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Ein echter Fighter beim Laufen: Amanal Petros.
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Ein echter Fighter beim Laufen: Amanal Petros.

Marathon

Der mit der Hoffnung läuft

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Rekordhalter Amanal Petros bekämpft die Sorgen um seine Familie in der Kriegsregion Tigray auf seine Art

Tono Kirschbaum hat am Tag danach nur flüchtig den Ausblick auf die Silhouette von Valencia genießen können. Für ausgedehntes Sightseeing blieb dem Heimtrainer von Amanal Petros keine Zeit mehr – der Flieger in die Heimat wartete. Deutschlands Spitzenläufer hat es insofern besser: Weil dessen Freundin gerade ihr Erasmus-Semester in der spanischen Hafenstadt absolviert, bleiben beide noch ein paar Tage. Endlich mal die Beine baumeln lassen, nachdem der 26-Jährige am Sonntag in der selbsternannten „Ciudad del Running“ (Stadt des Laufens) wieder ein Kapitel deutsche Laufgeschichte geschrieben hat. Genau dort, wo er Arne Gabius vor einem Jahr den deutschen Rekord entriss, drückte er nun die Bestmarke um fast eine Minute auf 2:06:27 Stunden. „Harte Arbeit zahlt sich aus. Was für ein unglaublicher Tag. Ich bin so dankbar und stolz auf, was ich bisher geschafft habe“, schrieb der gebürtige Eritreer, der einst mit 16 als Flüchtling nach Deutschland kam.

Und doch plagen das Musterbeispiel für gelungene Integration immer noch große Sorgen. Mutter und beide Schwestern leben in der umkämpften Region Tigray im Norden von Äthiopien. Schon vor einem Jahr war der Athlet des TV Wattenscheid 01 deswegen in großer Sorge, konnte irgendwann über Dritte Kontakt aufnehmen, der nun wieder seit Wochen abgerissen ist. „Das beschäftigt ihn sehr, zumal er auch ein sehr politischer Mensch ist“, erklärt sein Förderer Kirschbaum. Seinen häufig von Albträumen geplagten Schützling macht es traurig, wie wenig sich die Völkergemeinschaft um diese Krisenregion schert – und versucht irgendwie, die missliche Lage als sportlichen Antrieb zu nutzen. „Ich laufe für diejenigen, die vergessen und von anderen nicht gehört werden; für diejenigen, die seit mehr als einem Jahr schreien, um ihren Familien eine Stimme zu geben und doch nicht gehört werden“ schrieb Petros kurz vor seinem Rekordlauf.

Vielleicht hat er deshalb den widrigen Bedingungen fast spielend getrotzt, die sein Trainer als „ideales Segelwetter“ beschrieb. Der Münsteraner Mentor war beim windigen Event genau wie der Berliner Athletenmanager Christoph Kopp vor Ort – und beide ziehen den Hut vor Petros‘ Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen. „Aman lebt und liebt diesen Sport“, erklärt Kirschbaum, „das ist seine Erfüllung und Leidenschaft gleichermaßen.“ Wenn er früh morgens aufstehe, habe ihm der Sportsoldat meist schon die gesammelten Leistungsdaten aus Kenia übermittelt, wo sich der Rekordhalter über Wochen präpariert hat.

Kenia ist die zweite Heimat

Das Läufer-Eldorado Iten auf einer Hochebene im Westen des ostafrikanischen Landes, wo inzwischen nicht nur Heerscharen internationaler Topläufer an der Form feilen, ist so etwas wie sein zweites Zuhause geworden. Der Schweizer Julien Wanders ist in den Trainingsgruppen sein regelmäßiger Begleiter. Die regelmäßig über seine Sozialen Medien geteilten Videoclips von staubigen Pisten vermitteln eine Ahnung, welches hohe Intensität hier angeschlagen wird. Kirschbaum verzichtet längst darauf, die Trainingspläne zu schreiben („das würde nur alles durcheinander bringen“), hat aber geahnt, dass die Leistungsentwicklung für solch einen Coup reichen würde.

Ihm ging es im Vorlauf nur darum, Petros etwas einzubremsen. Eine Taktik, die im Nachhinein nach einer Halbmarathonmarke von knapp über 63 Minuten aufging. „Er hat die nächste Stufe gezündet“, sagt Manager Kopp, der sich sicher ist: „Diese Zeit kann er versilbern, aber noch nicht vergolden.“ Wer Mitte 20 in diesen Sphären läuft, hat im Marathon allerdings das Beste noch vor sich. Und ziemlich realistisch ist auch, dass Petros als erster Deutscher einen Halbmarathon unter einer Stunde schafft. Bei 60:09 Minuten blieb Ende Oktober die Uhr stehen.

Die nächsten 42,195 Kilometer, so planen Trainer und Manager, soll Deutschlands stärkster Langstreckler erst im August 2022 bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in München bestreiten, danach könnte der Marathon Frankfurt Ende Oktober zur Option werden, wo Kopp als Sportlicher Leiter das Elitefeld zusammenstellt. Eine EM-Medaille anzupeilen, ist nicht völlig abwegig, langfristig träumt Petros vom Olympiasieg 2024 in Paris, weil solche Rennen traditionell taktisch geprägt sind. Dieses Jahr gewann Kenias Topstar Eliud Kipchoge nach 2:08:38 Stunden das Marathon-Gold. Wo das Leistungslimit für Petros liegt, ist schwer vorherzusagen. „Eine bis anderthalb Minuten hätte er schon jetzt schneller sein können“, sagt Kirschbaum, „ich will gar keine Grenze mehr bei ihm setzen: Ende offen.“

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