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„Der Sport ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Hier in Lausanne entscheidet sich bald das Schicksal des russischen Sports.
Hier in Lausanne entscheidet sich bald das Schicksal des russischen Sports. © Dominic Favre/dpa

Annett Rombach, Frankfurter Rechtsanwältin und Schiedsrichterin am Internationalen Sportgerichtshof CAS, spricht im Interview über die Herausforderungen der Sanktionen gegen Russlands Sport.

Frau Rombach, auch der Sport durchlebt durch die Corona-Krise und nun den Krieg turbulente Zeiten. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Sportjuristin aus?

Die Unruhe und Entscheidungen im Sport haben sich auch auf unsere Beratungspraxis unmittelbar ausgewirkt. Der Sport ist immer auch ein Spiegelbild gesellschaftspolitischer Entwicklungen. Seit Beginn der Corona-Krise bemerken wir einen deutlich erhöhten Bedarf an juristischer Expertise. In unserer Kanzlei beraten wir Einzelsportler, Klubs und Verbände. Die Fragestellungen waren und sind dabei sehr vielschichtig: Dürfen Klubs oder Verbände eine Impflicht für Fußballprofis anordnen? Welche Auswirkungen haben sogenannte Geisterspiele auf Stadionpachtverträge zwischen Klubs und Stadionbetreibern? Wie geht man mit einer Mitgliederversammlung in Corona-Zeiten um? Um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein aktueller Fall. Der russische Fußballverband hat beim CAS eine Klage gegen seine Suspendierung durch die Fifa eingereicht. Was passiert jetzt?

Der CAS wird jetzt in relativ kurzer Zeit ein Schiedsgericht konstituieren. Jede Partei, also in dem Fall der russische Fußballverband einerseits und die Fifa andererseits, stellen je einen unparteilichen Schiedsrichter. Der Vorsitzende wird durch den ICAS (eine dem CAS übergeordnete Kontrollinstitution) bestellt. Dieses CAS-Schiedsgericht muss sodann die anwendbaren Verbandsstatuten daraufhin überprüfen, ob es für die Suspendierung eine Rechtsgrundlage gibt. Eine der großen juristischen Fragen wird sein, ob man privaten Verbänden kriegerische Handlungen eines Staates zurechnen kann. Nach dem Austausch von Schriftsätzen wird es in einigen Wochen eine mündliche Verhandlung in Lausanne (Schweiz) geben. Der russische Fußballverband hat daneben auch den Antrag gestellt, seine Suspendierung vorläufig auszusetzen, damit die Nationalmannschaft und russische Teams unmittelbar wieder an Wettkämpfen teilnehmen können. Hierüber wird der CAS jetzt sehr schnell entscheiden. Aufgrund der akuten kriegerischen Handlungen erscheint es mir eher unwahrscheinlich, dass dieser Aussetzungsantrag Erfolg haben wird. Der Vorteil einer Suspendierung im Vergleich zum Totalausschluss ist, dass der Verband Mitglied bleibt und lediglich seine Mitgliedschaftsrechte temporär ausgesetzt werden, während beim Ausschluss die Mitgliedschaft komplett entzogen wird. Bei einem Ende des Krieges könnte die Suspendierung theoretisch sehr schnell wieder aufgehoben werden.

Die Deutsche Vereinigung für Sportrecht moniert die mangelnde Vorbereitung des internationalen Sportrechts. Sanktionstatbestände gegen kriegsführende Staaten gäbe es nicht ausdrücklich.

Dafür gibt es die Gerichte und speziell die Sportschiedsgerichte, die bei neuen Sachverhalten Grundsatzurteile sprechen, die dann – zukunftsweisend – Präzedenzcharakter haben. Das ist aber kein Spezifikum des Sportrechts. Für die Corona-Pandemie gab es auch im Vorhinein keine maßgeschneiderten Regelungen, und zwar weder im Sport noch im sonstigen Wirtschaftsleben. Das ist auch gar nicht notwendig. Es gehört zum Handwerkszeug des Juristen und auch des Sportrechtlers, allgemeine Regelungen und Klauseln, die für eine Vielzahl möglicher Fälle entworfen werden, auf konkrete Sachverhalte anzuwenden. In Vertrags- und Satzungswerken finden sich standardmäßig Regelungen etwa zu höherer Gewalt oder Pflichten zur Beachtung grundlegender Wertvorstellungen und Menschenrechte. Jetzt geht es darum, diese allgemeinen Regelungen in jedem Einzelfall spezifisch zu prüfen und anzuwenden. Eine wichtige Frage ist dabei: Wann ist jemand so involviert, dass man ihm staatliche Handlungen zurechnen und damit einen Ausschluss rechtfertigen kann?

