Ein letztes Salut aus Paris: Französische Militärjets malen beim Start der Vendée Globe, der Weltumrundung der Solosegler, die Tricolore in den Himmel.
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Ein letztes Salut aus Paris: Französische Militärjets malen beim Start der Vendée Globe, der Weltumrundung der Solosegler, die Tricolore in den Himmel.

Segelrennen

Der Everest der Weltmeere

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Kälte, Schlafentzug, Einsamkeit – zehn Wochen am Stück: Der Hamburger Boris Herrmann erlebt beim härtesten Segelrennen der Welt, der Vendée Globe, das Abenteuer seines Lebens.

Boris Herrmann ist allein, ganz allein. Isoliert auf den Weltmeeren. Atlantik, Pazifik, Indischer Ozean - Stürme, Wellen, Eisberge. Er ist allein, ganz allein auf einem Schiff, ohne Dusche, ohne Klo, dafür mit Wasser, viel Wasser, überall nur Wasser, mehr als zehn Wochen lang.

Boris Herrmann, 39, geboren in Oldenburg, wohnhaft in Hamburg, verheiratet mit Frau Birte, eine Tochter, Marie-Louise, ging am vergangenen Sonntag als erster deutscher Skipper bei der sagenumwobenen Vendée Globe, dem härtesten Segelrennen der Welt, an den Start. Der Klassiker, der in Fachkreisen nur der „Everest der Meere“ genannt wird, zählt neben dem America’s Cup, dem Ocean Race und der olympischen Regatta zu den vier wichtigsten Segelrennen. Sechs Frauen und 27 Männer begannen nun von der französischen Hafenstadt Les Sables-d’Olonne aus ihre rund 45 000 Kilometer lange Reise rund um den Globus. Kampfjets der französischen Luftstreitkräfte donnerten bei strahlendem Sonnenschein noch über die Flotte hinweg, sendeten mit der in die Luft gekritzelten Tricolore ein letztes Salut aus Paris, ehe alle auf sich alleingestellt waren, ganz allein im größten Abenteuer ihres Lebens, mitten auf den Weltmeeren. Umgeben von Wasser, viel Wasser, überall nur Wasser, zehn Wochen lang.

„Einsamkeit wird eine Rolle spielen, aber auch die Länge der Reise an sich ist eine Herausforderung“, sagte Herrmann vor dem Start dem Sportinformationsdienst: „Wenn man da sitzt und denkt: ‚Oh Gott, jetzt habe ich hier schon so viel gekämpft und auf dem Globus nur einen Zentimeter Fortschritt gemacht, und die ganze Erdkugel liegt noch vor mir.‘ Da versuche ich, im Moment zu bleiben und jeden Tag als einzelne Herausforderung anzunehmen.“

Seit 1989 wird die Regatta im Vierjahresrhythmus ausgetragen, anfangs gab es auch einzelne Todesfälle. Dauerte sie früher noch 110 Tage, steht der Rekord aktuell bei 74. Tendenz fallend. Die Furcht fährt dabei stets mit, wenn wie bei Herrmann die 18 Meter lange und fünf Millionen Euro teure Yacht „Seaexplorer“ durch die Wellen pflügt, in Schräglage, der besseren Aerodynamik wegen, mit bis zu 70 Kilometer pro Stunde.

Die Route des Segelrennens.

Herumtreibende Schiffscontainer beispielsweise lassen sich zwar recht gut orten, herumschwimmende Wale zudem mit Signalen verschrecken, kentert das Schiff, soll es sich im besten Fall auch selbst aufrichten – ein Restrisiko aber bleibt. Ließ sich das Wetter für die ersten Stunden und Tage der Weltreise übers Wasser noch einigermaßen exakt vorhersagen, wird das im Verlauf immer komplizierter.

Gestern Mittag waren Herrmann und seine Mitstreiter:innen unweit der Westküste Portugals unterwegs, der Wind hatte sie zuvor von Frankreich aus weiter westlich in den Atlantik hinein getragen als ursprünglich geplant. Ein Hoch hatte den direkteren Weg in Richtung Süden versperrt. Es war zweifelsohne ein schwieriger Beginn, ein Athlet ist bereits aus dem Rennen ausgestiegen. In der Regel erreichen nur die Hälfte der Starterinnen und Starter das Ziel an der französischen Küste wieder. Hilfe dürfen die Solosegler bei ihrer Weltumrundung nicht annehmen, sonst sind sie raus.

