Radsport

Das Triple des Tony M.

Tour, Giro, Tochter: Tony Martins intensives Radsport-Rentnerleben.

Was Tony Martin ganz salopp als „Rentnerleben“ bezeichnet, wäre für die meisten Menschen die absolute Qual. Der Radsport-Routinier hat gerade erst 3484 Kilometer bei der Tour de France absolviert und schickt sich ab diesem Samstag (13.10 Uhr) nach weniger als zwei Wochen Pause an, auch noch 3497 Kilometer beim Giro d‘Italia abzureißen. Doch der Marathon auf dem Fahrrad hat einen guten privaten Grund: Martin wird im Herbst zum zweiten Mal Vater einer Tochter und tritt deshalb – ohne große Verschnaufpause – schon beim Giro an statt wie ursprünglich geplant bei der Vuelta.

„Das Datum würde dann wahrscheinlich mit der Vuelta kollidieren. Aus diesem Grund habe ich mit dem Team entschieden, dass ich lieber den Giro fahre“, sagte der 35-Jährige der ARD-Sportschau mit Bezug auf den Geburtstermin. Für den viermaligen Zeitfahrweltmeister Martin war es keine Frage, dass er hier sportlich zurücksteht, um das familiäre Glück vollauf genießen zu können. „Das ist vom Erholungsgrad nicht optimal. Aber in dem Fall muss ich sagen: Familie geht vor den Sport. Deshalb haben wir hier versucht, einen Kompromiss zu finden“, begründete er.

Martins Tortur ist ein Sinnbild für den zusammengepressten Kalender, der nach viereinhalb Monaten Corona-Pause alle wichtige Rennen von August bis November vorsieht. Wie dicht der Kalender in diesem Herbst ist, zeigt ein Blick auf die Termine rund um den Giro: Wer sich für die Rundfahrt mit Start in Palermo am Samstag und Ziel am 25. Oktober in Mailand entscheidet, kann weder bei den belgischen Klassikern, noch bei Paris-Roubaix oder der Vuelta an den Start gehen.

Paris-Nizza-Sieger Maximilian Schachmann sieht die Strapazen für die Profis nicht unkritisch. „Natürlich ist es nicht leicht dieses Jahr. Die ganze Saison ist noch stressiger und anstrengender als eine normale Saison – auch, weil wir in der Zeit des Lockdowns extrem viel trainiert haben, weil alles peu a peu abgesagt wurde“, sagte Schachmann. Er selbst verzichtet auf einen Giro-Start und plant stattdessen noch Teilnahmen bei drei wichtigen Klassikern. Am Sonntag steht er bei Lüttich-Bastogne-Lüttich am Start.

Vielen Athleten fordern diese Terminhatz und die damit verbundene grenzwertige Belastung schon jetzt zu viel ab. So verzichten unter anderem Sprinter Caleb Ewan (Australien) und sein Anfahrer Roger Kluge (Eisenhüttenstadt) von Lotto Soudal auf den Giro. „Die Tour war zu hart und der Giro-Start doch um einiges schwerer, als es anfangs vorgesehen war“, sagte Kluge bei radsport-news.com. Nach der Tour „sind wir alle ziemlich platt und müde“ gewesen, ergänzte der 34-Jährige.

„Vier solcher Rennen nacheinander, das ist schon ein straffes Programm“, gab auch Schachmann mit Blick auf die fordernden Klassiker zu: „Wenn ich am 25. Oktober damit durch bin, werde ich auf jeden Fall viel Erfahrung haben mit 250-Kilometer-plus-Rennen“, sagte der 26-Jährige. Die ausbleibenden Regenerationsphasen hatte er schon 24 Stunden nach Ende der Frankreich-Rundfahrt beklagt. „Ich bin jetzt eineinhalb Tage zu Hause, und dann bin ich wieder drei Wochen unterwegs“, sagte er.

Nicht mehr die große Last

Tony Martin, der beim Tour-Auftakt in Nizza eine Neutralisierung der gefährlichen Etappe herbeiführte und so seine exponierte Stellung im Fahrerfeld unter Beweis stellte, sollte der Giro mit insgesamt drei Zeitfahren dennoch entgegenkommen. Doch die ganz großen sportlichen Ambitionen hat der Ex-Weltmeister nach eigener Aussage ohnehin nicht mehr. „Ich habe die stressigste Phase meiner Karriere im Prinzip hinter mir und kann jetzt so ein bisschen das Rentnerleben im Radsport genießen. Ich bin trotzdem Teil des Erfolgs, aber ich habe nicht mehr die ganz großen Lasten. Das macht mir aktuell Spaß“, sagte Martin.

Während er in Frankreich als unermüdlicher Tempomacher für den slowenischen Kapitän Primoz Roglic arbeitete, ist beim Giro nun der Niederländer Steven Kruijswijk der Jumbo-Visma-Fahrer für das Gesamtklassement. Die enormen Strapazen nimmt Martin gern auf sich. „Es ist schon anstrengend – gerade wenn man weiß, man muss viel im Flachen arbeiten. Das ist schon sehr, sehr hart“, erklärte er. Für einen Kapitän wie Roglic zu fahren, lasse einen aber „die Schmerzen vergessen“, fügte Martin an. (dpa/sid/FR)

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