Zur Person

Annett Rombach (41) ist Rechtsanwältin in der Kanzlei Klinkert Rechtsanwälte in Frankfurt und arbeitet unter anderem als Schiedsrichterin beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne (CAS). Rombach berät Profi-Sportler, Vereine und Verbände in allen sportbezogenen juristischen Fragen. FR

Also wirkt es sich für russische Athleten in einem möglichen Rechtsstreit positiv aus, wenn sie sich vom Krieg distanziert haben?

Absolut. Wobei man auch hier sehr differenziert die jeweiligen Äußerungen analysieren muss. Der Tennisspieler Daniil Medwedew hat etwa seinem Wunsch nach Frieden Ausdruck verliehen, und sofort kam die Frage auf, ob das als Distanzierung von der russischen Angriffspolitik ausreicht. Der Internationale Tennisverband geht bisher einen Mittelweg, in dem er russische Spieler weiter an Turnieren teilnehmen lässt, aber nur noch unter neutraler Flagge.

Was denken Sie über den Fall des Formel-1-Fahrers Nikita Masepin, der sich nach seinem Rauswurf eine Klage gegen Ex-Arbeitgeber Haas offenhält?

Herr Masepin hat mit Haas einen Vertrag, den das Team im Grundsatz nur dann außerordentlich kündigen darf, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Das ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der in erster Linie durch die Regelungen des Vertrages ausgefüllt wird. Die zentrale Frage lautet: Ist es für Haas zumutbar, diesen Sportler weiter zu beschäftigen? Nikita Masepin und seinem Vater werden Verbindungen zu Putin nachgesagt, beide stehen mittlerweile auch auf Sanktionslisten. Das spricht für eine Unzumutbarkeit der Fortführung des Vertragsverhältnisses. Masepin wird sich auf die Neutralität des Sports berufen und darauf, dass er als individuelle Person nichts mit dem Krieg eines Staates zu tun hat.

Annett Rombach.
Annett Rombach. © privat

Was sind abgesehen vom Krieg aktuell juristische Fragen, die den Sport beschäftigen?

Da fällt mir sofort das Thema Sports Governance ein. Es geht darum, innerhalb von Sportverbänden demokratische und transparente Strukturen zu schaffen, einen angemessenen Umgang mit Interessenskonflikten zu etablieren, Wertemaßstäbe zu setzen und alle Stakeholder in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Good Governance soll Vetternwirtschaft und Korruption verhindern. Dafür wird auch unabhängiges und qualifiziertes Personal benötigt, mit dem wichtige Positionen noch nicht in allen Verbänden durchgehend besetzt sind. Ein positives Beispiel ist etwa der internationale Boxsportverband IBA, der in den vergangenen Monaten eine umfangreiche Governance Reform unter Einschaltung einer internationalen Expertengruppe, deren Teil ich war, durchgeführt hat. Misswirtschaft wurde beseitigt, neue Organisationsstrukturen in der Verfassung verankert. Kandidaten für wichtige Positionen zum Beispiel im Vorstand müssen umfangreiche Prüfungen durchlaufen. Viele Verbände sind noch immer davon entfernt, grundlegende Standards einer Good Governance zu erfüllen. Aus sportrechtlicher Sicht ist in dieser Hinsicht aber in den letzten Jahren schon viel Arbeit geleistet worden. Wir müssen aber immer noch ein gutes Stück gehen, um in Zukunft Korruptions- und Wettskandale flächendeckend zu beseitigen.“

Interview: Nico-Marius Schmitz

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