnet Kapitänin Alexandra Popp musste mit muskulären Problemen ganz kurzfristig passen – die 31-Jährige entschied selbst, dass ihr Mitwirken keinen Sinn machte. Dafür rückte Lea Schüller erstmals nach ihrer überstandenen Covid-Infektion in die Startelf.

Doch Popps Präsenz fehlte natürlich. Die Engländerinnen stellten das druckvollere Team, aber abgesehen von einem Direktschuss der Rekordtorjägerin Ellen White (38.) hatten die Gastgeberinnen kaum eine klare Chance. Aber auch dem deutschen Team fehlte es lange an offensiven Lösungen.

Bei der besten Chance spitzelte Magull den Ball mit der Fußspitze knapp am Tor vorbei (50.). Keine Frage, die DFB-Elf war im zweiten Durchgang zeitweise viel besser in diesem Showdown drin. Doch dann brachte die englische Trainerin Sarina Wiegman Alessia Russo und Toone, die prompt nach einem Traumpass von Keira Walsh unhaltbar den Ball über Frohms zum 1:0 in die Maschen hob. Doch Deutschland schlug zurück: Hatte Magull erst noch das Lattenkreuz getroffen (66.), machte es die technische starke Mittelfeldspielerin und beste Deutsche an diesem Abend nach einem Spielzug über die eingewechselten Sydney Lohmann und Tabea Waßmuth beim 1:1 noch besser.

Die Verlängerung lief insofern nicht gut, dass die angeschlagene Abwehrchefin Marina Hegering passen musste. Vielleicht ein Faktor, dass nach einer Ecke von Lauren Hemp beim DFB-Team die Orientierung verloren ging? Der Ball prallte jedenfalls über einige Umwege zu Kelly – und die Siegtorschützin riss sich nach ihrem erfolgreichen Abschluss das Stück Stoff vom Leib wie einst Simone Laudehr beim deutschen WM-Triumph 2007 in China.

Ein Bild, das im Mutterland des Fußballs nun wohl für ewig in Erinnerung bleiben wird.

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