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Der Djoker ist zurück

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Von: Jörg Allmeroth

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Wieder in Down Under: Novak Djokovic. Foto: Imago images
Wieder in Down Under: Novak Djokovic. Foto: Imago images © Imago

Auch ein Jahr nach der Einreisegroteske von Australien heißen nicht alle den ungeimpften Tennis-Superstar Novak Djokovic beim Turnier in Down Under willkommen

Der Mann, der im letzten Jahr dank Novak Djokovic einen kurzen Moment des Ruhms am anderen Ende der Welt genoss, ist dieser Tage gar nicht unterwegs in Australien. Salvatore Caruso, ein 30-jähriger Italiener aus der Zweiten Liga des Welttennis, aktuell nur noch die Nummer 335 der ATP-Hitparade, war vor zwölf Monaten zum vielleicht bizarrsten Lucky Loser seines Sports geworden. Damals war Caruso in der Qualifikation für die Australian Open ausgeschieden, doch auf den allerletzten Drücker rückte er dann doch noch ins Hauptfeld hinein – der sagenhafte Profiteur der grotesken Djokovic-Visumsposse mit all ihren Irrungen und Wirrungen.

Während Djokovic, eskortiert von Grenzbeamten der australischen Regierung, am 16. Januar 2022 in eine Maschine mit Ziel Dubai gesetzt wurde – Verlierer eines juristischen Scharmützels durch mehrere Instanzen -, durfte Signore Caruso wenigstens einen Auftritt beim Grand Slam Down Under absolvieren. Immerhin knapp 60 000 Euro Preisgeld kassierte der Italiener für seine glatte Drei-Satz-Schlappe gegen Djokovics Landsmann Miomir Kecmanovic.

Djokovics selbstherrlicher Einreiseversuch mit einer seltsamen Ausnahmegenehmigung, widersprüchliche Aussagen zu seinem Gesundheitsstatus im Monat zuvor, der Gang vor die Ehrenwerten Richter Anthony Kelly und James Allsop, der Aufenthalt des Weltranglisten-Ersten in einem schmucklosen Abschiebehotel, die politischen Winkelzüge der australischen Regierung rund um die prominente „Persona non grata“ – es ist keineswegs unvergessen für viele auf dem Fünften Kontinent; gerade antworteten in einer Umfrage noch über 40 Prozent in Down Under, der serbische Superstar sei für sie nicht willkommen in Australien.

Denn der Kampf Djokovics gegen Australiens Regierung verlief unter größtem Schlagzeilengetöse, auch nachdem die Behörden schließlich verkündeten, es sei im öffentlichen Interesse und im Sinne des Gesundheitsschutzes, „das Visum von Herrn Djokovic zu widerrufen: „Wir sind dazu angehalten, die australischen Grenzen zu schützen, gerade im Zusammenhang mit der Covid 19-Pandemie.“ Damals waren Djokovics berufliche Weggefährten wenig glücklich über die absurde Affäre, die tagelang alle Aufmerksamkeit konsumierte und Tennis in eine Statistenrolle drängte.

Djokovic polarisiert auch in Profikreisen, oft genug schüttelte etwa Matador Nadal den Kopf über das vernunftferne Gebaren seines harten Rivalen. Mehr Demut sei in der Pandemie angezeigt gewesen und nicht dauernde Extratouren, sagt ein französischer Profi mit deutlich kritischem Fingerzeig Richtung Djokovic, „wir hatten sehr viel Glück, dass wir in den Corona-Jahren fast ohne Einschränkung unserem Beruf nachgehen konnten.“ Er sei gespannt, ob Djokovic tatsächlich bloß mit notorisch „großer PR-Begeisterung“ beim Turnier empfangen werde.

Andererseits ist die Affäre formal längst abgeschlossen, seitdem die neue Regierung die Annullierung des Visums für drei Jahre aufhob und dem ungeimpften Djokovic die Wiedereinreise für die sommerlichen Turniere gestattete. Er selbst hege „keinen Groll“ gegen Land und Leute, sagte Djokovic, der inzwischen schon wieder erfolgreich seiner Arbeit nachging. Beim Vorbereitungsturnier in Adelaide ging der Djoker als Sieger durch die Ziellinie, allerdings offenbarte er dabei im umkämpften Finale gegen den US-Amerikaner Sebastian Korda auch ein dünnes Nervenkostüm. Nach dem verlorenen ersten Satz scheuchte er wütend seinen Bruder Marko aus der Arena heraus, offenbar, weil er nicht energisch genug als Einpeitscher aufgetreten war.

