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Der Ball ruht wieder: Die Corona-Beschränkungen treffen den Amateursport in der ganzen Breite. Foto: Patrick Seeger/dpa

Sport und Corona

Das Ventil ist zu

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der deutsche Sport sorgt sich vor allem im Namen der Jugend um den Corona-Lockdown an der Basis.

Eugen Kern sorgt sich vor allem um die Kinder. Der Fußball-Abteilungsleiter der TSV Heusenstamm muss den Sportplatz wegen der Anti-Virus-Beschränkungen der Politik nun einen Monat lang schließen. Mindestens. „Besonders Kindern und Jugendlichen wird das Ventil genommen, den Stress, den sie in der Schule erleben, unter freiem Himmel abzubauen“, fürchtet Kern. Den Kids hätte man das ersparen können, findet er. Gerade hat sich der Verein daran gemacht, endlich wieder eine Mädchenmannschaft aufzubauen, 16 Mitglieder haben ihre erste Trainerlizenz erworben, die erste Mannschaft mischt oben in der A-Klasse mit - es war Dynamik im Klub. Und nun das.

Auch Joti Chatzialexiou schaut im Videogespräch traurig drein. „Die neuerliche Pause ist echt schmerzhaft“, sagt der DFB-Nachwuchschef. Er hat mal gerechnet. Seit Ausbruch der Pandemie haben die Jugendlichen eine Ausfallzeit erlebt, die nahezu dem Äquivalent einer Zwangspause nach einem Kreuzbandriss gleichkommt. „Das ist ein Thema, das viele Leute wütend macht. Aber man muss auch das große Ganze im Blick behalten und sich mit Blick auf die Gesellschaft zurücknehmen.“ Und er weist fairerweise darauf hin: „Handball, Basketball, Volleyball und weitere Sportarten haben noch größere Probleme, weil sie in der Halle gespielt werden.“ Auch der Deutsche Skiverband fühlt sich vor allem im Namen der Jugend „mit voller Wucht“ getroffen. „Es wird zunehmend schwieriger, Kinder und Jugendliche in Bewegung zu halten.“ DFB-Präsident Fritz Keller betont, es sei wichtig, „Orte der Gemeinschaft und Ablenkung zu bieten, ohne damit das gesundheitliche Risiko zu erhöhen“. Der Sport stärke „die Abwehrkräfte und die Gesundheit und sorgt für gerade auch in Zeiten der Krise unverzichtbare Gemeinschaftserlebnisse“,

Wutbürgertum, der verengte Blick nur auf sich, greifen zu kurz. Das sieht auch Rouven Schröder, Sportvorstand des Tabellenletzten Mainz 05, so: „Ohne Zuschauer spielen zu müssen, ist zwar bitter, aber wir sind in der Fußball-Bundesliga ja noch privilegiert, etwa gegenüber Künstlern.“ Oder gegenüber anderen Sportarten, die das Fernsehen nicht so bevorzugt behandelt.

DFL-Boss Christian Seifert hatte den Fußballprofiklubs in weiser Voraussicht schon im März geraten, „bis Jahresende ohne Zuschauer zu planen“. Im „Stern“-Interview äußerte er sich grundsätzlich: „Die generelle Besetzung von Alltagsthemen mit Angst in Deutschland – das macht etwas mit dieser Gesellschaft. Und vor den Folgen habe ich Sorge.“ Und er fügt hinzu, „Moral, Zuversicht und eine positive Zukunftsprognose für viele Menschen“ müssten bewahrt werden. „Die permanente Kommunikation unterschwelliger Todesgefahr löst Kollateralschäden aus, die wir jetzt noch nicht sehen.“ Auf die politische Entscheidung bevorstehender Geisterspiele reagierte die DFL reserviert: Das sei bedauerlich, Fans und Klubs hätten Hygiene- und Abstandsregeln „nahezu ausnahmslos diszipliniert umgesetzt und sind damit ihrer Verantwortung gerecht geworden“.

Borussia Dortmund schrieb mit einem Offenen Brief an die Fans. „Der Profifußball ist nachweislich kein Treiber der Pandemie. Und ehrlich gesagt sieht das auch niemand anders. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen.“ Aber der BVB wob auch Vokabeln der Diplomatie in seine Kritik ein: „Die explosionsartige Entwicklung des Infektionsgeschehens in Deutschland erfordert es, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und gar nicht erst die Erwartungshaltung zu entwickeln, politisch Handelnde könnten es nun jeder Branche, jedem Menschen bis ins Detail recht machen.“ Kluge Worte, ehe der Spitzenklub martialischer schloss: „Masken tragen, Ansammlungen meiden, auf private Feiern verzichten und dieses Sch...-Virus umgrätschen, als wär‘s ein gegnerischer Stürmer auf dem Weg zu unserem Tor.“

Kritik an DOSB-Präsident

Der Präsident des Deutsch Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, suchte nach Worten der Ausgewogenheit, die einerseits seiner Rolle als Lobbyisten des Sports berücksichtigen, aber auch gesellschaftliche Verantwortung dokumentieren. Der Amateursport-Lockdown sei „offenbar nötig geworden“, der DOSB trage das „trotz der negativen Effekte für den Sport solidarisch mit“, weise aber auch darauf hin, dass Schäden für den Sport durch „die pauschale Maßnahme der Politik nochmals deutlich“ verstärkt worden seien. Gute Worte, die in manchen sozialen Netzwerken scharf kritisiert werden. Der Vorwurf: Hörmann setze sich so nicht ausreichend für den Sport ein.

Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) ließ verlauten, sie „unterstütze aus Gründen des Gesundheitsschutzes die Maßnahmen“, gleichwohl teile sie „die Enttäuschung und die teilweise herrschende Verzweiflung all derer, die viel Zeit, Ideen und auch Geld in funktionierende Hygienekonzepte investiert haben, aber jetzt dennoch zu den Betroffenen gehören“. Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln sagte: „Wir haben momentan keine Alternativen. Der Appell sollte sein, dass sich jeder seiner Verantwortung bewusst wird.“ (mit sid/dpa)

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