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Der Skandal von Acapulco

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Von: Jörg Allmeroth

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Sichtlich schlecht gelaunt: Alexander Zverev.
Sichtlich schlecht gelaunt: Alexander Zverev. © dpa

Tennisstar Alexander Zverev macht sich mit seinem nahezu tätlichen Angriff auf den Stuhlschiedsrichter mehr kaputt als nur die Titelverteidigung in Mexiko

Als Alexander Zverev am Dienstagmorgen um genau 4.54 Uhr sein Einzelmatch gegen den Amerikaner Jenson Brooksby in Acapulco siegreich abgeschlossen hatte, gehörten ihm noch die angenehmen und wohlwollenden Schlagzeilen – für das am spätesten beendete Match in den Aufzeichnungen der ATP-Tour, für einen neuen Weltrekord. 21 Stunden später, um 1.50 Uhr am Mittwoch, war dann allerdings ein Absturz besiegelt, der schmählicher und vernichtender kaum hätte sein können für den deutschen Frontmann. Es war der Moment, in dem Zverev vom Spitzenwettbewerb in der mexikanischen Urlaubsoase in Unehren ausgeschlossen wurde, als Übeltäter, der in der Endphase eines eigentlich belanglosen Doppelmatchs völlig außer Fassung geriet und den italienischen Schiedsrichter Alessandro Germani zuerst schwer beleidigte und dann nahezu tätlich attackierte.

Der Skandal von Acapulco war, milde ausgedrückt, ein erheblicher Rückschlag für die Reputation des Olympiasiegers und deutschen „Sportler des Jahres 2022“. In den Monaten nach seinem Triumphzug von Tokio und auch dem späteren Sieg bei der ATP-WM in Turin hatte der 24-jährige eine Charmeoffensive betrieben und sich vermehrt auf seinem deutschen Heimmarkt den Fans präsentiert, in Abendshows wie „Klein gegen Groß“ in der ARD war er mit gewinnender Anmutung aufgetreten.

Doch mit dem folgenreichen Eklat, dem unglaublichen Kontrollverlust auf einem Nebencourt im fernen Mexiko, holten Zverev alte Imageprobleme ein – und, nicht nur nebenbei, auch die fortlaufende ATP-Ermittlung wegen Vorwürfen häuslicher Gewalt gegen seine ehemalige Freundin Olga Sharipova. Gerade in der neuesten Causa Zverev könnte die ATP daher auch unter einem gewissen Handlungsdruck stehen.

Zverev muss befürchten, neben der Sperre für das ATP-Turnier in Acapulco noch weitere Sanktionen aufgebrummt zu bekommen. Der Vorfall beim Doppelmatch an der Seite seines Freundes Marcelo Melo gegen die britisch-finnische Kombination Lloyd Grasspool/Henri Heliövaara könnte als sogenannter „major incident“ gewertet und eine längere Suspension vom Turniergeschehen nach sich ziehen. Australiens Exzentriker Nick Kyrgios war beispielsweise 2019 allein wegen verbaler Tiraden gegen einen Schiedsrichter für 16 Wochen gesperrt und mit einer Geldstrafe in Höhe von 113 000 US-Dollar belegt worden.

Doch was genau war passiert in den späten Abendstunden des Dienstags, an dem Zverev erst einen Weltrekord aufstellte und dann den bisher dunkelsten Moment seiner Karriere festschrieb? Nach einer Aufholjagd im zweiten Satz von Zverev und Kumpel Melo ging die Doppelpartie vor einem Häuflein unentwegter Fans spätabends in die Verlängerung eines Match-Tiebreaks. Der Brasilianer und der Deutsche gerieten schnell mit 0:5 in Rückstand, holten zum 6:8 auf – und dann krachte es zum ersten Mal gewaltig.

Ein umstrittener Returnball von Glasspool/Heliövaara wird von Referee Germani gut gegeben – zum massiven Ärger von Zverev. Zverev zeigt auf einen Ballabdruck im Aus, raunzt den Schiedsrichter an, dann beschimpft er ihn als „verdammten Idioten“ („fucking idiot“).

Dies hätte schon das Ende der Partie, die automatische Disqualifikation bedeuten können, fast müssen. Doch Germani belässt es bei einer Verwarnung. Die Partie steht nun 9:6 im Match-Tiebreak für den Briten und den Finnen, und Sekunden später, nach einem Ass zum 10:6, ist alles um 23.14 Uhr vorbei. Aber nur beinahe. Denn nach dem obligatorischen Handschlag am Netz, kühl, aber zivilisiert, katapultiert sich Zverev ins Elend hinein. Zweimal schlägt der deutsche Olympiasieger wuchtig mit seinem Schläger auf den Schiedsrichterstuhl ein, und nur weil Referee Germani den Fuß wegzieht, vermeidet er einen körperlichen Treffer. Zverev setzt sich danach auf die Pausenbank, zetert los, Germani habe das „ganze Match zerstört.“ Dann steht er auf und drischt noch ein weiteres Mal auf den Schiedsrichterstuhl ein, in jenem Moment, als Germani gerade herunterklettert.

Am Mittwoch erklärte Zverev sich via Instagram: „Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr ich mein Verhalten während und nach dem gestrigen Doppel bereue. (...) Ich habe mich privat beim Stuhlschiedsrichter entschuldigt, weil mein Ausbruch ihm gegenüber falsch und inakzeptabel war, und ich bin nur von mir selbst enttäuscht.“ Der Versuch, zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Es ist ein Moment, in dem man wieder einmal an eine Mahnung denkt, die Ion Tiriac einst an seinen Schützling Boris Becker ausgesprochen hatte. Man könne sich lange Zeit, über viele Jahre, Respekt und Anerkennung aufbauen, so Tiriac, „aber du kannst alles mit einem Fehler zerstören. An einem Tag.“ Zverevs katastrophaler Black-Out war eher mehr als nur ein Fehler.

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