HP_SportSPOD02FRD-B_164900
+
Familienbild: Asano Nagasato, Yuki Nagasato und Genki Nagasato. Imago images

Frauenrechte

Prominente Pionierin

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
    schließen

Die japanische Fußball-Weltmeisterin Yuki Nagasato schließt sich einem Männerteam an und will so Geschlechtergrenzen im Sport einreißen.

Ob sie nur an der Tür klopfen oder sie gleich eintreten will, ist nicht ganz klar. Yuki Nagasato, Fußball-Weltmeisterin von 2011 und 80-fache Torschützin für Turbine Potsdam, den VfL Wolfsburg und den 1.FFC Frankfurt, steht, wie sie selbst schreibt, vor einer Reise ins Ungewisse. „This will be an unknown journey, but I’ll knock this door“, hatte die japanische Stürmerin im September in authentisch ungeschliffenem Englisch auf ihren sozialen Kanälen angekündigt. Anklopfen oder gleich Eintreten? Es geht daraus nicht eindeutig hervor.

Mit besagter Tür, so viel scheint hingegen klar, ist die Grenze zwischen Frauen- und Männerfußball gemeint. Für Erwachsene ist diese seit jeher fest verschlossen. Zu stark entwickelten sich Physis und Dynamik der Geschlechter beim Heranwachsen auseinander, heißt es gemeinhin. So sehr, dass dies auch mit noch so viel Spielintelligenz, Talent und Technik nicht auszugleichen sei. Doch das will Nagasato nicht länger akzeptieren. Als erste Fußballerin schloss sie sich jetzt einer japanischen Herrenmannschaft an.

Zuletzt spielte die 33-Jährige bei den Chicago Red Stars in der NSWL, der Profiliga des US-Frauenfußballs. Bis dort im Frühjahr die neue Saison beginnt, will sie mittels eines Leihgeschäfts mit dem Amateurklub Hayabusa Eleven ihrer Heimatstadt Atsugi für Furore sorgen. Ihr Bruder Genki, der schon in der zweiten japanischen Liga spielte, ist Kapitän der Mannschaft. Fernab der J-League, der höchsten Spielklasse in Japan, konkurrieren sie in der achten Liga. Eine Weltmeisterin mit 132 Länderspielen und 58 Toren geht in die Kreisoberliga – der Wandel beginnt ganz unten.

Beim ersten Pressetermin zurück in Japan gab sie sich vor einem Monat verhalten: „Ehrlich gesagt, wie viel ich bei den Männern beitragen kann, ist noch nicht klar.“ Doch sie machte auch deutlich, dass es ihr um mehr geht, als nur um ein wenig Mitkicken: „Mich haben die Botschaften von Rapinoe bei der Weltmeisterschaft zur Gendergap wirklich inspiriert, und ich habe mich gefragt, ob ich auch eine Zeichen setzen kann für die Gesellschaft.“

Megan Rapinoe, das Vorbild, hatte 2019 nicht nur das US-Team zur Weltmeisterschaft geschossen, sondern sich auch als Sprachrohr einer Klage der US-Frauen für gleiche Bezahlung hervorgetan: „Wir werden nichts akzeptieren außer die gleiche Bezahlung“, hatte sie in Richtung des US-Fußballverbands, der auf der anderen Seite der Klage stand, klar gemacht. Zudem forderte die 35-Jährige mit ihren Mitstreiterinnen gleiche Trainings-, Reise- und Vermarktungsbedingungen für Männer- und Frauenteams. Doch im Mai schmetterte ein US-Gericht die Klage ab.

Yuki Nagasato will nun eine andere Tür aufstoßen und die Trennung nach Geschlechtern im Fußballsport infrage stellen: „Ich will beweisen, dass Frauen auch in einem Männerteam mithalten können. Ich will dabei helfen, eine Gesellschaft zu schaffen, in der es keine Grenzen aufgrund des Geschlechts oder der Abstammung gibt.“

Und sie ist dabei nicht alleine. Eine Stunde war am 29. August gespielt in der Pokalpartie zwischen der den Amateurklubs Foarút und Beetgum, als sich im Sportpark Schatzenburg in der niederländischen Provinz die 19-jährige Ellen Fokkema ihre Stutzen hochzog, das Feld betrat und Geschichte schrieb. Als erste Frau überhaupt spielte sie in einem Männer-Wettbewerb des niederländischen Fußballverbands KNVB mit.

Mädchen und Jungen dürfen in den Niederlanden bis zum Alter von 19 Jahren in gemischten Teams spielen. Beim Wechsel in den Seniorenbereich müssen sich die Mädchen dann einer Frauenmannschaft anschließen oder in der schwächeren B Kategorie des Amateurfußball-Systems spielen. In Deutschland ist es laut DFB-Statuten sogar nur bis zur B-Jugend gestattet, dass Mädchen und Jungen zusammen spielen: „Gemischter Spielbetrieb“ nennt sich die Regelung. Davon profitieren bis heute die meisten deutschen Nationalspielerinnen. DFB-Kapitänin Alexandra Popp hat auf der Eliteschule des Fußballs Berger Feld viele Jahre als einziges Mädchen mit den Talenten des FC Schalke 04 trainiert und sich viel von ihrem Durchsetzungsvermögen angeeignet. Die DFB-Frauen veranstalteten viele Jahre regelmäßig Testspiele gegen männliche Jugendteams, um Robustheit zu schulen – meist fanden diese aber nur hinter verschlossenen Türen statt.

Fokkema hingegen entschied sich ganz bewusst für die Männer. Ein Angebot, ins Frauen-Team des Erstligisten SC Heerenveen zu wechseln, schlug die Jugendnationalspielerin aus. „Seit meinem fünften Lebensjahr spiele ich mit diesen Jungs Fußball, und ich hätte es als sehr schade empfunden, nicht mehr mit dieser Mannschaft spielen zu dürfen“, erklärte sie. Mehrere Anträgen später erlaubte ihr der KNVB im Sommer, zunächst für ein Jahr bei den Herren ihres Heimatklubs mitzuspielen. Dann soll entschieden werden, ob Frauen generell im Herrenfußball zugelassen werden.

Bei Yuki Nagasato stehen die historischen ersten Schritte auf den Rasen noch aus. Bei einem Testspiel wurde sie bereits für die letzten 15 Minuten eingewechselt. Wackelige Handyaufnahmen zeigen sie bei einigen unspektakulären Ballaktionen: einem guten Laufweg in die Tiefe und einem Steckpass, der ihr Potential andeutet, aber nur einen Mitspieler im Abseits erreicht.

Ellen Fokkema wurde am vergangenen Wochenende auch in der Liga beim ersten Sieg ihres Teams eingewechselt. An diesem Wochenende könnte es auch für Yuki Nagasato soweit sein: Das nächste Ligaspiel steht an – und damit wieder die Frage zur eingangs erwähnten Tür: Anklopfen oder Eintreten?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare