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Der Champion der Champions

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Von: Jörg Allmeroth

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Im Schatten stand Roger Federer nie. Foto: AFP
Im Schatten stand Roger Federer nie. Foto: AFP © AFP

Nach sagenhaften 24 Jahren in der Tretmühle der Tennistour steigt der einzigartige Roger Federer aus.

Es ist ein kühler April-Nachmittag, an dem Roger Federers Mercedes-Limousine sanft auf den Parkplatz eines Züricher Tennisklubs gleitet. Federer hat den relativ verschwiegenen Ort für ein Vier-Augen-Gespräch ausgewählt, weil er hier, unbeobachtet von der Öffentlichkeit, wieder einmal ehrgeizig an einem Comeback arbeitet. Viel wird in den nächsten Stunden von seinen Rückkehrplänen die Rede sein, von Trainingsfortschritten, von Ärzteterminen. Aber ein bisschen Sentimentalität schwingt auch schon bei Federer mit, er weiß, dass seine Zeit auf den Centre Courts und in der Weltspitze begrenzt ist: „Ich habe das Ende vor Augen, ich bin kein Träumer“, sagt er an jenem Tag, „aber das Schönste ist: Ich habe keine Angst vor diesem Moment. Ich weiß, dass alles auch ohne Tennis gut sein wird.“ Einen Spaß gönnt sich Federer dann auch noch, mit Augenzwinkern erklärt er die familiären Verhältnisse für die Zeit nach seiner Tennis-Verrentung so: „Dann ist Mirka die absolute Chefin. Dann richtet sich mein Leben nach ihr.“ Mirka, das ist Mirka Federer, seine Frau.

Noch etwas ist bemerkenswert bei jenem Ortstermin mit Federer (41), typisch für den 20-maligen Grand Slam-Gewinner. Nämlich die absolute Normalität des berühmten Maestros abseits der großen Tennisbühnen, abseits der VIP-Termine und Society-Events. Federer, kein Zweifel, hat seine Prominenz auch genossen und ausgekostet, er war stolz, zu den Riesen da draußen im Universum der Stars und Superstars zu gehören, ein Mann mit Hollywood-Touch, eine Jahrhundertfigur des Sports. Aber er war eben auch völlig unkompliziert, allürenfrei und bar jeder Versuchung, sich für etwas Besseres zu halten, weil er Tennisschläge wie kaum ein Zweiter von seinem Racket zaubern konnte. Im Klub seines Vertrauens begrüßten ihn seinerzeit ein paar zum Sparringsprogramm eingeladene Junioren lässig mit „Hallo, Rog““. Und er parierte: „Hallo z’samme.“ Mit anderen Gästen plauderte Federer dann entspannt bei einem Kaffee über die Champions League, über das damalige Comeback von Tiger Woods und den Rücktritt von Basketball-Riese Dirk Nowitzki. Federer staunte ganz ehrlich: „21 Jahre bei einem Klub, dass es das noch gibt.“

Er war allerdings auch sagenhafte 24 Jahre unterwegs in der Tretmühle der Tennistour, der Mann, der größer als sein Sport war. Und der nun, im September 2022, abtreten wird. Millionen von Kilometer hat er abgeschrubbt, anfangs noch in der Holzklasse der Flugzeuge, später im Privatjet. Als er zum ersten Mal die US Open gewann, fragten die typisch selbstbezogenen US-Amerikaner noch provozierend: „Roger Who (Roger Wer?“ Doch auch den komplizierten US-Markt eroberte der „beste Schweizer Markenartikel seit Swatch und Schokolade“ (FAZ) wie auch den Rest der Welt im Sturm. Spielte Federer im Ashe-Stadion, der größten Tennisarena der Welt, spielten die Amis verrückt – und feuerten nicht ihre eigenen Profis, sondern den Maestro an. Selbst Tony Godsick, sein Agent anfangs beim Vermarktungsgiganten IMG, später der Partner in einer gemeinsamen Firma, traute oft seinen Augen nicht: „Roger ist nicht nur einer der bekanntesten Sportler der Welt und aller Zeiten geworden. Er hat auch seinen Sport selbst dramatisch verändert.“

