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Läuft die 100 Meter in 10,08 Sekunden: Deniz Almas.

Sprinter Deniz Almas

Der „Turbotürke“ dreht auf

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Deniz Almas ist Topfavorit bei den deutschen Titelkämpfen und sagt: „Damit kann ich umgehen.“ Er kratzt am deutschen 100-Meter-Rekord.

Deniz Almas hat sich in diesem Jahr ein bisschen mehr gequält als sonst. „Ich hatte Olympia und die EM als Ziel. Davon profitiere ich jetzt“, sagt der Kurzsprinter des VfL Wolfsburg. Dabei, sagt der 23-Jährige, sei er eigentlich kein Trainingsweltmeister und schon gar nicht einer der besten beim Üben. „Ich bin aber so gut durchgekommen wie nie und konnte so gut trainieren wie nie“, erklärt Almas, der Sportwissenschaften in Leipzig studiert. In Sachsen gab es relativ schnell eine Ausnahmegenehmigung für die Top-Athleten, so dass er unter Einhaltung gewisser Hygieneregeln voll trainieren konnte. Das hat sich ausgezahlt.

Am Samstag lief er in Weinheim in 10,08 Sekunden bei 1,4 Metern pro Sekunde Rückenwind über die Ziellinie – neue persönliche Bestzeit und die schnellste Zeit eines Deutschen, seit Julian Reus im Juli 2016 den deutschen Rekord in 10,01 Sekunden aufgestellt hat. „Ich bin ganz baff. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben“, sagt er. Mit dem Lauf hat sich Almas zum Topfavoriten bei den nationalen Titelkämpfen in Braunschweig (8. und 9. August) aufgeschwungen und sich an die Spitze der DLV-Bestenliste vor Joshua Hartmann (10,14 Sekunden) und Julian Reus gesetzt (10,24). „Das ist gut so“, sagt Almas. „Damit kann ich umgehen.“ Bereits in Dresden war Almas eine 10,24 gelaufen. Vor drei Wochen musste er sich im direkten Duell mit Reus in Wetzlar geschlagen geben, holte sich aber bei dem Meeting in Hessen auch noch eine persönliche Bestzeit über die 200 Meter ab (20,88 Sekunden), die er zuletzt vor drei Jahren gerannt war. Ob Almas die mittlere Sprintstrecke auch in Braunschweig laufen wird, will er kurzfristig entscheiden.

2018 war ein Seuchenjahr

Deniz Tim Almas ist an einem Punkt in seiner Karriere angelangt, an dem er schon früher hatte sein wollen. Der Sohn einer Deutschen und eines Türken, der in einem 2500-Einwohner großen Dorf in der schwäbischen Provinz in der Nähe von Calw groß geworden ist, gehörte 2017 mit 10,33 Sekunden über die 100 Meter zur nationalen und europäischen Spitze in seinem Jahrgang. Der Turbotürke, wie er sich scherzhaft - obwohl er kein Türkisch spricht - auf seinen sozialen Kanälen nennt, erlebte 2018 ein echtes „Seuchenjahr“.

Bei der deutschen Hallen-Meisterschaft zog er sich im Januar im Finale einen Muskelfaserriss an der linken Oberschenkelrückseite zu. Einen Monat später verletzte er sich im Training am rechten Oberschenkel. Wieder hieß es: Muskelfaserriss „Ich hatte aber das Gefühl, dass da ein bisschen mehr kaputtgegangen ist“, sagt Almas. Also konsultierte er einen Spezialisten in Erfurt, der einen Muskelbündelriss diagnostizierte, zudem war eine Sehne angerissen. Dreieinhalb Monate Pause. Als Schlag ins Gesicht, bezeichnet Almas den langen Ausfall wegen einer Fehldiagnose. Er fiel aus der Sportförderung und musste umdenken.

Der langjährige Wolfsburger Sprinter Sven Knipphals holte Almas, der bis dato für den VfL Sindelfingen an den Start ging, zu den „Wölfen“. So kam Almas erstmal finanziell über die Runden. Auch der Wechsel nach Leipzig für sein Studium, wo er bei Roland Stein und Alexander John sowie mittlerweile auch Kipphals trainiert, hat sich gelohnt. Nach dem Verletzungspech musste er zunächst die „Dysbalancen“ aus seinem Körper bekommen. Wegen Fehlern beim Muskelaufbau in der Jugendzeit, war sein rechtes Bein um rund 20 Prozent stärker als sein linkes Bein. Außerdem war der Stoffwechsel in beiden Beinen ziemlich schlecht.

Schritt für Schritt ging es bergauf. Almas wurde wieder schneller, holte 2019 mit der U23 Gold mit der 4x100-Meter-Staffel und erhielt einen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Der vorläufige Höhepunkt folgte im Februar: Bei der deutschen Hallenmeisterschaft holte er sich beim Heimspiel in Leipzig in 6,60 Sekunden den Titel.

Nach den 10,24 Sekunden in Dresden setzte sich Almas auch die Ziele über die 100 Meter höher: „Ich will mit der Staffel zu Olympia und dann nicht nur Zuschauer sein“, sagt er. Die Kadernorm hat er nach seinem fulminanten Spurt in Weinheim erfüllt. Von einem Olympia-Einzelstart wagte der 1,74-Meter-Mann kürzlich noch nicht zu träumen. „10,05 Sekunden ist die Norm, das ist schon ein Brett. Zwei Zehntel binnen eines Jahres schneller zu werden, das sind Welten, auch wenn man bedenkt, dass ich meine alte Bestzeit jetzt um neun Hundertstel verbessert habe – binnen drei Jahren“, erklärte er nach seinem Lauf in Dresden. Jetzt sind es aber nur noch drei Hundertstel bis dahin.

Nach der Deutschen Meisterschaft will Almas noch ein paar Meetings laufen, ehe sich sein Fokus voll auf das Jahr 2021 richtet. Dafür wird er sich im Training vielleicht sogar ein Stückchen mehr quälen als in diesem Jahr.

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