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Neuer DFB-Campus in Frankfurt: Sterneschmiede des deutschen Fußballs eröffnet

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Von: Jan Christian Müller

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Hier soll nicht weniger entstehen als das nächste deutsche Sommermärchen.
Hier soll nicht weniger entstehen als das nächste deutsche Sommermärchen. Kadawittfeld Architektur © Kadawittfeld Architektur

Der DFB-Campus eröffnet in Frankfurt als neues Zentrum des deutschen Fußballs – eine Art Labor für den Erfolg soll es werden. Ist das nur ehrgeizig gedacht oder auch ehrgeizig gemacht?

Frankfurt - Es gibt nicht viele Menschen, die beim Blick zurück davon sprechen können, dass sie das geschafft haben, was man „Lebenswerk“ zu nennen pflegt. Oliver Bierhoff gehört sicher nicht zu den beliebtesten Leuten im Land; tatsächlich scheiden sich an dem seit 18 Jahren für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) tätigen 54-Jährigen die Geister, aber eines kann man ihm sicher nicht absprechen: Dass er gleich mehrere Lebenswerke vollbracht hat. 1996 als Joker mit seinem „Golden Goal“ zum EM-Titel im Londoner Wembley-Stadion, 2014 als Manager der deutschen Weltmeister im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro und nun, im Sommer 2022, an allerdings weniger geschichtsträchtigem Fußballstandort: der Kennedyallee 274 in Frankfurt am Main, wo an diesem Donnerstag, dem letzten Tag im Juni, feierlich der monströse DFB-Campus auf der stillgelegten Galopprennbahn eröffnet wird.

Bierhoff wird natürlich dabei sein. Es ist keineswegs übertrieben, den Mann, der schon immer gerne groß gedacht hat, als Vater der Idee anzusehen, vom DFB ein solches, mit Innenleben mehr als 150 Millionen Euro teures Zuhause auf 15 Hektar (so groß wie 20 Fußballplätze) bauen zu lassen. Bierhoff hat dafür fast 15 Jahre lang dicke Bretter gebohrt, und nach wie vor gibt es - vielleicht nicht zu Unrecht? - Leute in den 21 Landesverbänden, die skeptisch sind, ob Aufwand und Ertrag in einem gesunden Verhältnis stehen werden. Was es noch zu beweisen gilt.

DFB-Campus in Frankfurt: Ein riesiges Fußball-Labor soll es werden

Der DFB-Campus ist als neues Zentrum des deutschen Fußballs vorgesehen. Eine Ideenschmiede, ein riesiges Fußballlabor, ein Innovationstreiber, ein regelmäßiger Treffpunkt der klügsten Fußballmenschen im Land, in Europa und in der ganzen Welt. So stellt Bierhoff sich das vor, dessen längst schon eingerichtetes, lichtdurchflutetes Büro mit Blick auf die Trainingsplätze allerdings bisher meist verwaist geblieben ist. Erstens, weil er viel unterwegs ist, und zweitens, weil er vornehm am Starnberger See residiert, ein bisschen weit ab vom Schuss.

Die Plätze sind fertig angelegt. Die letzten Bagger befinden sich vor der Frankfurter Skyline auf dem Rückzug.
Die Plätze sind fertig angelegt. Die letzten Bagger befinden sich vor der Frankfurter Skyline auf dem Rückzug. © Cindy Rangelow/DFB

In Frankfurt, im Herzen von Europa, ist der 1900 gegründete DFB (nach Dortmund, Kiel und Berlin) seit 1951 zu Hause, Anfangs mit acht Leuten im Westend, von 1957 bis 1974 mit zunächst 19 Angestellten in der Zeppelinallee in Bockenheim, ehe der Umzug in die Otto-Fleck-Schneise hinter das Waldstadion erfolgte. Dort, am Rande des Frankfurter Stadtwalds, ist seit dem Umzug mit rund 500 DFB-Mitarbeiter:innen auf die Galopprennbahn nun das Organisationskomitee der Europameisterschaft 2024 untergebracht. Es hätte besser kaum passen können.

