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Der mit Menschen wirft

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Von: Günter Klein

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Bester Verteidiger in der NHL: Moritz Seider. Foto: AFP
Bester Verteidiger in der NHL: Moritz Seider. © Getty Images via AFP

Moritz Seider hat sich in der nordamerikanischen Eishockeyliga zu einem der weltbesten Verteidiger gemausert.

Als die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft sich bei Olympia in Peking so verzweifelt wie vergeblich um ein geordnetes Aufbauspiel bemühte, wurde offenkundig, wie sehr ihr Moritz Seider fehlte. Der 20-jährige Verteidiger hatte in der NHL zu tun, und aus der wurden über Videoclips seine neuesten Heldentaten transportiert. Die Detroit Red Wings zeigen regelmäßig die besten Szenen des Deutschen, feierten ihn als „Ein-Mann-Unterzahl-Formation“, als er eine halbe Minute den Puck hielt und den Gegner kein Powerplay aufziehen ließ. Oder als er an der Bande gerade einen Pass nach vorne spielte und ein Kontrahent heranrauschte, absprang wie ein Raubtier, um Seider in die Plexiglasumrandung zu schmettern: Er kontrollierte die Scheibe mit einer Hand, fuhr kurz den anderen Arm aus – und der Angreifer prallte ab. Rick Goldmann, Eishockey-Erklärer der Deutschen auf verschiedenen TV-Kanälen, war mal wieder begeistert über die Spielart Seiders: „Er schmeißt mit Menschen um sich.“

Der größte deutsche Star in der NHL ist Leon Draisaitl, doch es zeichnet sich ab, dass nicht nur einer der besten Stürmer ein Deutscher ist, sondern auch einer der Top-Verteidiger. Moritz Seider hat gute Chancen, zum herausragendsten Neuling in der Profiliga gewählt zu werden, sein Potenzial übersteigt das seiner Landsleute, die bisher prägend gewesen waren in der NHL: Uwe Krupp, der zweimal den Stanley Cup gewann, und Dennis Seidenberg – auch er holte die höchste Trophy –, waren Defensivarbeiter, Christian Ehrhoff hatte seine Stärken im Laufen und im Spiel nach vorne – Seider vereinigt alle Qualitäten in sich. Er lenkt das Aufbauspiel und ist von niemandem einzuschüchtern. Clips seiner Checks oder seiner respektlosen Konfrontationen mit Superstars der Kategorie Sydney Crosby sind Social-Media-Hits.

Seider und Seidel

Rick Goldmann, der selbst Verteidiger mit Nordamerika-Erfahrung war, ist beeindruckt davon, wie Moritz Seider sich im Eiltempo in neuen Umgebungen zurechtfinden kann. 2018/19 wurde er in den Profikader der Adler Mannheim aufgenommen, am Ende der Saison war er Deutscher Meister, spielte die WM, wurde zum stärksten deutschen Verteidiger. Die Detroit Red Wings drafteten ihn in der ersten Runde, General Manager Steve Yzerman, Vereinsikone aus den 90er-Jahren, hatte Seider mehrmals in der DEL beobachtet.

2019/20 wurde Seider ins Farmteam Grand Rapids gesteckt, denn mit 18 gelten Abwehrspieler als noch zu grün für die NHL. 2020/21, als unklar war, ob NHL und AHL wegen Corona spielen würden, schickten die Red Wings Seider auf Leihbasis zu Rögle BK ins schwedische Ängelholm. Seider wurde Vizemeister und als bester Verteidiger der hochwertigen Liga ausgezeichnet. Von der anschließenden WM in Riga nahm er ebenfalls den Preis als Top-Abwehrspieler mit. Und nun ist er die Attraktion in der NHL: 52 Spiele, 37 Scorerpunkte. Der Bulldozer mit dem Babyface.

Zu Olympia wäre Seider liebend gerne gereist – nicht nur wegen des Eishockeys. Seine Freundin ist Anna Seidel, die Shorttrackerin. Weil sie sich auf Peking vorbereitete und er seit August in den USA weilt, ist es eine Fernbeziehung. Und wenn drüben die Saison vorbei ist und Detroit wohl trotz Seider die Playoffs verpassen wird, hat er vor, die WM in Finnland zu spielen und dort mit Menschen um sich zu werfen. Erst danach kommt die Liebe.

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