Federer war in der Tat prägend, so wie nur Björn Borg und Boris Becker in den 70er und 80er Jahren. Und wie Andre Agassi, der Rebell am Racket, im Jahrzehnt vor Federers Aufstieg. Federer war als Weltgröße ab 2003 zunächst allein unterwegs, ehe er sich mit Rafael Nadal, dem spanischen Matador mit dem anfangs piratenartigen Outfit, die Herrschaft teilen musste. Später kam auch noch Novak Djokovic hinzu, der geschmeidige Serbe. Mit der Popularität von Federer und Nadal konnte es der „Djoker“ allerdings nicht aufnehmen, und zwar schon vor seinem querköpfigen Verhalten in letzter Zeit. „Ich bin froh, dass ich dieses ganze Leben ohne Deformationen überstanden habe“, sagte Federer, „selbstverständlich ist das nicht.“ Mit Nadal verbindet ihn eine echte Freundschaft, nächste Woche bei Federers Abschied beim Laver Cup in London wird man sich noch einmal im halbernsten Einsatz wiedersehen.

Talent in Erfolg umzusetzen, in eine grandiose Karriere, gelingt nicht vielen. Auch aus Federers Generation gibt es diese Geschichten des Scheiterns, er habe einige gesehen, so der Maestro, „für die schon in jungen Jahren alles vorbei war.“ Seine Erleichterung über den ersten von 103 Titeln, am 4. Februar 2001 in Mailand, sei „riesengroß“ gewesen: „Es war eine Erlösung von den Zweifeln, die ich hatte. Ich hatte schon mitbekommen, dass es Schlagzeilen gab: Federer wird niemals etwas gewinnen.“ Fast 20 Jahre später dachte der Ex-Weltranglistenerste Federer (u.a. 237 Wochen hintereinander an der Spitze) in Zürich an dieses Turnier, überhaupt an die Karriere zurück – mit der Erkenntnis: „Man braucht vor allem diesen Hunger, immer weiter und immer wieder siegen zu wollen. Du gewinnst ein Turnier ein Mal, zwei Mal. Und du willst mehr. Du darfst nie zufrieden sein.“ Als Junior sei er sehr launisch gewesen, es habe auch Ärger mit den Eltern gegeben, „weil ich nicht genügend gab fürs Tennis“: „Das war schließlich der entscheidende Dreh: Die absolute Hingabe, die Bedingungslosigkeit, die Kompromisslosigkeit. Halbe Sachen kannst du einfach nicht machen.“

Federer hat auch nie Nebenkriegsschauplätze in seinem Tennisleben zugelassen. Es gab keine Skandale, keine Affären, kein nennenswertes Theater mit Offiziellen und Funktionären. Und, auch und vor allem, keine Scharmützel mit Presse, Funk und Fernsehen. Er habe gelernt, den Umgang mit der Presse „als Teil des Jobs“ zu akzeptieren, sagte Federer, „ich habe auch denen in die Augen geschaut, die eine harte Schlagzeile über mich verfassten.“ Wohl niemand in der Tennisgeschichte, wenn nicht in der Sportgeschichte, hat so intensiv durch und mit den Medien kommuniziert – bei den großen Turnieren meist in vier Sprachen über Stunden. Englisch, Französisch, Deutsch, manchmal auch noch Italienisch. Blickte er auf die Konfrontationen von Kollegen mit dem Pressetross, war ihm klar: „Das kostet Kraft, saugt Energie auf. Ist unnötig.“ Der von manchen Kritikern herausgekramte Vorwurf, er sei zu glatt und zu oberflächlich, zielte ins Leere – Federer war schonungslos offen und direkt, wenn es sein musste. Aber es musste halt nicht oft sein.

