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Der zwölfte Mann und noch mehr Inklusion

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Von: Jürgen Streicher

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Der 12. Mann von TuSpo Nassau Beilstein.Foto: PRD
Der 12. Mann von TuSpo Nassau Beilstein. © PRD

Schlappekicker-Preis 2022 der Frankfurter Rundschau geht diesmal an zwei Vereine: Freude bei TuSpo Nassau Beilstein und SV Altenmittlau

W ir probieren das mal.“ Mit diesem Satz hat schon viel Gutes angefangen. Wenn in der ländlichen Gemeinde Altenmittlau bei den Fußballern des örtlichen SV dieser Satz fällt, dann werden ziemlich schnell Nägel mit Köpfen gemacht. Wie man im Hessischen in der Nähe der bayerischen Grenze so schön sagt. Weil sie die Vereinsarbeit lieben, „schnell Feuer und Flamme sind bei guten Ideen“, wie es Thomas Priebsch nennt, einer der umtriebigen Geister im SV Altenmittlau. Tommy heißt er da nur, ist Vorstandsmitglied und als Lehrer ausgeguckt für Kommunikation. Die Philosophie ist klar definiert: „Wir sehen Bedarf, eine Not, dann sind wir schnell im Handeln.“

Der Krieg im Dorf

Gerade wächst in dem in unmittelbarer Nachbarschaft von Gelnhausen gelegenen Altenmittlau eine neue Flüchtlingsunterkunft aus Containern zwischen dem Vereinssportplatz an den „Rohrwiesen“ und der großen „Freigerichthalle“. Auch da werde sich der Klub engagieren, sagt Priebsch, schließlich wolle man „als Verein jeden Teil der Gesellschaft abbilden“. Es sei eine große Chance, „sich sozial zu engagieren, unbürokratisch und zeitnah zu helfen“. Wie im späten Frühjahr, als die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine kamen. Plötzlich waren auch die Folgen des Krieges über Umwege ins Dorf mit den 2400 Einwohnern gekommen. Traumatisierte Menschen, viele Kinder. Schnell wurden die Einnahmen eines Spieltages samt Spendenaktion bei einem Torwandschießen der örtlichen Ukraine-Hilfe übergeben, vor allem aber die Menschen eingeladen.

Fortan kamen ukrainische Kinder zum Kicken mit der Altenmittlauer Jugend, ausgestattet mit Schuhen und anderen Sportsachen. Parallel dazu gab es ein Netzwerktreffen für ihre Eltern und Erwachsene. Mit Übersetzer natürlich. Man kennt sich im Dorf, 350 Mitglieder gehören dem Verein an. Da wurde schnell der Mann einer Kollegin von Priebsch an der Kopernikus-Gesamtschule mit ukrainischer Herkunft aufgetrieben, Fachleute aus der Gemeindeverwaltung, potenzielle Vermieter. Wichtige Anliegen wie Wohnen, Jobs, Schulanträge konnten geklärt werden. Viele der Ukraine-Flüchtlinge sieht man jetzt häufig auf der Sportanlage. Kleine Hilfen, große Dankbarkeit. „Wir möchten mit diesen Aktionen auch anderen Vereinen Mut machen, sich zu engagieren und sich zu trauen, etwas zu unternehmen“, so Tommy Priebsch. Der SV Altenmittlau ist ein würdiger Empfänger – und das ist etwas ganz Neues – von einem der beiden Schlappekicker-Preise 2022 der FR-Aktion.

Ukraine-Hilfe aus Altenmittlau. Foto: PRD
Ukraine-Hilfe aus Altenmittlau. © PRD

Weil zwei Vereine auf der Kandidatenliste in diesem Jahr für die Vergabe der Schlappekicker-Trophäe weit oben standen, hat sich die Jury nach intensiver Beratung ausnahmsweise für zwei Gewinner entschieden. Der Vorstand hat dann aus der Schlappekicker-Kasse noch 1000 Euro draufgelegt, so dass die beiden Siegervereine nun jeweils 3000 Euro erhalten. Neben den Fußballern aus Niedermittlau ist das der Klub TuSpo Nassau Beilstein, der im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis zu Hause ist.

Natur und Sport vereinen

Auch am Rand des östlichen Westerwaldes mit seinen Höhen und idyllischen Tälern sind viele kreative Köpfe aktiv. „Natur und Sport gemeinsam mit Kindern in Einklang bringen“, so lautet der schon vor Jahren formulierte Anspruch. Das Ziel Nachhaltigkeit schwingt in allen Aktionen von der Gewässerreinigung bis zu Baumpflanzungen mit, von den 1500 Menschen im größten Ortsteil von Greifenstein mit der Burg aus dem 12. Jahrhundert sind 640 eingetragene Mitglieder. Die Vernetzung ist gewachsen, mit anderen Vereinen und einigen Umweltorganisationen sowie der Grundschule im Ort ist die Zahl der Helfer:innen weiter gestiegen. Im Gesamtvorstand des Vereins ist der frühere Vorsitzende Klaus Herrmann jetzt „Projektleiter Natur und Sport“.

Für intensive Aktivitäten im Klima- und Umweltschutz wurde der Verein bereits mit einem Schlappekicker-Förderpreis gewürdigt, jetzt wird er auch stolzer Gewinner des Schlappekicker-Preises und freut sich, dass weitere 3000 Euro in seiner Kasse klingeln. Auch beim neuesten, erst vor wenigen Wochen gestarteten Projekt steht Natur und Sport im Fokus. Der Verein will nun verstärkt „Menschen mit Handicap nahebringen“, sagt Klaus Herrmann. Neuer Partner ist das „Wohnhaus Burg Beilstein“ für Menschen mit Behinderung. Speziell dessen Bewohner:innen sind zu den Kursen Yoga im Park und Nordic Walking eingeladen. Der Verein stellt die Ausrüstung und wird das Preisgeld dazu verwenden, das spezielle Angebot auszubauen.

Ein Bewohner der Burg gehört längst zum Verein. Mario Leukel ist schon seit Jahren der „Zwölfte Mann“ bei den Kreisoberliga-Fußballern der TuSpo 1920 Nassau Beilstein. Er ist immer der Eifrigste im Training, zum Einsatz kommt er allerdings nie. Da sind Grenzen gesetzt, denn Mario Leukel hat eine geistige Behinderung. Aber er ist immer dabei, sitzt im Trikot auf der Bank, ist Fan und Daumendrücker. „Nicht nur wegen seiner stets guten Laune ist er ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft“, sagt Klaus Herrmann. Auf dieser Ebene treffen sich die Vereine aus Beilstein und Altenmittlau.

Einfach machen

Weil Tommy Priebsch ausgebildeter Sonderpädagoge für Sport ist, hat er mal in der „Aumühle“ gearbeitet, einer Einrichtung mit Gärtnerei für Menschen mit Behinderung in Darmstadt-Wixhausen. „Wir probieren das mal“, haben sie auch damals im Verein gesagt, als er die Idee einbrachte, ein Inklusionsprojekt daraus zu machen. Flugs wurde ein gemeinsames Trainingslager mit Fußballern aus der Aumühle an einem Wochenende organisiert und ein Treffen pro Quartal vereinbart. Entwickelt hat sich ein „unkompliziertes Verhältnis“, sagt Priebsch, die Aumühlen-Jungs kommen auch mal zu einem Spiel auf den Sportplatz auf den Rohrwiesen und bleiben dann nach dem Abpfiff noch zum Austausch. „Wir haben es einfach gemacht.“ So ist das in Altenmittlau und Beilstein.

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