Djokovic ist bekannt für seinen verzehrenden Ehrgeiz. Und genau so für die Hartnäckigkeit, mit der er gewissen Prinzipien und Ideen anhängt. In der Saison 2022 kam es dabei immer wieder zu Kollisionen. Weil der geschmeidige Bewegungskünstler aus Angst vor jedweden Eingriffen an seinem Körper als einziger Top 100-Spieler der Tenniswelt die Covid-Impfung ablehnte, wurde er nicht nur aus Australien abgeschoben, sondern auch von den großen Turnieren in den USA verbannt. Bei den Masters-Wettbewerben auf dem nordamerikanischen Kontinent war er Zaungast, im Herbst konnte er auch bei den US Open nur zuschauen, wie sich die große Meute um den Pokal balgte und der spanische Youngster Carlos Alcaraz sensationell als Gewinner aus den Ausscheidungsspielen hervorging. Immer wieder musste Djokovic seinen insgeheimen Groll, den Ärger über die Verhältnisse unterdrücken und gute Miene zum für ihn bösen Spiel machen. „Meine Entscheidung steht felsenfest. Ich wanke nicht“, sagte Djokovic, einer, der auch eigentümlichen esoterischen Zeitgenossen verbunden war – und ist. Auch nun in Australien betonte er noch einmal, er habe nie an der Richtigkeit seines Vorgehens gezweifelt: „Das Wichtigste ist, bei sich selbst zu bleiben.“

Im letzten Jahr hatte Djokovic nur einmal bei seinem australischen Aufenthalt eine große Zuschauerschar hinter sich versammelt. Knapp 100 000 Zuschauer mühten sich seinerzeit, die etwas sperrige Gerichtsanhörung des Weltranglisten-Ersten übers Internet zu verfolgen. Nun wird Djokovic wieder vor großem Publikum auf angestammtem Terrain ans Handwerk gehen, in der Rod-Laver-Arena, dem Centre Court der Australian Open – zugleich so etwas wie der Garten Eden seiner glänzenden Karriere. Neun seiner inzwischen 21 Grand Slam-Triumphe feierte Djokovic im Stadion nahe des Yarra River, er ist der Rekordgewinner des traditionell ersten Grand Slam-Wettbewerbs der Saison. Der über alle Maßen marketingtüchtige Turnierboss Craig Tiley machte sogar schon wieder einen ersten Deal mit Djokovic noch vor den Knockout-Partien, die am nächsten Montag beginnen. Ein kostenpflichtiges Trainingsmatch mit dem lokalen Bad Boy Nick Kyrgios zugunsten der Australian Open-Stiftung bescherte für den Freitag ein ausverkauftes Haus binnen 56 Minuten.

Djokovic ist wie selbstverständlich der Topfavorit für das kommende Turnier, der Mann, den es ein Jahr nach der schmachvollen Abschiebung zu schlagen gilt. Selbst die Zwangspausen in der Saison 2022 bei den Australian Open und den US Open haben nichts an dem sportlichen Status von Djokovic verändern können: Er ist nicht nur der beherrschende Spieler der vergangenen Dekade, noch vor Rafael Nadal und Roger Federer.

Und er wird aller Voraussicht nach auch schon sehr bald die beiden anderen Mitstreiter aus dem Klub der ehrenwerten Großmeister übertrumpfen. Mit dem Sieg bei den Australian Open 2023 würde Djokovic bereits gleichziehen mit Nadal – beide hätten dann jeweils 22 Grand Slam-Siege im Karrierezeugnis stehen. Roger Federer mit 20 Grand Slam-Erfolgen kann sowieso nicht mehr in das Duell um den Allzeitrekord eingreifen, während bei Nadal die Frage zu stellen ist: Wie lange hält der geschundene, malträtierte, oft verletzte Körper die heftigen Strapazen auf der Tingeltour noch aus?

Ganz erledigt ist das Thema Corona und der eigene Impfstatus ohnehin nicht für Djokovic: Weil in den USA bis zum 30. April weiter Einreiseverbote für ungeimpfte Personen gelten, wird Djokovic etwa bei den Masters-Turnieren in Indian Wells und Miami fehlen.

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