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Der alte Mann und die Wüste

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Von: Thomas Kilchenstein

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Grauer Bart, grimmiges Gesicht, scharfes Auge, Stoppuhr - mehr braucht einer wie Hermann Gerland nicht, imago images
Grauer Bart, grimmiges Gesicht, scharfes Auge, Stoppuhr - mehr braucht einer wie Hermann Gerland nicht, imago images © Nico Herbertz/Imago

Hermann Gerland wird Bundestrainer Hansi Flick bei der WM mit Rat, Tat und Kontra zur Seite stehen. Der gebürtige Bochumer hat immer im Schatten anderer gearbeitet, aber wahrscheinlich genau deswegen so erfolgreich.

Über Hermann Gerland, damals noch als Grantler und Schweiger verschrien, hat die „Süddeutsche Zeitung“ einmal das geschrieben: „Im Grunde passt er zum FC Bayern wie ein Männergesangsverein auf eine Technoparty.“

Das würde sie heute, nach insgesamt 25 Jahren Hermann Gerland bei den Bayern, nie und nimmer mehr schreiben. Stattdessen gehen den Edelfedern aus München die Lobeshymnen nicht aus über einen Mann, der in Bochum, wo er früher in 204 Bundesligapartien Waden biss, einst „Eiche“ genannt wurde und in München „Tiger“. Die Wertschätzung freilich ist überall gleich groß. Nun hat Bundestrainer Hansi Flick entschieden, den mittlerweile 68-Jährigen, mit grauem Bart noch eine Spur respekteinflößender, als Co-Trainer mit zur WM nach Katar zu nehmen – ausdrücklich weil er dessen Expertise, Sachverstand und Ehrlichkeit über die Maßen schätzt: „Ich brauche Trainer, die nicht sagen: Toll, Trainer, klasse gemacht, du bist der Beste. Ich möchte Trainer, die auch mal sagen: Hansi, das finde ich jetzt nicht richtig.“ Gerland könne dies „aufgrund seiner großen Erfahrung besonders gut“, begründete Flick, der mit dem gebürtigen Bochumer als Chefcoach bei den Bayern Titel am Fließband holte.

„Hermann hat mit den besten Trainern der Welt gearbeitet“, führte er weiter in der SZ aus. „Wenn er Spiele für uns beobachtet, kann ich mich hundertprozentig auf sein Urteil verlassen. Seine Analysen sind oft ein Genuss.“ Flick lobt aber nicht nur „das gute Auge“ des 68-Jährigen, „auch seine direkte Art wird uns im Turnier guttun“.

Gerland wird nach seinem Abschied von Bayern München im vergangenen Jahr von Flick bereits als Scout für die A-Nationalmannschaft eingesetzt. Darüber hinaus ist er Assistent von Trainer Antonio Di Salvo bei der U21-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Der gebürtige Bochumer, der Whiskey-Cola mag, lieber Bratwurst isst als Sushi, Turnierpferde auf seinem Bauernhof in Marienfeld züchtet und immer geradeaus ist, sich nicht verbiegen lässt, hat immer im Schatten anderer gearbeitet, aber wahrscheinlich genau deswegen so erfolgreich. In Bochum, Nürnberg und Ulm hat er in den 1980er und 90er Jahren als Cheftrainer gearbeitet; seine ganz große Fähigkeit freilich liegt darin, Talente zu entdecken, früher als alle anderen. Etwa Philipp Lahm. „Wenn der kein Superspieler wird“, hat er der Erzählung nach seiner Ehefrau Gudrun gesagt, „gebe ich meine Lizenz zurück und werde Volleyball- oder Wasserballtrainer.“ Gerland durfte seine Lizenz behalten. Nur auf sein Bauchgefühl sollte sich Flick bei der Wüsten-WM vielleicht nicht verlassen. „Auf Gefühle gebe ich nichts. Dreimal hatte ich das Gefühl, einen Sohn gezeugt zu haben, – und wir haben drei Töchter zu Hause“, sagte Gerland einmal.

Neben Lahm schafften unter ihm beim FC Bayern auch Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger, Holger Badstuber, Markus Babbel, Dietmar Hamann oder David Alaba den Sprung zu den Profis. „Der liebe Gott hat mir ein Auge dafür gegeben“, sagte er, danach gefragt, wie er das mache, unentdeckte Fähigkeiten bei den Spielern zutage zu fördern.

Gerland, der unlängst seine Biografie („Immer aufm Platz“) zu Papier gebracht hat, verlangt von seinen Spielern einiges. Der Mann, der im Alter von neun Jahren seinen Vater verloren hat und sich fortan für seine drei Geschwister verantwortlich fühlte, mag kein Lamentieren, mag keine verzogenen Möchtegernstars. Als Paulo Guerrero etwa mal wieder über die Härte des Trainings maulte oder über Schmerzen klagte, riet das westfälische Unikum, dann solle er halt zurück nach Peru gehen, aber „da gibt es Pesos, hier gibt es Euro“. Gerland sagt, was er denkt, „ich bin kein Psychologe, der die Jungen tröstet, weil sie zum 28. Mal neben das Tor geschossen haben“, sagt er. Er hat Prinzipien, seine Stärke ist die Authentizität, sein Leitmotiv einfach: „Ohne Fleiß kein Preis“, aber er lässt keinen allein, hilft, auf ihn kann man sich verlassen.

Und Gerland, der Unverzichtbare, ist einer, der im vertrauten Gespräch so richtig auftaut: Thomas Müller erzählte einmal über seinen Lieblingstrainer: „Ich bin mal drei Stunden mit ihm im Auto gesessen, da brauchst du kein Radio mehr.“ kil/sid

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