Angst sei immer ein Thema, sagt Herrmann, vor allem jene, „einen Fehler zu machen, das Schiff zu überlasten. Es ist ein permanenter innerer Dialog, ein mit sich selbst ins Gericht gehen: Fahre ich langsamer, gebe ich meiner Angst Raum, oder will ich im Wettkampf dabeibleiben?“ Die innere Stimme schreie: „Es kann nicht richtig sein, das Boot muss gleich explodieren. Weil es laut ist, wenn ein acht Tonnen schweres Gerät meterhoch runter auf die Wellen fällt. Man kann sich kaum vorstellen, dass es überhaupt eine Welle übersteht.“

Für die austrainierten Sportler geht es nun vorerst in Richtung Süden weiter, am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika vorbei, dann durchs Polarmeer, steuerbord die Antarktis gelegen. Später soll Australien am Kap Leeuwin backbord passiert werden. Indischer Ozean, Pazifik, Kap Hoorn in Chile, zurück Richtung Norden durch den Atlantik bis an die französische Küste.

Die Abenteuerlust treibe alle an, so Herrmann, „ich bin an der frischen Luft in der Natur aktiv und fühle mich lebendig in der Mitte eines Abenteuers. Alleine zu segeln, ist das Besondere an dieser Sache.“ Und der wenige Schlaf. Maximal eine Stunde am Stück schließt Herrmann seine Augen, bei voller Fahrt, der Autopilot übernimmt. Der Hamburger kauert sich dann in eine Schlafnische, klappt zwei Seitenteile nach oben, damit er eingerollt in seinen wasserabweisenden und extrem wärmenden Schlafsack nicht plötzlich vom Bett kippt.

Das Schiff hüpft derweil weiter über die Wellen, es rummst, es kracht, es knarrt, und Boris Herrmann schläft. Geübt hat er das unter anderem im Straßenverkehr, an roten Ampeln schloss er einfach die Augen, döste sofort ein, und wachte erst vom lauten Hupen der nachfolgenden Autos wieder auf. Auch mit dem Essen ist es so eine Sache, seine Nahrung lagert Herrmann gefriergetrocknet in Tüten. Als Luxus hat er sich Gewürze eingepackt, Chili, Pfeffer und Tabasco – scharf hat er schon immer gemocht.

Nervenstark und austrainiert: Boris Herrmann, 39 Jahre aus Hamburg.

Eine Dusche gibt es auf dem Schiff nicht, in wärmeren Gefilden hilft Herrmann das Spritzwasser weiter, da lässt sich der gröbste Dreck recht leicht abwaschen. Im Polarmeer aber, bei höchstens sechs Grad Wassertemperatur, hält man sich dann doch lieber möglichst fern vom eiskalten Nass. Statt in eine Toilette verrichtet Herrmann seine Notdurft in Eimer mit biologisch abbaubarer Mülltüten, die anschließend über Bord geworfen werden. Alles andere würde zu viel Platz kosten, auch wäre es zusätzliches, nicht gewolltes Gewicht. Ist ja schließlich ein Wettkampf auf Zeit.

Boris Herrmann stören all diese Entbehrungen kaum, das gehört zum Extremsegeln für ihn nun mal dazu. Der 39-Jährige hat bereits etliche Rennen gewonnen. Als Skipper des Yachtclubs Monaco, unter dessen Fahne er segelt, weiß Herrmann daher auch bekannte Persönlichkeiten unter seinen Fans. Prinz Albert von Monaco richtete sich vor dem Start mit netten Worte an ihn, auch Greta Thunberg, die Umweltaktivistin, die Herrmann im August 2019 medienwirksam von Europa nach New York schipperte. „Sie hat mir Glück gewünscht und gesagt, dass auf dem Boot noch versteckte Zeichnungen von ihr sind. Wenn ich ruhige Momente habe, kann ich mal durchs Boot kriechen und sie suchen.“

Ruhige Momente, Einsamkeit – das belastet Herrmann am meisten. Häufig redet er mit sich selbst, manchmal auch mit den Dingen an Bord, mit der Schlafnische, wie kuschlig sie doch sei. Mit dem Segel, wie es die Yacht hervorragend antreibe. Mit dem Autopiloten, den er gerne auch mal „anscheißt“, wenn er nicht so funktioniere, wie er das wolle. Und manchmal nimmt sich Boris Herrmann auch einfach eine Minute und schaut in die Ferne. Wasser, viel Wasser, überall Wasser, zehn Wochen lang.

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