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Dem Sport fehlt das Gas

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Von: Günter Klein

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Wird sie in Augsburg genügend Wasser vorfinden? Olympiasiegerin Ricarda Funk.
Wird sie in Augsburg genügend Wasser vorfinden? Olympiasiegerin Ricarda Funk. © dpa

In Zeiten der Energiekrise muss Wasser und Gas gespart werden. Auch die Sportlandschaft ist betroffen - allen voran Wasser-und Eissport.

Keine zwei Wochen mehr – und in Augsburg soll die Weltmeisterschaft im Kanuslalom steigen. Doch die olympische Wettkampfstätte von 1972, mit Millionenaufwand saniert, hinterließ neulich noch nicht den Eindruck, dass sie startklar wäre. Normal hätte das Wasser reißend durch den Eiskanal rauschen und ein Athlet nach dem anderen die Strecke hinunterpaddeln müssen, doch kein Mensch war unterwegs, die Felsen lagen blank in der Sonne. Der Grund: Der Lech, aus dem der Eiskanal gespeist wird, führte nicht genügend Wasser. Es gibt ein Wassergesetz, das in diesem Fall regelt, wem Vorrang zu gewähren ist – die Wettkampfstrecke hat nicht die oberste Priorität.

An genügend Wasser zum Start der Kanu-WM am 26. Juli glauben die Organisatoren trotz der Hitzeperiode, die Veranstaltung gilt als nicht gefährdet – aber der Fall zeigt die neuen Abhängigkeiten des Sports. Nicht nur von der Natur – akut kommt noch die Energiekrise dazu. Direkt neben dem Eiskanal liegt das Wasserkraftwerk Hochablass – ein Faktor für die Energieversorgung der Stadt.

Der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) ist gerade aufgeschreckt, weil der Deutsche Städtetag die Empfehlung aussprach, kurzfristig Hallenbäder zu schließen. Der Dachverband befürchtet, in die Corona-Anfangszeit mit lauter geschlossenen Bädern zurückkatapultiert zu werden. Die 90.000 Vereine in Deutschland verloren Mitglieder, die Menschen wurden unfitter. Doch dem DOSB ist die Problematik vor allem der Schwimmbäder bewusst. „Mehr als 90 Prozent werden aktuell mit Gas beheizt. Das Schwimmbad ist diejenige Sportanlage, die den höchsten Energiebedarf aufweist“, räumt er in seiner Mitteilung ein.

Umstellen auf Solarstrom

Dem DOSB geht es um Aufrechterhaltung des Sportbetriebs. Daher schlägt er vor, Außenbecken mit hohen Temperaturen abzuschalten, Saunen und Spaßanlagen wie Rutschenlandschaften außer Betrieb zu nehmen und derzeit lediglich Sport- und Lehrschwimmbecken zu betreiben – diese bei niedrigerer Temperatur, wenn’s sein müsse, auch unbeheizt. Zweiter Schritt, das ist aber mittel- bis langfristig: Umstellung auf regenerative Energien. „Die Dachflächen von 39.000 deutschen Sport- und Tennishallen bieten ein großes Potenzial, Sportanlagen mit Solarenergie zu versorgen.“ Es gibt in Deutschland außerdem 8000 Schießanlagen, 9340 Bäder, 60.000 Vereinsheime.

Energiefresser sind auch die Eishallen. Das Eishockey als Hauptnutzer in den meist kommunal betriebenen Einrichtungen hat die Problematik grundsätzlich auf dem Schirm. Das im Mai gewählte neue Präsidium des Deutschen Eishockey-Bundes um Peter Merten nannte die Schaffung von Nachhaltigkeit als wichtigste außersportliche Aufgabe – „Solar-, Windenergie, was auch immer“. Ein Thema ist die Verkleinerung der Eisflächen auf die in Nordamerika üblichen 26 (statt 30) mal 60 Meter – so könnten 240 Quadratmeter, die gekühlt werden müssen, eingespart werden. Die Profiliga DEL lässt sich in Sachen Energieökonomie extern beraten, einer aus der Liga verrät im Hinblick auf die kommende Saison: „Wir haben gerade ziemlich die Hosen voll. Viele hoffen, dass die Russen in ein paar Tagen das Gas wieder aufdrehen.“

Ab Anfang August benötigen Profivereine in Deutschland Eis. Der EHC München bekommt diese Saison erst am 3. September Eis, das liegt aber daran, dass seine Halle für die European Championships im Olympiapark als Akkreditierungs-Zentrum benötigt wird. Dennoch: Eine Riesenersparnis an Energie, denn die Olympia-Eishalle ist 55 Jahre alt und entspricht nicht modernen Standards. Der EHC trainiert vorläufig in Salzburg und Garmisch-Partenkirchen.

Einen Energie-Wahnsinn betreiben die Kölner Haie. Sie wollen drei Spiele ins Fußballstadion verlegen, am 3. und 22. Dezember sowie am 8. Januar. Dafür muss eigens eine Eisfläche aufgebaut und betrieben werden. Ist es geboten, dem Profi-Eishockey das durchgehen zu lassen, wenn an der Basis gespart wird? In Füssen (Oberliga und Lehrgangstrainingsort) wird die Temperatur des Eises erhöht, was zulasten der Qualität geht, in der Bayernliga ist davon die Rede, die Saison erst Ende statt Anfang Oktober zu beginnen, damit ein paar Wochen Eiszeit eingespart werden.

Und schließlich wabert noch ein Gerücht durch den deutschen Sport, wonach auch der Fußball, der mit seinen großflächigen Rasenheizungen in der Schuld steht, schon ein Szenario für den Energie-Notfall entwickeln soll: weniger Flutlichtspiele.

Der deutsche Sport dimmt herunter – könnte passieren.

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