Es ist an alles gedacht beim DFB-Campus - auch an Stromtankstellen für E-Autos

Neulich, als die Medien auf dem Campus herumgeführt wurden und noch überall gewerkelt wurde, fehlte: Oliver Bierhoff. Saß bleichgesichtig mit einer Corona-Infektion daheim in Bayern. Also führte sein Akademieleiter Tobias Haupt, ein ziemlich kluger Professor im Bereich Sportmanagement, durchs Gebäude. Haupt sprach von einem „Quantensprung für den gesamten DFB“ und erläuterte das Motto des architektonisch sehr offen gestalteten Gebäudes: „Der Sport kommt durchs Haus.“ Man soll den Fußball an jeder Stelle spüren.

Große Terrassen sind auf die top gepflegten Sportplätze gerichtet. Bauleiter Winfried Nass gehört zu den Leuten, die niemals Stress ausstrahlen. Er ist gestählt, hat schon im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends die benachbarte WM-Arena pünktlich als Projektleiter fertiggestellt. „Am 1. Juli gehen wir hier in Vollbetrieb.“ Klar gab es ein paar Probleme. Vor allem wegen Corona und wegen des Kriegs in der Ukraine. Ein Beispiel: „Wir haben hier auch Holz aus Russland verbaut, das in der Ukraine veredelt wurde.“ Sie mussten ein bisschen experimentieren.

Juristischer Streit

Um das Gelände der ehemaligen Frankfurter Galopprennbahn hatte es jahrelang erbitterten Streit gegeben. 2014 hatte die Stadt dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) das Gelände für sein neues Leistungszentrum angeboten. Doch der Frankfurter Renn-Klub wollte seine Galopprennbahn nicht aufgeben. Ein Bürgerentscheid bekam 2015 nicht genug Unterschriften. Danach folgte ein juristisches Tauziehen um unzählige Einzelheiten. Zuletzt ging es noch um den Abriss eines Holzhäuschens, in dem Schokolade verkauft wurde. Die Stadt schätzt die Zahl der Einzelverfahren auf knapp zwei Dutzend.

Der Renn-Klub um Carl-Philip Graf zu Solms-Wildenfels klagte bis zum Bundesgerichtshof. Dieser entschied 2018, dass der Renn-Klub das Gelände herausgeben muss. Kurz darauf rückten die Abrissbagger an, um die Tribüne einzureißen. 2019 bekam der DFB seine Baugenehmigung. dpa

DFB-Campus in Frankfurt: Nur die Nationalmannschaft fehlt noch

Und sie haben sich bestens vorbereitet: Nicht weniger als 200 Leistungszentren weltweit hat der gebürtige Frankfurter DFB-Sportchef Joti Chatzialexiou begutachtet, um in seiner Heimatstadt ein perfektes Zentrum für den deutschen Fußball zu errichten. Es gibt eine Großspielfeld-Indoorhalle - wie vom Weltverband Fifa verlangt 12,80 Meter hoch - mit Kunstrasenbelag, es gibt Konferenz- und Schulungsräume, einen 190 Quadratmeter großen Pressekonferenzsaal, Bistro, Fitnessbereich, Saunen, einen Laufparcours, einen sogenannten Hightech-Performance-Center (Techlab), wo neue Geräte und modernste Software ausprobiert werden, ein Parkhaus mit 345 Stellplätzen, 200 Fahrradabstellplätze, Stromtankstellen für Autos und E-Bikes, Zimmer zur Übernachtung. Und es gibt einen langen Gang, der sich komplett durch das Gebäude hindurchzieht: den „Boulevard“.

Apropos Zimmer zur Übernachtung. Warum trifft sich die A-Nationalmannschaft nicht hier, da man doch schon so viel Geld für das trotz Corona und Ukraine-Krieg lediglich um ein halbes Jahr verspätet fertiggestellte Projekt ausgegeben hat? Die Antwort: Weil es nicht passt für den von Bundestrainer Hansi Flick angeführten Mammuttross mit 70 Leuten. 33 Doppelzimmer hat man im neuen Athletenhaus, das reicht nicht für alle Spieler, Trainer und Betreuer:innen des A-Teams.