Federer wurde oft verkannt. Er wurde Genie genannt, Tennis-Gott, der Mozart der Centre Courts. Er allerdings lachte darüber und wusste besser, was hinter diesen Siegen steckte: Ungeheure Selbstdisziplin, Klarheit und strategisch gute Planung der Firma Federer im Wanderzirkus. Die richtigen Menschen an seiner Seite, immer wieder Personalwechsel, auch wenn Trennungen oft richtig weh taten. „Als Profi auf diesem Niveau bist du auch der CEO eines Unternehmens“, sagte Federer, „du stehst im Wettbewerb mit brillanten Konkurrenten. Und wenn du stehen bleibst, hast du schon verloren.“ Doch bei allem persönlichen Ehrgeiz vergaß Federer nie, regelmäßig nächste und übernächste Generationen zu unterstützen. Immer wieder lud er Nachwuchskräfte zu Trainingswochen in die Schweiz oder nach Dubai ein, wo er sein Zweitdomizil aufgeschlagen hatte.

Federer war lange, lange Zeit ein Glückskind in seinem Beruf. Er ging ohne Verletzungen durch seine Karriere, er sah andere, wie seinen Freund Tommy Haas, die durch Verletzungen und Operationen in tiefste Frustration stürzten. Bis Mitte 30 tourte Federer fast pausenlos durch die Spielserien, es kam allerdings auch nicht von ungefähr: „Das Allerwichtigste in diesem Job ist, dass du deinen Körper schützt, auf ihn achtest, wo und wie es nur geht, richtig trainierst.“ Erst 2016, am Rande der Australian Open, ereilte ihn zum ersten Mal ein einschneidendes Malheur – beim Baden eines seiner Kinder rutschte Federer aus, verletzte sich am Meniskus. Er schlug noch einmal großartig zurück, gewann 2017 in Melbourne, dann auch noch in Wimbledon. 2019 war er nahe dran, noch einmal im Theater der Träume in London zu gewinnen, er hatte zwei Matchbälle gegen Djokovic, verlor schließlich im Tiebreak des fünften Satzes 12:13. Aber danach kam er nicht mehr richtig auf die Beine, zuletzt jagte er – zumindest dem Anschein nach – einem Comeback hinterher, das keine sinnvolle Basis mehr hatte.

In Wahrheit hatte er sich aber schon längst vom Tennis emanzipiert. Er genoss die plötzlich übermäßige Zeit mit seiner Familie, mit seiner Frau Mirka, mit den Zwillingstöchtern, mit den Zwillingssöhnen. Seine Kinder seien trauriger als er selbst, „dass ich nicht mehr durch die Welt reise“, sagte Federer. Er widmete sich auch dem weiteren Ausbau seines Imperiums jenseits des Sports, beteiligte sich am erfolgreichen Start-up-Projekt „On“, einem hochwertigen Sportartikelhersteller. Obwohl er nicht mehr auf dem Tennisplatz auftrat und erschien, blieb er der Großverdiener im Tennis – Federer, der Darling der Sponsoren weltweit, der launige Gentleman-Repräsentant von Marken wie Rolex, Mercedes, Uniqlo, Barilla oder dem heimischen Schokoladen-Unternehmen Lindt.

Tennis werde er immer lieben und niemals verlassen, sagte Federer in seiner Abschiedsnachricht – mit etwas erstickter Stimme. Seine Dankbarkeit hatte er einige Zeit zuvor bereits prägnant ausgedrückt, bei einem Treffen in Deutschland: „Ich bin glücklich, so viele Jahre dabei gewesen zu sein, so viele verschiedene Menschen und Charaktere erlebt zu haben“, so Federer, „es ist eine wunderbare Reise gewesen, mit Erfolgen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Als junger Kerl hätte ich gesagt: Einen Grand Slam-Titel zu holen, wäre fantastisch. Und das war auch meine ehrliche Überzeugung.“ Federer hielt inne, bevor er sagte: „Ich erwartete nie und nimmer, mal der Beste werden zu können.“ Der Champion der Champions.

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