DFB-Campus in Frankfurt: „Wir hatten nur 150 Millionen Euro zur Verfügung“

„Das ist kein Planungsfehler“, beteuert Georg Behlau, der Mann mit dem sperrigen Titel Leiter Management Nationalmannschaften. „Wir haben betriebswirtschaftlich gedacht.“ Hätte man die Elitetruppe regelmäßig hier untergebracht, wäre der Bau noch einmal deutlich teurer gewesen, zumal für die Komfort gewohnten A-Nationalspieler dann die Zimmer einen anderen Standard als den eines besseren Internats haben müssten. „Wir mussten Prioritäten setzen, wir hatten nur 150 Millionen Euro zur Verfügung“, sagt Behlau. Wobei das „nur“ durchaus relativ zu interpretieren ist. Ursprünglich war der Campus mal deutlich bescheidener mit kaum einem Drittel des aktuellen Etats in unmittelbarer Nähe des Waldstadions geplant.

Die neue trägerfreie Fußballhalle, 110 mal 65 Meter groß und fast 13 Meter hoch. iDFB/Thomas Böcker
Die neue trägerfreie Fußballhalle, 110 mal 65 Meter groß und fast 13 Meter hoch. © Cindy Rangelow/DFB

Aber natürlich soll die Nationalmannschaft trotzdem profitieren von diesem neuen Prunkbau und der DFB-Akademie, deren Chef Tobias Haupt ist. „Wir arbeiten alle auf Sommermärchen 2.0 hin“, sagt der Fußball-Professor. Das findet mit der EM 2024 in Deutschland statt. Die Perspektive gehe aber natürlich weit über dieses Großereignis hinaus.

Die Probleme im Nachwuchsbereich sind offenkundig. Tobias Haupt hat festgestellt: „Spannenderweise können wir von den kleineren Ländern lernen.“ Joti Chatzialexiou erklärt: „Die machen aus weniger Spielern viel, weil sie Spieler entwickeln und nicht aussortieren.“ Die DFB-Akademie soll Trainer:innen auch das Knowhow vermitteln, den Nachwuchs besser zu fördern. „Das soll hier kein Campus nur für den Elitefußball sein, sondern für den gesamten deutschen Fußball“, beteuert Tobias Haupt, „wir wollen die Basis hier integrieren.“

Die Frauen-Nationalmannschaft hat den Rasen auf dem DFB-Campus schon mal ausprobiert

Man wird sehen, ob das gelingt. Viele aus dem Amateurlager sind da eher skeptisch. Denn keiner steht mehr für den Elitefußball als der genau dafür an der Basis notorisch verdächtige Oliver Bierhoff,

Die Geschäftsstelle ist aus der Otto-Fleck-Schneise schon seit Mitte März umgezogen, der Betrieb in den neuen Räumen also längst aufgenommen worden. Anfangs konnte es durchaus vorkommen, dass während einer Besprechung die Tür aufging und ein Maler begann, eine Wand zu streichen. Tobias Haupt schwärmt von der „positiven Energie“ des natürlich auch energetisch nach neuestem Stand der Wissenschaft errichteten Campus. „Wer einmal hier war, will wiederkommen.“

Die Frauen-Nationalmannschaft durfte Anfang Juni schon ein paarmal auf den bestens gepflegten Rasenplätzen, für deren Pflege eigens ein Greenkeeper verpflichtet wurde, vorab trainieren - und war begeistert. Am 9. Oktober steht an der Kennedyallee 274 die erste ganz große Herausforderung über den Normalbetrieb hinaus an. An dem Tag wird in der Frankfurter Festhalle die Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen für die Endrunde 2024 in Deutschland stattfinden, am Abend lädt Ausrichter DFB in seine neue Heimat zur großen Gala mit 700 Gästen, Jetzt muss es der Verband nur noch schaffen, auch sportlich wieder am ganz großen Rad zu drehen.

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